von Meike Fries

Studienabbruch

"Die Unis prüfen haufenweise Leute raus"

Überforderung, Geldprobleme, Unlust und harte Prüfungen. Studienberaterin Annett Göhmann-Ebel spricht im Interview über die Gründe, der Uni vorzeitig den Rücken zu kehren.

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ZEIT ONLINE: Frau Göhmann-Ebel, sie leiten die Psychosoziale Beratungsstelle des Studentenwerks Göttingen. Können Sie aus Ihrer Erfahrung die Ergebnisse der HIS-Studie bestätigen, wonach Studenten vor allem wegen Überforderung, finanzieller Probleme und mangelnder Motivation ihr Studium abbrechen?
Annett Göhmann-Ebel: Ja. An erster Stelle in der Beratung steht die Leistungsproblematik. Oft sind eine nicht bestandene Klausur oder Hausarbeit die Anlässe, sich mit der eigenen Situation auseinander zu setzen und sich professionelle Hilfe zu holen. Wir haben aber keine Zahlen darüber, wer dann sein Studium tatsächlich abbricht.

ZEIT ONLINE: Auch finanzielle Gründe spielen offenbar eine große Rolle für den Entschluss, der Uni den Rücken zu kehren.
Göhmann-Ebel: Damit sind wir häufig konfrontiert. Die zeitliche Struktur des Bachelors lässt es einfach nicht zu, an der eigenen wirtschaftlichen Situation etwas zu ändern. Die Studiengebühren spielen dabei natürlich auch eine Rolle.

ZEIT ONLINE: Motivationsprobleme nannten die befragten Studenten auch oft.
Göhmann-Ebel: Die nennen Studenten häufig. Dahinter kann aber alles Mögliche stecken: psychische Konflikte, äußere Bedingungen. Wir arbeiten dann daran herauszufinden, welche flankierenden Maßnahmen sinnvoll sind. Das kann eine Psychotherapie sein, aber auch ein Kurs zu Arbeitstechniken. Und die grundsätzliche Klärung, ob das Fach das richtige ist.

ZEIT ONLINE: Welche Beratungsangebote gibt es bei Ihnen für Studenten, die sich mit dem Gedanken tragen, das Studium abzubrechen oder den Beschluss sogar schon gefasst haben?
Göhmann-Ebel: Wir schauen zunächst, welche Rolle persönliche Konflikte oder die individuelle Studiensituation beim Prüfungsversagen spielen: Ob wirklich ein Leistungsproblem dahinter steckt. Dann: Wie ist der Leistungsstand, wie war die Vorbereitung? Hatte der Student genügend Motivation, hatte er die richtigen Arbeitstechniken? Schlechte Noten, eine nicht geschaffte Hausarbeit, aber auch Kränkungen durch Dozenten verbergen sich häufig hinter den Problemen.

ZEIT ONLINE: Wie viel Zeit nimmt es in Anspruch, Bilanz zu ziehen?
Göhmann-Ebel: Wir haben eine Richtschnur von bis zu zehn Sitzungen pro Student, häufig reichen drei bis vier Stunden.

ZEIT ONLINE: Was tun Sie, damit es sich jemand vielleicht doch noch anders überlegt?
Göhmann-Ebel: Wenn schwerwiegende psychische Probleme wie zum Beispiel Depressionen vorliegen, dann initiieren wir eine Krankschreibung und eine Psychotherapie. So kann ein Student beurlaubt werden und hat Zeit zur Ruhe zu kommen und ohne Druck noch einmal zu reflektieren, ob die Entscheidung steht oder ob er sich innerhalb der Uni noch einmal umorientieren will. Was in der Diskussion zurzeit aber kaum thematisiert wird, ist, dass zuhauf Leute aus der Uni rausgeprüft werden.

ZEIT ONLINE: Was meinen Sie damit?
Göhmann-Ebel: Wenn jemand eine Prüfung zum dritten Mal nicht besteht, kann er in dem Studiengang nicht weiter studieren. Gerade im Bachelor haben diese sogenannten Totprüfungen stark zugenommen. Beispielsweise müssen Studenten im BWL-Bachelorstudiengang im dritten Semester den Matheschein bestehen. Insgesamt kann ein Studienabbruch natürlich auch eine Befreiung sein, wenn der Student erkennt, dass die Studienfachwahl zum Beispiel auf Wunsch der Eltern getroffen wurde oder anderweitig fremdbestimmt war und daher nicht den eigenen Bedürfnissen und der eigenen Leistungsfähigkeit entspricht.

ZEIT ONLINE: Wie helfen Sie Studenten, die rausgeprüft wurden?
Göhmann-Ebel: Wir schauen, ob eine krisenhafte Entwicklung vorliegt, die ärztlicher oder medikamentöser Behandlung bedarf. Das ist aber seltener der Fall. Oft denken die Studenten auch schon vorher darüber nach, was ist, wenn sie die Prüfung nicht schaffen. Diese Studenten kommen meist vor der entscheidenden Prüfung zu uns, weil sie massive Prüfungsangst haben. Wir unterstützen sie, leiten zu einer effektiven Prüfungsvorbereitung an und haben dabei auch häufig Erfolg. Diejenigen, die schon gescheitert sind, kommen eher seltener in die Beratung.

ZEIT ONLINE: Haben sich die Probleme der Studenten stark verändert?
Göhmann-Ebel: Ja. In den alten Studiengängen, zum Beispiel im Magister, war das größte Problem, sich selbst Strukturen im Studium zu schaffen. Heute leiden die Studenten unter den zu engen Strukturen, fragen sich, wie sie sich Freiräume schaffen und dem Stresskarussell entkommen können.

ZEIT ONLINE: Halten Sie das System so überhaupt für tragbar?
Göhmann-Ebel: Durch die studentischen Proteste der letzten Monate ist ja zum Glück schon einiges passiert. Ich hoffe sehr, dass weitere Verbesserungen geschehen. In einigen Fachbereichen bei uns müssen die Studierenden 13 Klausuren am Ende eines Semesters schreiben. Das ist auch mit gutem Zeitmanagement nicht mehr zu schaffen. Wir hatten im vergangenen Jahr den Fall, dass verstärkt Studenten aus einem Masterstudiengang mit Burn-Out- und massiven Stresssymptomen zu uns gekommen sind. Daraufhin hat sich die Psychosoziale Beratungsstelle mit der Beauftragten für Studienqualität in Verbindung gesetzt und gemeinsam mit dem Dekanat des Fachbereichs eine Verbesserung der Studienbedingungen erreicht.

 

 

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