Lars Reppesgaard

Soziale Medien

Zuckerberg statt Peitsche

Facebook & Co. verbieten? Bloß nicht! Statt zu kontrollieren, wie Mitarbeiter am Arbeitsplatz kommunizieren, nutzen fortschrittliche Firmen die Vorteile sozialer Medien. Es lohnt sich.

Wenn die CIOs in deutschen Unternehmen mitverfolgen könnten, was der kalifornische Firewall-Anbieter Palo Alto Networks ermittelt hat, könnte es sie grausen. Obwohl viele Unternehmen die Nutzung von sozialen Netzwerken am Arbeitsplatz verbieten, ergeben Analysen des Datenverkehrs, dass sich kaum ein Mitarbeiter an dieses Verbot hält.

 

Diskussion: Soziale Medien im Büro

"Im Laufe eines Jahres hat sich der Datenverkehr, den die Nutzung sozialer Medien verursacht, verdoppelt", sagt René Bonvanie, Marketingchef bei Palo Alto Networks. Vor allem die von Mark Zuckerberg entwickelte Plattform Facebook übt unwiderstehliche Anziehungskraft aus. 40 Prozent der Bandbreite, die der Datenverkehr mit nicht genehmigten Anwendungen in Unternehmensleitungen beansprucht, verschlingt die Kommunikation mit Facebook. Weitere zehn Prozent entfallen auf StudiVZ. Unternehmen können diesen Kontrollverlust beklagen - oder sie machen ihn sich kreativ zunutze. Produktivität und interne Kommunikation profitieren erheblich von Facebook & Co., wenn Manager sie nur richtig nutzen: Zuckerberg statt Peitsche.

Gerade junge Mitarbeiter sind es gewohnt, am Arbeitsplatz auch die Kommunikationswerkzeuge zu nutzen, mit denen sie sich im Studium und im Privatleben vernetzen. "Vor allem bei den Jüngeren hat sich das Kommunikationsverhalten rapide geändert und in die sozialen Netzwerke verlagert", sagt Ewald Wessling, Professor für Neue Kommunikationsformen an der Fachhochschule Hannover.

Da nutzen Verbote nur wenig. Insgesamt entdeckten die Firewall-Anbieter aus Palo Alto in 22 deutschen Unternehmen Hinweise auf 527 unterschiedliche Webdienste, auf die trotz Verbote zugegriffen wurde. Dazu gehören Videokonferenz- und Instant Messaging Dienste, das Videoportal Youtube oder auch Filesharing-Systeme wie BitTorrent.

Viele Mitarbeiter setzen dabei sogar auf technische Kniffe wie das Verschlüsseln des Datenverkehrs oder Anonymisierungssysteme, um Hürden wie Firewalls auszuhebeln.

Verbote provozieren nicht nur Frust bei vielen Mitarbeitern. Auch die Produktivität sinkt. Viele dieser Netzanwendungen werden auch für den Job genutzt - etwa, um Informationen rascher zu finden.

"Facebook zu verbieten bringt nichts", sagt deshalb auch Thomas Spreitzer, Leiter Marketing bei T-Systems in Leinfelden. "Die Zeit, in der ein Unternehmen die absolute Kontrolle über die Kommunikation hat, ist vorbei." Spreitzer plädiert dafür, den Wandel als Chance zu begreifen, um kreativer und schneller auf Veränderungen am Markt reagieren zu können.

Schließlich versuchen Führungskräfte seit Jahren, an das Wissen, das in den Köpfen der Mitarbeiter liegt, zu gelangen, um Prozesse und Produkte zu verbessern. Durch den Einsatz von Web-2.0-Technologie steigt die Chance, dass diese Wissensschätze gehoben werden, anstatt zu versanden.

Das Bielefelder Computerhandelsunternehmens Synaxon setzt schon seit 2006 auf ein internes Firmen-Wiki, das wie die Online-Enzyklopädie Wikipedia funktioniert: Jeder Mitarbeiter darf Artikel schreiben und lesen. Dort findet man Verträge mit Kooperationspartnern und Lieferanten, Aufgabenbeschreibungen für alle Mitarbeiter, die Dokumentation laufender Projekte und Nachschlagewerke, etwa für Fachbegriffe und Prozesse.

So ist ein neues Führungssystem entstanden, gewissermaßen das Management 2.0. "Jeder kann alles ändern, und die Änderung gilt ohne weitere Freigabe sofort", sagt Synaxon-Vorstandssprecher Frank Roebers. "Die Produktivität jedes Synaxon-Mitarbeiters hat sich vervierfacht", sagt Roebers. "Das lässt sich aus unseren Bilanzen ablesen."

 

Die Produktivität nimmt zu

T-Systems setzt etwa auf Social-Media-Lösungen, damit Führungskräfte direkt mit ihrem Team kommunizieren können. Früher kam er nur einmal im Jahr bei einer Versammlung mit seinen 150 Marketingmitarbeitern ins Gespräch, sagt Spreitzer. Heute tauscht er sich alle sechs Wochen in einer Telefonkonferenz mit ihnen über neuste Entwicklungen aus. Das helfe ihm enorm, ein Gefühl dafür zu bekommen, "was an der Basis diskutiert wird", sagt Spreitzer.

Sogar ein Besuch bei Facebook während der Dienstzeit sehen T-Systems-Führungskräfte gern. Mancher informiere sich bereits auf der eigenen T-Systems-Facebook-Seite mehr über die eigene Firma als per Intranet, sagt Spreitzer. Dass Mitarbeiter Firmennews per Tweet oder Link in ihren privaten Netzwerken publizieren und so das Marketing von T-Systems unterstützen, ist ein angenehmer Nebeneffekt.

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