Ständige Erreichbarkeit

Freiheit von der Fessel

In zahlreichen Unternehmen ist ständige Erreichbarkeit selbstverständlich. Doch wann ist auch mal Pause? Eine Umfrage.

Irgendwann war der Punkt gekommen, da hatte Ralph Demuth keine Lust mehr: Berge von E-Mails hatten sich im elektronischen Postfach des IBM-Projektmanagers angetürmt. Ohne Chance, jemals adäquat beantwortet zu werden. Also zogen Demuth und seine Teamkollegen die Konsequenz - und beschlossen den sofortigen Boykott. "E-Mails haben die Grenze einer sinnvollen Nutzung erreicht", sagt Demuth. Das Ergebnis dieses ungewöhnlichen Schritts: "Eine bessere Qualität der täglichen Arbeit."
 
Was uns bis vor Kurzem noch wie die überzogene Reaktion von Einzelgängern erschienen wäre, wird heute für Unternehmen und Arbeitnehmer immer wichtiger: angemessen umzugehen mit immer ausgefeilteren Technologien. Abzuwägen zwischen der Freiheit, nach individuelleren Rhythmen zu arbeiten und zu ruhen. Und dem Druck der ständigen Erreichbarkeit, der Smartphones und Laptop zur elektronischen Fußfessel werden lässt.

 

Die Mitglieder der Protestbewegung "Sabbath Manifesto" haben sich schon entschieden: Sie verzichten einen Tag pro Woche komplett auf elektronische Kommunikation. Kein Telefon, kein Fernsehen, kein Internet, keine Musik, keine Büroarbeit. Stattdessen wieder Menschen begegnen, raus in die Natur - ohne jeglichen Termindruck.

Mehr psychische Erkrankungen
Was privat noch einfach und einleuchtend klingt, fällt im Berufsalltag zunehmend schwerer. Rund 3500 internet- und E-Mail-fähige Mobiltelefone sowie mehr als 16.000 Laptops sind beispielsweise bei den rund 40.000 Mitarbeitern des Sportartikelherstellers Adidas weltweit im Einsatz. Wer in einem globalen Team über verschiedene Zeitzonen hinweg arbeitet und ein Team oder Projekt leitet, so die Erwartungshaltung in Herzogenaurach, sollte eine "erhöhte Erreichbarkeit" haben - auch über die offizielle Arbeitszeit hinaus.
 
Ähnlich sieht man es bei Fresenius: Auch wenn es nur in Ausnahmefällen vorkomme - Ereignisse, die "im Sinne des Unternehmenserfolgs ein unverzügliches Handeln erfordern", seien Grund genug, Freizeit und Urlaub von Führungskräften zu unterbrechen.
 
Auch bei Henkel erwartet man von Führungskräften, dass sie über die tägliche Arbeitszeit hinaus "in wichtigen Fällen erreichbar sind". Geregelt wird das auch über Bereitschaftsdienstpläne. Ist ein Mitarbeiter abwesend, wird ein Stellvertreter benannt. Allerdings werden auch beim Düsseldorfer Waschmittelund Kosmetikkonzern die Vorteile der Smartphones geschätzt - etwa "um auf dem kurzen Dienstweg auch aus dem Urlaub heraus Anfragen kurz selbst zu beantworten".
 
Gleichzeitig bekräftigt der Konzern: Feierabend und Urlaub sind Erholungszeit, "das ist wichtig für die Erhaltung der Leistungsfähigkeit". Denn auch beim Düsseldorfer Dax-Konzern weiß man, dass die Zahl psychischer Erkrankungen gestiegen ist und sich "gesamtgesellschaftliche Entwicklungen immer auch in einem Unternehmen spiegeln".
 
Bei der Allianz sind inzwischen alle rund 3.300 Führungskräfte per internetfähigem Mobiltelefon ans Firmennetz gekoppelt. Wann Telefon oder Laptop aus bleiben können, entscheiden im Zweifel Mitarbeiter und Vorgesetzte individuell. Außendienstmitarbeiter können sich von zu Hause aus einloggen und arbeiten - bei freier Zeiteinteilung, allerdings nicht mehr als zehn Stunden täglich. Im Rahmen der Reisekostenabrechnung müssen sie bestätigen, diese Regelung einzuhalten. Von den Führungskräften wird überdies erwartet, dass sie bei Mitarbeitern, die regelmäßig E-Mails zu später Stunde verschicken, nachfragen, ob diese die Zehn-Stunden-Regelung einhalten.
 
Internetfähige Smartphones wiederum gibt es im Allianz-Vertrieb nur noch für leitende Angestellte. Per Gesamtbetriebsratsvereinbarung hat der Konzern entschieden, dass Mitarbeiter aber nicht verpflichtet sind, über das Diensthandy erreichbar zu sein - das Gerät kann auch "für längere Zeit ausgeschaltet bleiben".
 
Bei IBM versucht man ohne starre Vorschriften auszukommen: Feste Arbeitszeiten wurden abgeschafft, die Mitarbeiter in den oft weltweit tätigen Teams entscheiden selbst, wann sie an ihrem Projekt arbeiten und wann sie etwa per Chat-Funktion erreichbar sind. "Diese Eigenverantwortung macht unsere Mitarbeiter unheimlich stolz", sagt IBM-Mann Demuth, "alles andere würden sie als Rückschritt in die Steinzeit empfinden."

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