Personalsuche
Die Kontakte der Mitarbeiter nutzen
Unternehmen entdecken soziale Netzwerke, um geeignete Bewerber zu finden und sich als Arbeitgeber zu profilieren. Der Schlüssel dafür sind die eigenen Mitarbeiter.
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Die Firma SNT hatte Probleme, geeignete Mitarbeiter zu finden. Das Callcenter mit Niederlassungen in ostdeutschen Städten wie Greifswald, Neubrandenburg oder Chemnitz ist als Arbeitgeber recht unbekannt. Und so suchte SNT vergebens – und auf den falschen Kanälen. "Wir haben lange Zeit unsere Mitarbeiter über Stellenanzeigen in bundesweiten Jobportalen und über unsere Karriereseite gesucht. Aber dort sind nur wenige Bewerber vorbeigekommen", erzählt Dalibor Gavric, Personaler bei SNT. Die Folge: Viele Stellen blieben unbesetzt.
Auf einer Karrieremesse entdeckten Gavric und seine Kollegin schließlich einen Stand, der zeigte, wie Unternehmen in sozialen Netzwerken nach Mitarbeitern suchen können. Die Umsetzung sah einfach aus: Über eine Facebook-Fanpage, einen Twitteraccount oder ein Xing-Profil. Gavric und seine Kollegin entschieden, dass SNT es ebenfalls auf diesem Wege versuchen sollte, und recherchierten, wer sie dabei beraten könnte.
Fündig wurden die Personaler bei dem kleinen Start-up atenta, einer Personalberatung, die sich auf Anwendungen für soziale Netzwerke spezialisiert hat. Das junge Unternehmen bietet eine Applikation für Facebook an, die es möglich macht, die offenen Stellen im Unternehmensprofil anzuzeigen. Besucher können angeben, ob ihnen der freie Job gefällt, und sie können die Stelle in andere soziale Netzwerke sowie an ihre Kontakte weiterleiten. Ein Link führt sie außerdem auf die Karriereseite des Unternehmens, wo noch mehr Informationen zu finden sind. Voraussetzung für die Anwendung ist, dass das Unternehmen ein Profil bei Facebook hat. Und dieses sollte lebendig sein, damit Bewerber vorbeikommen – idealerweise die passenden. Im Fall von SNT sind das qualifizierte Fachkräfte aus der Region.
"Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich diese Personen in den privaten Netzwerken der eigenen Mitarbeiter finden lassen", sagt Jan Kirchner, der die Facebook-Anwendung für Jobs entwickelt hat. Facebook ist für ihn der Schlüssel zu diesen Kandidaten. "Wenn sich die Mitarbeiter des Unternehmens aktiv auf dem Firmenprofil beteiligen, öffnen sie ganz automatisch ihre privaten Netzwerke für die Personalsuche des Unternehmens."
Aber wie funktioniert das? Gavric und seine Kollegin kamen zu der Erkenntnis, dass SNT seine Personalsuche neu strukturieren musste. Nachdem der Vorstand den Schritt dazu genehmigt hatte, wurde zunächst die Karriereseite des Unternehmens überarbeitet. Anschließend führten die Personaler ein Online-Bewerbungsverfahren ein. Danach legte die Personalabteilung für SNT Profile in verschiedenen sozialen Netzwerken an, darunter Facebook, Xing, Twitter und auf der Plattform www.kununu.com, wo Mitarbeiter ihren Arbeitgeber bewerten können. Diese Bewertungen zeigt SNT auch im Unternehmensprofil auf Facebook.
Am 8. März 2010 gingen die Profile live. "Damit unsere Fanpage bei Facebook schon von Anfang an lebendig war, haben wir die Mitarbeiter gebeten, mitzumachen – und das Ganze mit einem Gewinnspiel verbunden", erzählt Dalibor Gavric. Unter allen Mitarbeitern, die am Stichtag 8. März Fans des Unternehmens wurden, verloste der Arbeitgeber ein iPhone. Mittlerweile ist gut ein Drittel aller 4600 Mitarbeiter Fan der Seite und beteiligt sich mit Postings. Ob Firmenfeier, Fortbildung oder erfolgreicher Azubi-Lehrgang – jeden Tag gibt es Neuigkeiten auf der Pinnwand. Zwei Mitarbeiter aus der Personalabteilung sowie ein weiterer aus dem operativen Geschäft betreuen die Accounts und teilen täglich Neuigkeiten aus der Firma, offene Stellen oder besondere Leistungen der Firma mit.
Einige Mitarbeiter beteiligen sich ebenfalls, hinterlassen Nachrichten, Links und Kommentare – erlaubt ist das sogar während der Arbeitszeit. "Der Facebook-Account ist mittlerweile eine interaktive Ergänzung zu unserem Intranet. Nur hier tauscht sich der Vorstand mit einem Callcenter-Agenten auf Augenhöhe aus. Die Mitarbeiter werden plötzlich mit Bild und eigener Meinung sichtbar", sagt Gavric. Und sie lernen sich untereinander kennen. Schließlich hat das Unternehmen sieben Standorte in ganz Deutschland. Auch Kritik darf auf dem Profil geäußert werden. Ebenso erlaubt sind Postings, die von feuchtfröhlichen Firmenfeiern berichten.
Damit alles reibungslos klappt, hat SNT Social Media Guidelines eingeführt: Sieben Punkte, die regeln, was gepostet werden darf und was nicht. "Geheimnisse unserer Kunden oder Vermarktungszahlen sind natürlich tabu, ansonsten halten wir es mit dem Slogan: Mut zur Kritik. Wenn jemand etwas doof findet, darf er es öffentlich sagen – nur so werden wir von außen auch als authentisch wahrgenommen", sagt Personaler Gavric.
Als "Schlüsselloch ins Unternehmen" bezeichnet Personalberater Jan Kirchner diese Strategie. "Wir raten Unternehmen auf jeden Fall dazu, in den sozialen Netzwerken offener zu sein", sagt er.
Mittelständler SNT beispielsweise bietet dort ein selbst gedrehtes Firmenvideo und Fotos von den Betriebsfeiern an. Zu sehen sind aber keine Hochglanz-Imagefilme, sondern reale Mitarbeiter, die über ihren Arbeitsalltag berichten. "Das Video soll Bewerbern zeigen, wie es ist, bei uns zu arbeiten, wer die Kollegen sind und wie sie über ihre Arbeit reden", sagt Gavric.
Mittlerweile kommen die meisten Bewerber über das Social-Media-Recruiting, viele von ihnen stammen aus dem unmittelbaren Umfeld der SNT-Mitarbeiter. Diese erhalten bei einer erfolgreichen Einstellung eine Bonuszahlung für die Vermittlung. Mehr als 40 neue Mitarbeiter hat das Unternehmen so seit März 2010 eingestellt.
Auch Constanze Buchheim sucht ihre Kandidaten ausschließlich über das Netz. Die Geschäftsführerin von i-Potentials, einer Personalberatung, die sich auf Internetunternehmen und Start-ups spezialisiert, ist überzeugt davon, dass die Personalsuche über soziale Netzwerke künftig stärker zunehmen wird. Auch beobachtet sie bei vielen Unternehmen ein Umdenken. "Die Firmen merken, dass sie Stellen nicht mehr besetzen können. Die Bewerber kommen nicht mehr einfach so, und der demographische Wandel tut sein Übriges", sagt Buchheim. "Gerade kleine und mittelständische Unternehmen müssen sich bemühen und auf die Kandidaten zugehen. Soziale Netzwerke bieten dafür das ideale Werkzeug."
Die Personalerin rät zu einer wohl überlegten Strategie und warnt vor unüberlegtem Agieren. "Wer meint, viel hilft viel, der irrt sich. Man sollte genau überlegen, in welchen Netzwerken sich die Kandidaten aufhalten, die interessant für das Unternehmen sind – und auch gut erwägen, wie man sie anspricht", gibt Buchheim zu bedenken. Viele gefragte Fachkräfte zögen sich mittlerweile aus den Karrierenetzwerken wie Xing oder LinkedIn zurück, weil sie genervt von der Flut der Jobangebote und der Art der Ansprache seien. "Es gibt einige Unternehmen, die Kandidaten plump per Massenmail anfragen. So schadet man sich allerdings."
Die richtige Recruiting-Strategie zu entwickeln und umzusetzen, bindet allerdings Ressourcen. Buchheim glaubt, dass sich deshalb das Berufsbild des Personalers künftig verändern werde. "Heute verwenden Human-Resources-Manager viel Zeit für die Verwaltung von Bewerbungsunterlagen. Doch künftig werden sie mehr Zeit dafür aufbringen müssen, um an die guten Kandidaten heranzukommen. Und sie werden wie selbstverständlich soziale Medien nutzen und sich auch um den Aufbau einer positiven Arbeitgebermarke kümmern", sagt Buchheim. Schon jetzt setzen einige Unternehmen auf Social-Media-Manager, die eng mit der Personalabteilung zusammenarbeiten. Sie sorgen dafür, dass die Profile in den sozialen Netzwerken bespielt werden. "Nichts ist peinlicher als eine Karriereseite auf Facebook, auf der tagelang nicht auf Kommentare oder Fragen geantwortet wird. So kann man die Marke sogar beschädigen, weil bei den Kandidaten ein Eindruck von Desinteresse oder Unprofessionalität entsteht", sagt Constanze Buchheim.
Wie professionell und beliebt der Auftritt von Arbeitgebern in sozialen Netzwerken ist, zeigen Employer-Rankings. Sie messen, wie die Nutzer ein Firmenprofil kommentieren und ob sie es mögen. Constanze Buchheim hat ein Beispiel für solch ein Ranking in das Profil von i-Potentials auf Facebook integriert. Ihr kleines Start-up belegt in dieser Liste einen guten mittleren Platz. Damit will Buchheim werben. "Am Ende geht es auch immer um die Arbeitgebermarke", sagt sie.
Bei SNT ist man stolz auf den Social-Media-Erfolg. Nicht nur findet der Mittelständler nach eigenen Angaben mittlerweile schneller passende Mitarbeiter. Glaubt man den zustimmenden Meinungen im Facebook-Profil, scheint sich die Belegschaft stark mit ihrer Firma zu identifizieren. Das freut Personaler Dalibor Gavric: "Glückliche Mitarbeiter sind immer noch die beste Werbung."
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