Spitznamen und Beleidigungen im Job

Frag Mutti, Major Tom oder Dr. Z.

Spitznamen von Chefs sagen viel über deren Charakter und Ansehen - und sind ein wichtiges Ventil für die Belegschaft.

Angela Merkel dürfte wenig erfreut gewesen sein. "Oder Du fragst Mutti, ob Sie Dir das arrangieren kann", mailte Investmentbanker und CDU-Mitglied Dirk Notheis, Chef von Morgan Stanley Deutschland, an seinen Spezi Stefan Mappus, damals Ministerpräsident von Baden-Württemberg. Die Mails des EnBW-Deals wurden nun publik. Und mit "Mutti" war keine Geringere gemeint als die Kanzlerin. Immerhin: Avancierte Merkel von Kohls "Mädchen" zur "Mutter der Nation", wenn auch mit despektierlichem Unterton.

Seit jeher erfinden Menschen Spitz-, Neck- oder Spottnamen für die Oberen. Wie eine Karikatur überspitzen diese ein typisches Wesensmerkmal, spießen Schwächen oder Stärken auf. Beinamen wie Iwan der Schreckliche, Richard Löwenherz oder Heinrich der Ohnmächtige sprechen für sich. "Der Spitzname bringt auf den Punkt, was man von einer Person erwarten kann, wie man auf sie reagieren muss", sagt der Wiener Psychoanalytiker und Humorforscher Alfred Kirchmayr.

Vorgesetzte könnten von ihren Spitznamen viel lernen

Auch Unternehmensfürsten, oft mächtiger als Staatsobere, werden mit vielsagenden Neck- und Spottnamen bedacht. "Zornröschen" ist zwar eine cholerische Chefin, aber keine, die zu fürchten wäre. Der "Generaldirektor" delegiert gerne großspurig. "Für die Psychohygiene in Unternehmen sind Spitznamen extrem wichtig", betont Kirchmayr. Denn sie sind ein wichtiges Ventil für Ärger, Aggression und Neid. Die meisten Chefs ahnen gar nicht, wie sie in den Kaffeeküchen firmieren. "Dabei könnten sie viel über sich und ihre Schwächen erfahren und sich ändern", sagt der Humorforscher.

Als unbelehrbar erwies sich der "Gorilla" - so hieß Richard Fuld, der als Chef von Lehman Brothers die halbe Welt in die Krise stürzte, wegen seiner dominant aggressiven Art. Das Alphatier kehrte den Spieß um: Er soll sich demonstrativ einen ausgestopften Gorilla ins Büro gestellt haben.

Der neue EADS-Chef Tom Enders steht zu seinem Spitznamen "Major Tom". 15 Jahre lang war der schneidige Deutsche aktiver Reserveoffizier. "Ich habe viel an Führungsrüstzeug mitbekommen beim Bund", sagte Enders der "Zeit", angesprochen auf seinen Spitznamen. Viele Chef-Spitznamen werden Kult. Stahlmanager Ekkehard Schulz etwa, Ex-Chef von Thyssen-Krupp, hieß in der Branche nur "Eiserner Ekki".

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Auch Äußerlichkeiten können einen Spitznamen prägen: Bei BMW hieß der heutige Linde-Chef Wolfgang Reitzle wegen seines gezwirbelten Oberlippenbarts "Errol Flynn".

Über den neuen Co-Chef der Deutschen Bank Anshu Jain kursiert der Name "Steiff-Tier", denn bei Veranstaltungen hierzulande trug er immer einen Knopf im Ohr für die Übersetzung. Der Name wird wohl obsolet, weil der Inder fleißig Deutsch lernt. Das dürfte die Furcht vor "Anshu's Army" etwas nehmen, wie das Heer seiner Investmentbanker in Frankfurt genannt wird. Ikonen wie Apple-Gründer Steve Jobs haben oft verherrlichende Spitznamen. "iGod" oder "His Steveness" nannten ihn seine Jünger ehrfurchtsvoll.

Anders wirkt es, wenn sich jemand selbst auf den Sockel hebt. So gab der umtriebige PR-Berater Klaus Kocks in einem Fragebogen bei Absolut-Karriere als Spitzname an: "GröKoZ (Größter Kommunikator aller Zeiten)". Harte Sanierer bekommen die härtesten Spitznamen, brauchen Mitarbeiter doch ein Ventil. Jack Welch, legendärer Chef von General Electric, machte sich mit seinen radikalen Methoden als "Neutronen Jack" einen Namen - eine Anspielung auf die Neutronenbombe, die Menschen auslöscht, aber Gebäude und Maschinen verschont. Beliebt scheint für Kostenkiller auch der Name "Bulldozer": Coca-Cola-Chef Muhtar Kent wie auch Telekom-Chef René Obermann wird er nachgesagt. Der ambitionierte Autosanierer Wolfgang Bernhard ("Beinhart") hat gleich mehrere Spitznamen. "James Benz" hieß er bei Mercedes in Anspielung auf den Gentleman-Agenten.

Der Spitzname als Marke funktioniert nicht immer

Ganz Clevere versuchen, ihren Spitznamen zur Marke zu machen, so wie Dieter Zetsche. Mit dem Slogan "Ask Dr. Z" wurde 2006 der damalige Daimler- und Chrysler-Chef in den USA mit TV- und Radio-Spots als skurriler Testpilot beworben. Offenbar mit zu wenig Echo - die 100 Millionen Dollar schwere Kampagne wurde nach zwei Monaten vorzeitig abgesetzt.

Fußballnationalspieler Bastian Schweinsteiger hat die Rechte für seinen Spitznamen sogar gerichtlich eingeklagt. Das Landgericht München verurteilte 2007 einen Fleischgroßhändler auf Unterlassung, seine Schweinswürste "Schweini" zu nennen. Der Händler musste ebenfalls die eingetragene Marke "Schweini" beim Marken- und Patentamt wieder löschen lassen.

Vor Gericht kommen kann auch, wer mit Spitznamen Chefs oder Kollegen grob beleidigt (siehe Kasten). Manager, die über ihren Spottnamen nicht lachen können, kann Humorforscher Kirchmayr trösten. "Wer keinen Spitznamen hat, ist wahrscheinlich ein farbloser Langweiler."

Zitate Fakten Meinungen
'Wer keinen Spitznamen hat, ist wahrscheinlich ein farbloser Langweiler. ' Alfred Kirchmayr, Humorforscher.

Fallstricke
Wenn Namen beleidigen 

Beispiel
Selbst wenn die Spitznamen der Bosse auf den Fluren in aller Munde sind - Mitarbeiter sollten auf der Hut sein. Als einem Chef zugetragen wurde, dass ein unliebsamer Angestellter ihn "Quasimodo" und seine Frau "Miss Piggy" nannte, erhielt dieser eine fristlose Kündigung.

Rechtliche Lage
Laut Bundesarbeitsgericht kann eine grobe Beleidigung des Arbeitgebers eine außerordentliche Kündigung rechtfertigen. "Das gilt auch, wenn der Spitzname im Betrieb gebräuchlich war und dem Betroffenen nur indirekt zu Ohren kam", sagt Arbeitsrechtler Christian Hoefs, Partner der Kanzlei Hengeler Mueller. Genauso heikel ist es, auf einer privaten Party vor Kollegen beleidigende Namen für den Chef zu äußern. Auch vor dem Gebrauch von Spitznamen in Mails kann Anwalt Hoefs nur warnen. Und wer in sein Outlook-Adressverzeichnis Spitznamen eingibt, sollte wissen: Sie werden dem Empfänger genauso angezeigt.

Ausnahme
Ein Einzelhandelskaufmann aus Rheinland-Pfalz titulierte seinen Vorgesetzten als "Wichser" - und erhielt dafür die Kündigung. Trotzdem ging der Ausfall für den Angestellten glimpflich aus. Denn das Landesarbeitsgericht Rheinland-Pfalz in Mainz erklärte die Kündigung für nicht rechtens (Az: 2 Sa 232/11). Nach Meinung des Gerichts ist auch bei grober Beleidigung eines Vorgesetzten eine Abmahnung sinnvoll, wenn zu erwarten sei, dass sie ihre Wirkung auf den Mitarbeiter nicht verfehle und sich daher der Vorfall nicht wiederholen werde. Doch das Urteil wird wohl ein Einzelfall bleiben.

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Kommentare

Schöner Artikel mit netten Beispielen, die mir so noch gar nicht bekannt waren. Erinnert mich allerdings gerade an den Fall aus dem Ruhrgebiet wo der Azubi seinen Chef bei Facebook beleidigt hat. Das kann auch echt ins Auge gehen.
Ich bin der Ansicht, dass Chefs sowieso nicht wirklich rausbekommen, was MItarbeiter über sie denken. Gerade böse Spitznamen wird er doch sowieso nur unfreiwillig zu Gehör bekommen. Da würd ich schon eher solche Bewertungsportale wie http://www.kununu.com und http://www.meinpraktikum.de vorziehen, da ist es anonym und deswegen eher ehrlich.

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