Soft Skills
Mythos Multitasking
Hirnforscher belegen, dass die Ansprüche vieler Arbeitgeber unerfüllbar sind. Der Mensch kann nicht mehrere Aufgaben gleichzeitig erfüllen.
Der ideale Angestellte sollte belastbar und flexibel sein, so steht es in fast jeder Stellenanzeige. Und die optimale Steigerung davon ist "multitaskingfähig". Mitarbeiter, die wie ein Computer mehrere Aufgaben zugleich erledigen können, sind der Traum eines modernen Arbeitgebers. Doch dass er fast zwangsläufig platzen muss, legen neuere Studien aus der Psychologie und Hirnforschung nahe.
Der Kommunikationswissenschaftler Clifford Nass von der Stanford University testete selbsterklärte Multitasker darauf, was sie denn nun besser können als andere. Er fand nichts. Im Gegenteil: Wie Nass und seine Kollegen vor kurzem im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences" berichteten, erwiesen sich eifrige Multitasker, also Personen, die überdurchschnittlich viele Medien gleichzeitig konsumieren, als ziemlich unkonzentrierte Zeitgenossen. So ließen sie sich beim Erledigen einer Aufgabe viel leichter ablenken als die Probanden der Vergleichsgruppe, die selten mehrere Medien gleichzeitig konsumieren. Die Multitasker ließen sich durch störende Signale eher ablenken und brauchten mehr Zeit für die jeweilige Tätigkeit. Ohne Ablenkung und Störungen lösten beide Gruppen die Aufgaben gleich gut.
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Auch Informationen, die sie in ihrem Kurzzeitgedächtnis behalten hatten, konnten die überzeugten Multitasker schlechter in wichtige und unwichtige einteilen. Sie brauchten sogar länger, um von einer zur anderen Tätigkeit zu wechseln. Das überrascht umso mehr, bedenkt man welch wichtige Rolle dem schnellen Hin- und Herwechseln beim Multitasking zukommt. Nass vermutet, dass es solchen Menschen schwer fällt, den Kopf frei zu kriegen. "Sie denken immer darüber nach, was sie zuvor getan haben oder in Zukunft machen werden, und verschlechtern damit ihre Denkleistung."
Da sich die Teilnehmer beider Gruppen in ihren geistigen Fähigkeiten sonst nicht erheblich unterschieden, könnte die Konzentrationsschwäche eine Folge des häufigen Multitaskings sein. Nass räumt aber ein, dass es auch umgekehrt sein könnte: Vielleicht neigen Menschen zum Multitasking, die sich sowieso schlecht auf eine einzelne Sache konzentrieren können.
Der an der RWTH Aachen lehrende Psychologe Iring Koch glaubt ohnehin, dass es sich um einen modernen Mythos handelt: "Multitasking im strengen Sinne - man erledigt mehr als eine Aufgabe gleichzeitig und störungsfrei - gibt es wohl nicht." Entweder verschlechtere sich dann die Leistung oder wir werden langsamer. Wahrscheinlich, so Koch, seien wir in solchen Situationen eher konfus und brauchten letztlich häufig länger, als wenn wir die Sachen nacheinander angingen.
Der Hirnforscher David Meyer von der University of Michigan bestätigte das experimentell. Er ließ Probanden mathematische Probleme lösen. Wenn sie schnell zwischen verschiedenen Aufgaben hin- und herwechselten, verloren sie viel Zeit. Wurden die Anforderungen größer, kam den Probanden noch mehr Zeit abhanden, vor allem dann, wenn sie zu Aufgaben wechselten, die ihnen wenig vertraut waren.
Doch auch Multitasking scheint man trainieren zu können. Das jedenfalls berichten der Hirnforscher René Marois von der Vanderbilt University und Kollegen im Fachblatt "Neuron". Ihre Versuchspersonen sollten auf akustische Reize mit stimmlichen Äußerungen reagieren, auf visuelle mit Fingerbewegungen antworten.
In früheren Versuchen hatten sie gezeigt, dass Menschen bei der zweiten von zwei Tätigkeiten länger brauchen, wenn beide Aufgaben schnell hintereinander folgen. "Die Nervenaktivität im Gehirn schien bei der zweiten Handlung verzögert zu sein, wenn die beiden Aufgaben fast gleichzeitig präsentiert wurden", so Marois. Wenn die Probanden eine Sekunde oder mehr zwischen den Aufgaben hatten, gab es diese Verzögerung nicht. Mit Hilfe bildgebender Verfahren hat Marois auch den Bremsklotz im Gehirn gefunden: den für die Steuerung von bewussten Prozessen wichtigen präfrontalen Kortex. Offenbar kann diese Hirnregion nicht mehrere Prozesse gleichzeitig ausführen. Die zweite Handlung wird aufgeschoben bis die erste abgeschlossen ist.
Das Gehirn kann nicht zwei Dinge gleichzeitig tun
In einer neuen Studie nun trainierte Marois die Probanden gezielt darauf, beide Aufgaben auf einmal zu bewältigen. Und siehe da - die Reaktionen kamen deutlich schneller. Der präfrontale Kortex, so zeigte sich, arbeitet nach dem Training schneller. Dadurch überlappten sich beide Aufgaben weniger und konnten unmittelbar nacheinander ausgeführt werden.
Was effektives Multitasking normalerweise verhindere, sei die langsame Geschwindigkeit, mit der der präfrontale Kortex Informationen verarbeite, sagt Paul Dux, ein Mitautor der Studie. "Unsere Untersuchungen legen nahe, dass unser Gehirn selbst nach intensivem Training nicht wirklich zwei Tätigkeiten zugleich ausübt." Es erledige immer nur eine Sache auf einmal. "Aber das macht es so schnell, dass wir die Illusion haben, zwei Aufgaben gleichzeitig zu bewältigen."
Multitasker
Computer
Der Begriff Multitasking kommt ursprünglich aus dem Computer-Bereich. Er beschreibt die Fähigkeit eines Betriebssystems, mehrere Aufgaben praktisch gleichzeitig auszuführen. Diese Anforderung an Maschinen wurde auf den Menschen übertragen.
Napoleon
Die Fähigkeit, verschiedene geistig anspruchsvolle Dinge gleichzeitig zu erledigen, galt schon sehr lange vor dem Computerzeitalter als Indiz besonderer Intelligenz. Der wohl berühmteste Multitasker der Weltgeschichte war Napoleon Bonaparte. Der Kaiser der Franzosen konnte angeblich gleichzeitig einen Brief lesen, einen selbst schreiben und einen dritten diktieren. Im Frühjahr 1813, während der Befreiungskriege in Deutschland, diktierte er einmal vier Sekretären gleichzeitig verschiedene Briefe. Den Krieg verlor er bekanntlich.
Gerald Ford
Der durch den Watergate-Skandal 1974 an die Macht gekommene US-Präsident Gerald Ford dagegen wurde von seiner eigenen Bevölkerung für einen Tollpatsch gehalten. Er könne, so lautete damals ein Witz, nicht einmal spazieren gehen und gleichzeitig dabei Kaugummi kauen.
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