von Andreas Dörnfelder

Master

Das Master-Desaster

Universität absurd: In der BWL und VWL erweist sich ein Bachelor-Abschluss von einer Top-Hochschule nicht selten als starker Wettbewerbsnachteil.

 

Der Mann ist nicht zu beneiden. Eineinhalb Stunden steht Werner Mellis, Studiendekan der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Köln, in Hörsaal I der Hochschule - und muss sich nur eines anhören: Kritik. An die 100 Studenten sind gekommen, die meisten haben ihren Bachelor-Abschluss frisch in der Tasche. Doch von Examensfeier-Stimmung keine Spur. Die Studenten sind sauer, weil die Uni ihre Bewerbung um einen Platz im Master-Programm abgelehnt hat. Und das oft trotz sehr guter Noten.

Thilo Heyer ist so ein Beispiel. Seinen Bachelor hat der 22-Jährige mit der Note 2,0 bestanden - eine weit überdurchschnittliche Leistung an der anspruchsvollen Fakultät. Heyer gehört zu den besten 16 Prozent seines Jahrgangs.

Für einen Platz im Masterprogramm mit dem Schwerpunkt "Corporate Development" reicht es trotzdem nicht. Dafür hätte Heyer eine 1,8 gebraucht. Ein Ergebnis, das viele Absolventen weniger renommierter und anspruchsvoller Hochschulen vorweisen können. Bewerber von Fachhochschulen und Berufsakademien ziehen an Kölner Spitzenstudenten vorbei.

An anderen Top-Fakultäten für BWL und VWL ist die Lage ähnlich: Einerseits umwerben die Unis Studenten mit dem Versprechen einer überdurchschnittlich guten Bachelor-Ausbildung. Andererseits vergeben sie viele Masterplätze an Bewerber von zweit- und drittklassigen Hochschulen, die auf dem Papier bessere Noten mitbringen. An der Frankfurter Goethe-Universität hat fast jeder dritte Master-Student in Wirtschaftswissenschaften seinen Bachelor an einer Fachhochschule oder Berufsakademie erworben.

Schwächen im System

All das ist eine Konsequenz des Totalumbaus der Hochschullandschaft, der ab 1999 nach einem Beschluss der europäischen Bildungsminister in der norditalienischen Universitätsstadt Bologna begann. Formal sind die Reformen abgeschlossen: Bachelor- und Masterstudiengänge haben die Diplom-, Magister- und Ingenieur-Abschlüsse abgelöst - nach einem quälenden Umbauprozess, in dem Unis jahrelang mit sich selbst beschäftigt waren und ihre Studiengänge komplett umgekrempelt haben. Doch jetzt hat die erste Generation von Bachelor-Studenten ihr Studium erfolgreich abgeschlossen - und es offenbaren sich gewaltige Schwächen im System.

Eigentlich sollte der auf sechs Semester ausgelegte Bachelor zum Regelabschluss werden, damit der Großteil des akademischen Nachwuchses früher ins Berufsleben startet. Der auf den Bachelor folgende Master-Abschluss war nur für eine kleine Elite von Top-Studenten gedacht.

Beispiel München: Rund 600 Studenten sind an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) für einen Bachelor in Wirtschaftswissenschaften eingeschrieben. Für den darauf aufbauenden Master of Science in Betriebswirtschaftslehre hat die LMU nur 91 Kandidaten zugelassen. Tatsächlich aber ist die Nachfrage nach Master-Plätzen viel größer als die Kapazitäten. Die Frankfurter Goethe-Uni hat für die 413 Plätze in Wirtschaftswissenschaften fürs nächste Semester 1600 Bewerbungen erhalten. Bei den Hamburger Wirtschaftswissenschaftlern gingen für 170 Master-Plätze 1140 Bewerbungen ein. Seit einer guten Woche hagelt es auch im Norden Absagen.

Mehrere Faktoren sind für den Run auf den Master verantwortlich. Nicht wenige Arbeitgeber beäugen die neuen Kurz-Studiengänge noch skeptisch; und die Wirtschaftskrise macht Berufseinsteigern das Leben zusätzlich schwer. Zudem sehen sich viele Studenten nach drei Jahren an der Uni schlicht noch nicht am Ende ihrer akademischen Karriere. 89 Prozent der Bachelor-Studenten denken über ein weiterführendes Studium nach, und 45 Prozent haben sich fest für eine Weiterqualifikation entschieden, zeigte jüngst eine Umfrage des "Zeit"-Verlags unter 4000 Studenten.

Die Folgen an den Universitäten sind paradox: Gerade an Top-Hochschulen, die in den Uni-Rankings vorne liegen, führt die Bewerberflut dazu, dass viele gute bis sehr gute Studenten der eigenen Hochschule Absagen erhalten. In Köln zum Beispiel gehen von den 355 Zulassungen für den Master of Science in Business Administration (MBA) nur 56 an örtliche Absolventen. Zwei Drittel der eigenen Bewerber hat die Fakultät abgelehnt.

Denn: Bei der Vergabe der Plätze spielen die Bachelor-Noten eine zentrale Rolle. Bewerber von weniger anspruchsvollen Hochschulen haben nicht selten die Nase vorn - denn auf dem Papier können sie oft bessere Noten vorweisen. "Bei uns erhalten Kommilitonen mit einem Schnitt von 1,9 eine Absage, während FH-Absolventen einen Platz bekommen", berichtet der Frankfurter Fachschafts-Sprecher Marco Keidel.

Die Abschlüsse von Universitäten, Fachhochschulen und Berufsakademien tragen zwar den gleichen Namen - inhaltlich gibt es aber gewaltige Unterschiede. Fachhochschulen und Berufsakademien betonen die Praxisnähe ihrer Ausbildung. Top-Universitäten wie Frankfurt oder Köln legen in ihren BWL-Bachelor-Studiengängen dagegen viel größeres Gewicht auf mathematische und statistische Methoden. "Fachhochschulen und Berufsakademien können da oft gar nicht mithalten", berichtet der Frankfurter Professor für Personalwirtschaft, Guido Friebel. "Ich will niemanden bei mir im Master sitzen haben, der noch nie eine lineare Regression gesehen hat."

Die Hochschulgesetze der Länder sprechen den Universitäten zwar einigen Spielraum bei der Auswahl ihrer Master-Studenten zu - den aber legen die Hochschulen höchst unterschiedlich aus. Manche Universitäten wie Frankfurt verlangen neben einer guten Bachelor-Note Sprachtests und Empfehlungsschreiben von Professoren, andere wie München oder Hamburg setzen auf eigene Auswahlverfahren. Nicht selten gucken Universitäten aber wie eisern auf die Bachelor-Noten - zum Beispiel Köln.

Diesen Universitäten ist eine individuelle Auswahl zu aufwendig. Zudem haben sie Angst vor einer Klagewelle. Wenn die Auswahl nicht nach streng objektiven Faktoren verläuft, könnten abgelehnte Studenten massenhaft gegen die Entscheidungen prozessieren, lautet die Sorge. Derzeit seien bereits fünf Verfahren von Studenten anhängig, die gegen ihre Master-Ablehnung klagen wollen, berichtet der auf Hochschulrecht spezialisierte Kölner Anwalt Christian Birnbaum. Ein Knackpunkt sei die Frage, weshalb ein Universitätsabschluss gleichen Wert haben sollte wie ein FH-Bachelor. Noch sei die Rechtslage allerdings unklar. Birnbaum: "Bislang gibt es nur ganz wenig Rechtsprechungen dazu."

In den nächsten Jahren dürfte der Kampf um die Master-Plätze noch härter werden, erwarten Bildungsexperten. "Die Umstellung von Diplom auf Bachelor hat in den vergangenen Jahren Kapazitäten gebunden, die nun nicht mehr für Masterstudienplätze eingesetzt werden können", sagt Horst Moog vom Hochschul-Informations-System in Hannover. Wegen der Umstellung aufs achtjährige Gymnasium strömen bis 2015 geschätzte 275 000 zusätzliche Studienanfänger an die Hochschulen.

Im Hörsaal I der Uni Köln diskutiert Studiendekan Werner Mellis mittlerweile, weshalb die Wiso-Fakultät nur auf die Note als Auswahlkriterium baut. "Glauben Sie, dass Sie mit dem derzeitigen Auswahlverfahren wirklich die besten Studenten für den Master ermittelt haben?" will eine Studentin wissen. Im Raum herrscht für einen Moment lang Stille. "Gefühlsmäßig", antwortet der Professor nach einigem Zögern, "habe auch ich ein Problem mit dem Ergebnis."

Bologna-Prozess

Idee

Im Jahr 1999 beschlossen die Bildungsminister von 29 europäischen Staaten, ihre Universitätsausbildung zu vereinheitlichen. Bis 2010 sollte ein "europäischer Hochschulraum" mit vergleichbaren Studiengängen und -abschlüssen entstehen.

Folgen

In Deutschland bedeutete die Reform das Ende der Diplom-, Magister- und Ingenieur-Abschlüsse. Üblich sind jetzt Bachelor-Studiengänge, die auf sechs Semester ausgelegt sind. Nur die besten Bachelor-Absolventen können ein Master-Studium aufsatteln, das meist vier Semester dauert.

Kritik

Die Reformen haben die Studiengänge stark verschult, die Arbeitsbelastung der Studenten ist enorm, und die Vergabe der Master-Plätze ist umstritten.


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