von Peter Wagner

Rechtsausbildung

"Im Jurastudium werden die Noten plötzlich ganz mau"

Nur 0,2 Prozent aller Prüflinge im ersten Staatsexamen bekommen ein "sehr gut". Im Interview sagt der Jurist Felix Wendenburg, warum er eine Reform des Notensystems will.

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ZEIT ONLINE: Herr Wendenburg, in einer juristischen Fachzeitschrift fordern Sie gemeinsam mit Ihrem Kollegen Paul Hauser neue Noten im Jurastudium, weil die Prüfer die bestehenden Notenskalen nicht ausschöpfen. Nur 0,2 Prozent aller Prüflinge im ersten Staatsexamen bekommen die Note "sehr gut", 3,3 Prozent bekommen ein "gut" und nur 15,9 Prozent gehen mit einem "vollbefriedigend" nach Hause, einer zusätzlichen Notenstufe zwischen gut und befriedigend. Wie haben Sie selbst abgeschlossen?

Felix Wendenburg: Vollbefriedigend.

ZEIT ONLINE: Das ist verhältnismäßig gut. Warum setzen Sie sich trotzdem für eine Reform ein?

Wendenburg: Wir hatten den Eindruck, dass das System bei Studenten schon lange für Unmut sorgt. Es ist immer der gleiche Ablauf: In der Schule war man ganz gut, dann werden plötzlich im Jurastudium die Noten ganz mau, und dann beginnt das Transponieren.

ZEIT ONLINE: Die Studenten übersetzen also ihre Noten und lernen, dass eine "3" eher einer "2" oder einer "1" entspricht?

Wendenburg: Genau.

ZEIT ONLINE: Wie lange gibt es die Kultur der sehr eigenen Benotung in Jura schon?

Wendenburg: Die Quellenlage ist schlecht, aber die vorliegende Verteilung der Bewertungen kann man schon in den 1970er Jahren beobachten. Seit Jahrzehnten gehen mehr als die Hälfte aller Absolventen mit "befriedigend" oder "ausreichend" von der Hochschule ab.

ZEIT ONLINE: Warum hat bisher niemand das System infrage gestellt?

Wendenburg: Juristen verabschieden sich ungern von bestehenden Maßstäben. Das mag mit unserer Sozialisation im Studium zusammenhängen. Nach dem Studium verflacht der Ärger über Absurditäten, in der Rückschau wird man milder. Bei Paul Hauser und mir ist das Examen erst zwei beziehungsweise drei Jahre her. Uns beschäftigt die 18 Punkte-Skala aber immer noch. Sie scheint uns zu groß gewählt.

ZEIT ONLINE: Was ist das für eine Skala?

Wendenburg: Den Noten in Jura liegt eine Punkteskala von 0 bis 18 zu Grunde. 0 bedeutet "ungenügend", ab 4 Punkten bekommen Sie ein "ausreichend" und haben bestanden – deshalb sprechen Studenten von "Vier gewinnt". Mit 9 Punkten bekommen Sie ein "vollbefriedigend". Damit nimmt Sie nahezu jeder Arbeitgeber. Trotzdem fehlen Ihnen dann immer noch neun Punkte zur vollen Punktzahl!

ZEIT ONLINE: Stehen die Punkte im Zeugnis?

Wendenburg: Ja. In vielen Stellenanzeigen wird sogar darum gebeten, es möchten sich nur Bewerber ab einer bestimmten Punktzahl bewerben, ab 9,0 zum Beispiel. Also scheinen die Arbeitgeber die Differenzierung der Skala zu übernehmen. Aber welchen Sinn ergibt die Skala, wenn ihr Differenzierungs-
potenzial gerade im Mittelfeld, das für den Arbeitsmarkt so relevant ist, nicht ausgeschöpft wird? Wir sind außerdem skeptisch, ob sich Leistung so genau differenzieren lässt. Nach unserer Ansicht genügen sieben Notenstufen von "sehr gut" bis "ungenügend".

ZEIT ONLINE: Ergeben sich aus der Skalenbewertung Nachteile?

Wendenburg: Viele Universitäten müssen ein Official Transcript bereithalten, das die Zeugnisnoten der Absolventen erklärt, falls diese sich im Ausland bewerben wollen – mit "befriedigend" würde ja in England niemand genommen. Aber das ist nicht alles. Es bleibt der Erklärungsbedarf gegenüber anderen Fächern.
 
Ein Freund hat Jura, Soziologie, Psychologie und Wirtschaftswissenschaften studiert. In Jura hat er mit "befriedigend" abgeschlossen. Das ist recht gut, aber die Note hat seinen Gesamtschnitt deutlich verschlechtert. Nun muss er gegenüber Arbeitgebern, die vielleicht nur die Soziologie kennen, seine schlechtere Note rechtfertigen.

ZEIT ONLINE: Aber das lässt sich doch erklären, oder?

Wendenburg: Ja, aber dieses System sendet falsche Signale – es hat etwas von Kleinhalten, nimmt den eigenen Maßstab nicht beim Wort und gewöhnt junge Juristen an eine Fehler- statt eine Lösungssuche.

ZEIT ONLINE: Kennen Sie denn gar keine Erklärung für dieses Bewertungssystem?

Wendenburg: Manche Professoren erklären, dass man nicht erwarten könne, nach wenigen Semestern so sehr in dem Fach durchzublicken, dass man tatsächlich eine Leistung abgeben könne, die absolut herausragend wäre. Das Notensystem wäre demnach dem Respekt vor der Komplexität des Faches geschuldet. Diese Erklärung übersieht, dass eine Bewertung zugleich immer etwas über den Bewertenden aussagt.

ZEIT ONLINE: Glauben Sie, dass sich mit Ihrem Plädoyer etwas ändert?

Wendenburg: Dass der von uns vorgeschlagene Entwurf einer neuen Notenskala tatsächlich umgesetzt wird, ist unrealistisch. Was wir bereits großartig fänden, wäre eine Debatte in der Fachöffentlichkeit.

 © ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)


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