von Stefani Hergert

Managereid

Zeit für einen neuen Versuch

Der Führungsnachwuchs der Welt will ein einheitliches und verbindliches Berufsethos schaffen - ist sich aber noch nicht ganz einig.

 

Die Idee ist 100 Jahre alt, und jetzt, wo die Zeit dafür endlich reif zu sein scheint, gibt es gleich Ärger. Die Rede ist vom Berufsethos für Manager. Die Zeichen der Zeit erkannt und den Eid publikumswirksam umgesetzt haben im Frühjahr die Absolventen der Harvard Business School. Mehr als jeder Zweite des jüngsten MBA-Jahrgangs schwor, als Manager künftig ethisch und verantwortlich zu handeln. Und der Initiative des Harvard-Alumnus Max Anderson folgten bis heute weltweit 1.700 MBA-Absolventen. Das ärgert Christopher Jahns. Der Präsident der European Business School in Oestrich-Winkel, befürchtet, dass der Eid zum Marketinggag verkommt.

Denn er und andere Young Global Leaders haben es sich zum Ziel gesetzt, einen hippokratischen Eid für Manager zu etablieren - und das weltweit. Das Netzwerk, eine vom Weltwirtschaftsforum ernannte Gruppe von jungen Führungskräften aus der ganzen Welt hat das schon im Januar dieses Jahres auf dem Gipfel in Davos beschlossen - lange bevor die Harvard-Studenten das Thema auf die internationale Bühne hoben. Die Young Global Leaders wollen jedoch einen Schritt weiter gehen und "auf neutraler Ebene" den hippokratischen Eid für Manager institutionalisieren. Dabei ist der Eid nur ein Schritt und die Initiative selbst nur Teil einer neuen Bewegung.

Denn Ansätze für einen Ehrenkodex oder Managereid gab es schon vor Jahren etliche. Der Präsident der Thunderbird School in Arizona, Angel Cabrera, hat seine Studenten dazu bewogen, einen solchen Eid zu formulieren und bei der Abschlussfeier zu schwören. Heute habe praktisch jede etablierte Business School einen Ehrenkodex, zumeist von den Absolventen persönlich unterschrieben, sagt Andreas Hackethal, Dekan der Goethe Business School. Doch erst die aktuelle Wirtschaftskrise, die Frage nach der Schuld der Business Schools und ein Artikel der beiden Harvard-Professoren Rakesh Khurana und Nitin Nohria von Herbst 2008, in dem sie einen Eid für Manager vorstellten, hat die Diskussion richtig ins Rollen gebracht - und auch die Harvard-Absolventen zum "MBA Oath" inspiriert.

Der Artikel war wohl auch für die Young Global Leaders der Anstoß. Im Januar dieses Jahres beschlossen sie, einen Managereid zu formulieren, riefen unter der Führung einiger Hochschulchefs im Netzwerk ein Projektteam aus Managern, Beratern und Regierungsmitgliedern ins Leben, das seitdem an einem Eid arbeitet. Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos im Januar 2010 wollen sie den Eid vorstellen. Cabrera hofft, dass Vorstandsvorsitzende namhafter Unternehmen die Idee unterstützen und auch die Business Schools den Eid annehmen.

Bisher sieht es aber nicht danach aus. Wer mit Schulen in den USA und Deutschland spricht, muss meist erst einmal erklären, was das Davoser Gelöbnis eigentlich ist. Bisher ist das Netzwerk laut EBS-Chef Jahns auch noch nicht auf sie zugegangen. Doch die Schulen seien auch nicht wirklich bereit, einen Eid zu übernehmen, sagt Cabrera. Denn Kritiker, wie Anette Tronnier, Geschäftsführerin der Gisma Business School, gibt es viele. "In meinen Augen ist das wilder Aktionismus. Ich glaube auch nicht, dass man damit junge Menschen erreicht."

Wer kontrolliert die Manager?
Offen ist zudem, wer kontrollieren soll, dass die Wirtschaftsführer den Eid auch wirklich befolgen. "Um ehrlich zu sein, wissen wir das auch noch nicht", gesteht Cabrera. Einzige Kontrollmöglichkeit ist laut Jahns die soziale Ächtung - der Bruch des Eids müsse in sozialen Netzwerken dokumentiert werden.

Daran wird deutlich, dass der Eid nur der erste Schritt sein kann zu einem höheren Ziel: der Etablierung eines Berufsethos unter Managern. So sieht es auch Rich Leimsider. Der Direktor am Aspen Institute kümmert sich um die Organisation für eine Gruppe, die sich "The Oath Project" nennt. Was mit einer Telefonkonferenz begann, ist heute ein Zusammenschluss von Akteuren, die einen weltweit einheitlichen Managereid kreieren wollen.

Daran beteiligt sind die bekannten Verfechter: Angel Cabrera, die Harvard-Professoren Rakesh Khurana und Nitin Nohria, Max Anderson und andere Harvard-Absolventen, Mitglieder des World Economic Forum und des Netzwerks Young Global Leaders. Sie würden auf dem nächsten Weltwirtschaftsforum in Davos Ende Januar gern einen einheitlichen Eid vorlegen, sagt Leimsider. Es wäre der erste Schritt dahin, dass Wirtschaftsführer ihre Rolle und ihren Weg überdenken. Ob sie das bis zum Januar schaffen, ist fraglich. Doch selbst wenn es etwas länger dauert - gegen 100 Jahre sind ein paar Monate nichts.

YOUNG GLOBAL LEADERS
Das Weltwirtschaftsforum nimmt jedes Jahr 200 bis 300 junge Führungskräfte in den Kreis des Netzwerks Young Global Leaders auf. Sie vertreten alle Regionen der Welt und sind außergewöhnliche Menschen aus Wirtschaft, Politik, Zivilgesellschaft, Wissenschaft, Kunst und Kultur, von denen das Forum glaubt, dass sie die Zukunft entscheidend mitprägen.

Die Mitglieder müssen zum Zeitpunkt der Nomininierung jünger als 40 Jahre sein. Jedes Jahr sind auch einige Deutsche dabei, 2009 unter anderem die Schwimmerin und Paralympics-Siegerin Claudia Hengst, Rennfahrer Michael Schumacher, Bundesminister Karl-Theodor zu Guttenberg, der Präsident der European Business School Christopher Jahns sowie Bertelsmann-Manager Immanuel Hermreck.

 

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