Studiums-Anfänger
Kein Vorsprung ohne Technik
Immer mehr Abiturienten liebäugeln mit einem Studium. Das ist gut so. Aber viele studieren das Falsche.
Langsam, aber sicher tut der Nachwuchs, was Politik und Wirtschaft predigen: Die deutschen Abiturienten drängen mit Macht in die Hochschulen. Im Jahrgang 2011 peilen 77 Prozent ein Studium an - das sind satte fünf Punkte mehr als nur zwei Jahre zuvor.
Das ist eine ausgesprochen gute Nachricht. Denn ausgerechnet das Land der Dichter und Denker bildet im Vergleich zu den Konkurrenznationen seit Jahren viel zu wenig Akademiker aus. Das Ergebnis: Schon jetzt liegt der Anteil der Akademiker an der gesamten Erwerbsbevölkerung bei uns deutlich unter dem europäischen Durchschnitt. Und der Rückstand vergrößert sich fortlaufend.
Das heißt aber auch: Die Quote der Studierwilligen ist noch immer viel zu niedrig. Denn angesichts der demografischen Entwicklung bräuchte es noch viel mehr Akademiker, um in Kürze auch nur die aus Altersgründen ausscheidenden Hochqualifizierten zu ersetzen.
Dazu kommt ein weiteres großes Manko: Die Jugend drängt leider - gemessen am Bedarf der Wirtschaft - zu weiten Teilen in die falschen Fächer. Ein Renner sind nach wie vor die Wirtschaftswissenschaften. Noch mehr Jugendliche liebäugeln mit einem sozialwissenschaftlichen, kultur- oder sprachwissenschaftlichen Studium.
Dort hingegen, wo das größte Loch klafft und die sattesten Gehälter locken, in den Ingenieurwissenschaften, tut sich nichts. Die Ingenieurlücke wächst und wächst - zuletzt konnten im Juni mindestens 76.000 Stellen nicht besetzt werden. Doch dieser Höchststand wird definitiv nicht der letzte sein.
Anfang der neunziger Jahre machte noch sage und schreibe mehr als jeder vierte Absolvent ein Ingenieur-Diplom. Zuletzt waren es im Heimatland der Autohersteller und Maschinenbauer nur noch 16 Prozent. Und es ist keine Besserung in Sicht: Auch unter den Abiturienten stagniert das Interesse am Ingenieurberuf - bei den Männern auf niedrigem, bei den Frauen auf mickrigem Niveau. Die Kluft zwischen Bedarf und Angebot an dieser für die deutsche Wirtschaft so zentralen Ressource wächst dramatisch.
Vor allem die Kultusminister haben offenbar nicht begriffen, dass sie die Weichen in den Schulen hier frühzeitig anders stellen müssen. Ob durch Technikunterricht, bessere Berufsberatung oder massiven Werbe-Einsatz leibhaftiger Ingenieure und Ingenieurinnen in den Schulen - es ist Zeit für eine konzertierte Aktion. Die Alternative ist eine nachhaltige Schädigung des Standorts.
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