Studium
Das Glücksspiel um die Studienplätze
Die Hochschulen hatten in diesem Jahr so viele Bewerber wie nie zuvor. Die Zulassung gleicht einer Wette. Die Folge: Chaos in den Hörsälen.
Manfred Schwaiger und seine Kollegen lagen in diesem Jahr zum ersten Mal komplett daneben. Schwaiger, Studiendekan der betriebswirtschaftlichen Fakultät an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU), muss im Blick haben, dass deren Studiengänge sich füllen. 800 Plätze im Bachelor BWL bietet die LMU. Abiturienten bewerben sich, die Hochschule wählt die Besten aus und verschickt Zulassungen. Das ist der Moment, in dem Schwaiger und seine Kollegen wetten müssen. Genau 800 Zulassungen zu verschicken wäre Unsinn. Nicht jeder nimmt den angebotenen Platz an. In den vergangenen Jahren versandten die Münchener meist zwei- bis zweieinhalbmal so viele Bescheide, wie es Studienplätze gibt.
Dieses Jahr wetteten Schwaiger und seine Kollegen eher vorsichtig - wegen des doppelten Abiturjahrgangs und dem Wegfall der Wehrpflicht prophezeiten viele Experten Panikannahmen. Also verschickten die Münchener nur 1.040 Zulassungen. Aber nur jeder Vierte nahm einen Studienplatz an, nach der ersten Runde blieben 530 Plätze frei. Im Jahr mit einer Rekordzahl an Studienplatzsuchenden hatte die Universität Studienplätze übrig.
Weil es keine bundesweite Plattform für die Koordinierung der Zulassungen, Absagen und Nachrücker gibt, ist das Chaos jedes Jahr programmiert. "Dieses Jahr war die Zulassung noch mehr Glücksspiel", sagt Christoph Müller, Studienassessor am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Viele Abiturienten bewerben sich an mehreren Hochschulen für Numerus-clausus-Studiengänge, in diesem Jahr gar an bis zu 30. Das setzt den Hochschulen zu.
In München konnte die LMU erst im dritten Anlauf ihre BWL-Plätze besetzen. Der Verwaltungsaufwand dafür ist enorm. "Wir waren sehr überrascht, dass die Quote so stark zurückgegangen ist", sagt Schwaiger. Das Groteske daran: "Noch nie war es so leicht, bei uns einen Platz in BWL zu bekommen wie in diesem Jahr", sagt der Studiendekan - trotz Rekordbewerberzahlen.
Obwohl das Wintersemester begonnen hat, gibt es an vielen Hochschulen noch freie Studienplätze. An der Universität Hamburg sind noch 300 der zulassungsbeschränkten Bachelor-Studienplätze frei, in Bochum 170, in Karlsruhe 220 - teils wegen Bewerbermangel, oft aber wegen der komplizierten Vergabe.
Hochschulexperten gehen davon aus, dass etliche der freien Plätze nicht mehr besetzt werden. 17.000 waren es im vergangenen Jahr. Zu viele, findet nicht nur der Deutsche Hochschulverband. Schließlich passt es schlecht zusammen, dass ein Land, dessen Wirtschaft über Fachkräftemangel klagt, diese nicht ausbildet, obwohl Kapazitäten und Interessenten da wären.
Es sei "desaströs", sagt Hochschulverbands-Präsident Bernhard Kempen, dass sich das alljährliche Chaos bei der Hochschulzulassung fortsetze. Dabei sollte eigentlich in diesem Wintersemester ein bundesweit einheitliches Studienplatz-Vergabesystems eingeführt werden.
"Hochschulstart" wurde gestoppt
Hochschulstart heißt die Plattform. Die Idee: Zentral wird dort erfasst, an welchen Hochschulen sich ein Abiturient beworben hat. Nimmt er einen Platz an, werden die anderen Hochschulen informiert und geben den Platz jemand anderem. Doch aus Hochschulstart wurde Hochschulstopp - die Technik funktioniert nicht. Und so mutmaßen und schätzen die Hochschulen weiter, wie viele Bewerber sie zulassen können. Meist beruht das auf den Erfahrungen der Vorjahre. "Doch mit doppeltem Abiturjahrgang und Abschaffung der Wehrpflicht nützen die nicht viel", sagt KIT-Assessor Müller. Daher waren in diesem Jahr auch einige Spitzenuniversitäten nicht davor gefeit, dass nur wenige Bewerber ihre Zulassung annahmen.
Noch schwieriger ist die Wette für die weniger renommierten Hochschulen. 2.000 Zusagen hat die Universität Duisburg-Essen für ihren Bachelor in BWL in diesem Semester verschickt, und trotzdem waren vergangene Woche noch 45 der 400 Plätze frei, gingen noch einmal neue Zusagen raus.
Sogar voller als erwartet ist nach der dritten Zulassungsrunde mit 828 Studenten der Bachelor in BWL an der Münchener LMU. Studiendekan Schwaiger nimmt es gelassen: "Vielleicht haben wir dafür in diesem Jahr mehr, die wirklich aus Interesse am Fach zu uns kommen und nicht nur, weil München so schön ist."
HOCHSCHULSTART
Das zentrale Online-System für die Vergabe von Studienplätzen an deutschen Hochschulen mit dem Namen "Hochschulstart" sollte eigentlich zum jetzigen Wintersemester erstmals eingesetzt werden. Der Start einer abgespeckten Version der Internet-Plattform wurde aber im April dieses Jahres verschoben. Die Plattform betreibt die Stiftung für Hochschulzulassung - besser bekannt unter ihrem alten Namen Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS).
Der Zeitplan war wohl doch zu eng, nachdem sich Bund, Länder und Hochschulen lange nicht auf ein System und die Kosten einigen konnten. Da halfen auch die 15 Millionen Euro nicht, die Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) 2009 spendierte. Offiziell heißt es, die Komplexität sei schuld, schließlich müssten die teils uralten System der 400 Hochschulen in Deutschland angedockt werden. Ob das System im Winter 2012 starten wird, bezweifeln Hochschulexperten. Etliche von ihnen stellen sogar einen Start zum Wintersemester 2013 infrage.
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