Wirtschaftskrise
"Macht macht heuchlerisch"
Ökonomie-Professor Adam Galinsky über den Zusammenhang zwischen Macht und Moral als Auslöser der Wirtschaftskrise.
Professor Galinsky, wie oft haben Sie gegen ethische Verhaltensregeln verstoßen?
Wohl ziemlich oft. Allerdings bin ich nicht allein, wie unsere Studie zeigt: Je mächtiger jemand wird, desto wahrscheinlicher ist es, dass er von anderen höhere moralische Standards einfordert als von sich selbst.
Dieser Befund hat Sie überrascht?
Nicht wirklich. Letztlich bestätigt unsere Studie die Klischees, die viele Menschen von Politikern oder Top-Managern im Kopf haben - offenbar zu Recht.
An welche Beispiele denken Sie?
Erinnern Sie sich an Eliott Spitzer? Als Staatsanwalt von New York zeigte er ständig mit dem moralischen Zeigefinger auf andere. Als Gouverneur von New York musste er zurücktreten, als ihm Kontakte zu einem Callgirl-Ring nachgewiesen wurden - Prostitution ist in den USA verboten. Der republikanische Senator Larry Craig, der sich öffentlich mit verbalen Angriffen gegen Homosexuelle profiliert hatte, musste 2007 zurücktreten, nachdem ihn die Polizei beim Sex mit einem Mann auf einer Flughafentoilette erwischt hatte. Und die Manager, die in der Krise die Gehälter ihrer Angestellten kürzen und gleichzeitig auf eigenen Boni bestehen. Macht macht heuchlerisch.
Warum?
Wer öffentlich Wasser predigt, für den sinkt, zumindest vorerst, die Wahrscheinlichkeit, von anderen hinterfragt zu werden. Auch wenn er hinter den Kulissen heimlich Wein trinkt.
Das ließe sich noch mit einem charakterlichen Defekt erklären. Welche besondere Rolle spielt die Macht dabei?
Zunächst gehört es zu den Aufgaben von Führungskräften, Untergebenen zu sagen, wo es langgeht. Gleichzeitig dient dieses Verhalten dazu, die eigene Macht zu erhalten. Wer von anderen moralisches Verhalten fordert, hält sie auf Distanz - unabhängig von seinem eigenen Tun. Und je mächtiger jemand wird, desto unantastbarer fühlt er sich - als befände er sich außerhalb jeglicher Norm.
Wie kommt es zu dieser Illusion?
Da sind wir alle gleich: Wir wollen mehr als andere - bessere Noten, mehr Geld, mehr Essen, mehr Sex. Und je mehr Macht wir haben, desto stärker fühlen wir uns im Recht, unsere Bedürfnisse auszuleben, ohne Rücksicht auf moralische Standards. Und halten uns dazu berechtigt, andere in Schranken zu weisen. Einen Unterschied aber gibt es...
...der da wäre?
Menschen, die das Gefühl haben, ihre Machtposition zu Recht innezuhaben, neigen eher zum Heucheln. Wer das Gefühl hat, dass eine Position und die damit verbundene Macht über andere nur geliehen ist, bringt sein Handeln und den Anspruch an andere stärker in Einklang.
Sie haben in Ihrer Studie Studenten in Rollenspielen beobachtet. Warum lassen sich die Erkenntnisse auf Führungskräfte übertragen?
Die inhaltlichen Parallelen sind offenkundig: Unsere Studenten mussten sich etwa mit Betrug beim Glücksspiel auseinandersetzen, der Abrechnung von Reisekosten oder Verkehrsdelikten. Die Ergebnisse waren immer gleich: Die als mächtiger titulierte Studentengruppe beurteilte Fehlverhalten der weniger Mächtigen strenger als das eigene Verhalten.
Welche Parallelen sehen Sie zur Wirtschaft?
Denken Sie an das Bankenfiasko. Auf der einen Seite riefen die Banker nach Staatshilfen, um sich vor der Pleite zu retten, aber über die Umstrukturierung privater Kredite wollten sie nicht sprechen. Sie haben von ihren Kunden verlangt, volle Verantwortung zu übernehmen - aber ihre eigene Verantwortung haben sie auf den Staat abgewälzt. Das ist Heuchelei in höchstem Maße.
Sehen Sie einen Ausweg?
Der ist längt aufgezeigt: Aufsichtsräte müssen Vorstände besser kontrollieren - wer Macht hat, muss Rechenschaft ablegen. Wir brauchen ein System, das integres Handeln belohnt.
Galinsky, 40, ist Professor an der Kellogg School of Management der Northwestern-Universität in Evanston/Illinois. Mit dem Institut für Verhaltensökonomie der Universität in Tilburg/Niederlande hat er eine Studie über Macht und Moral veröffentlicht.
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