Desirée Backhaus

Mentoring

Wie Bildungsexperten ihr Wissen weitergeben

Seit der Bologna-Reform klagen die Studenten über das vollgestopfte Studium. Trotzdem nehmen sie sich Zeit, für Schüler als Paten und Mentoren da zu sein.

Wenn Mark Richter heute seinen Schützling trifft, kann er entspannt im Campus-Bistro der Ruhr-Universität Bochum warten. Denn den Weg dorthin, vorbei an den Gebäuden der naturwissenschaftlichen Fakultät, kennt Schützling Svenja Wortmann auswendig.

Dort hat die 17-Jährige schon Vorlesungen über physikalische Chemie und organische Synthese gehört, dort stand sie schon im Labor. Auf das Chemiestudium, das sie beginnen will, wenn sie in zwei Jahren ihr Abitur gemacht hat, ist sie schon perfekt vorbereitet - dank ihres Mentors Mark Richter, der in Chemie promoviert.


Richter und immer mehr seiner Kommilitonen in ganz Deutschland engagieren sich in ihrer Freizeit für Schüler. Seit einigen Jahren entstehen deutschlandweit studentische Initiativen.

Mentoring-Programme gibt es nicht nur in Bochum, sondern auch in Ulm und Dortmund. Heidelberger Studenten geben Heimkindern kostenlosen Nachhilfeunterricht, Studenten der Uni Witten-Herdecke üben mit Fünftklässlern lesen und schreiben. Und die Initiative "Rock Your Life!" unterstützt Hauptschüler bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz.

Keines dieser Projekte ist älter als fünf Jahre, also erst seit der Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge entstanden. Das erscheint paradox, klagen Studenten doch seit ebenjener Reform über Zeitdruck und zu hohe Arbeitsbelastung.

Aber: "Durch den Bologna-Prozess wird an einigen deutschen Hochschulen mehr Wert auf Sozialkompetenz und Soft Skills wie Einsatzbereitschaft und Teamfähigkeit gelegt", sagt Kevin Heidenreich, vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Die Studenten bekommen Praxiserfahrung, übernehmen Verantwortung und lernen zu organisieren. Und schließlich legen Unternehmen bei Bewerbern darauf immer stärker Wert.

Wer wäre besser geeignet, Schülern zu helfen, als die nur wenige Jahre älteren Bildungsexperten an den Hochschulen? Sie verstehen die Ängste und Sorgen besser als Eltern, Lehrer oder Studienberater. "Hätte ich etwa den Dekan fragen sollen, wie viele Mädchen ein Physikstudium beginnen, und ihm sagen sollen, dass ich Angst habe, dass meine Englischkenntnisse nicht ausreichen?" fragt die Schülerin Felicitas Scholz.

Bei ihrer Mentorin hatte die 19-Jährige keine Sorge. Auch die beiden lernten sich über "Mailmentoring Plus" kennen, das die Bochumer Ruhr-Universität seit 2006 anbietet und das der Stifterverband jüngst ausgezeichnet hat. Die Uni vermittelt die Kontakte, die Tandems treffen sich regelmäßig, gehen in Vorlesungen oder ins Labor. So bekommen die Schüler einen realistischen Eindruck davon, ob dieses Studium das Richtige für sie ist. Einige Studienabbrecher weniger könnte es so geben.

Welchen Weg er gehen soll, wusste auch Mati Grzelczyk lange nicht. Vor ihm liegt ein wichtiges Jahr: Hauptschulabschluss, Praktikum und Ausbildungsplatzsuche - für den 15-Jährigen wird es nun ernst. Mati brauchte jemanden, der ihm hilft, eine Art "großen Bruder". Als Studenten der Organisation "Rock Your Life!" im Februar an seine Schule kamen, machte er mit.

Die Initiative bildet Studenten zu Coachs aus, die Hauptschüler in den letzten zwei Jahren ihrer Schulzeit begleiten. Mati Grzelczyks Coach ist Elektrotechnikstudent Reinhardt Keller. Sie verstanden sich sofort: Das Abitur abgebrochen, absolvierte Keller nach der Schule eine Handwerksausbildung. Doch er wollte mehr: Mit dem Bachelor-Studium ist er nun fast fertig und will noch einen Master machen.

"Ich will Mati helfen, herauszufinden, was er gut kann und was ihm Spaß macht", sagt der 23-Jährige. Nach einigen Gesprächen ist sich sein Schützling ziemlich sicher: Konditor oder Koch wären etwas für ihn. Zusammen formulieren sie Anschreiben und Lebenslauf,suchen Adressen heraus und haben Erfolg: Nach den Herbstferien beginnt Grzelczyk ein Praktikum in der Küche eines Kölner Restaurants.

Deutschlandweite Expansion

"Rock Your Life!"-Gründer Stefan Schabernak, Student der privaten Zeppelin-University in Friedrichshafen, rief die Initiative 2009 mit zwei Kommilitoninnen ins Leben. In 17 Universitätsstädten haben Studenten das Konzept heute schon übernommen. Die Friedrichshafener schicken jemanden, der die Studenten auf ihre Aufgabe vorbereitet und kümmern sich um Finanzierung und Organisation. 400 Studenten-Schüler-Tandems wurden deutschlandweit so schon vermittelt.

In etwas kleineren Dimensionen denkt Ursula Spitzer. 23 Lesepatenschaften hat die Medizinstudentin der privaten Universität Witten-Herdecke im vergangenen Jahr organisiert. Die Studentin kam 2010 an die Albert-Schweitzer-Hauptschule in Bochum - sie wollte dort eine Studie durchführen.

Doch viele Schüler konnten ihre Fragebögen nicht lesen. Selbst als sie die Fragen vorlas, verstanden einige sie nicht. Spitzer suchte Lesepaten für Schüler der fünften Klasse. Für die Schüler bedeutet das eine Schulstunde mehr, trotzdem wird sie immer wieder gefragt "Wann bekomme ich auch endlich einen Studenten?"

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