Kreativität
Geistesblitze
Gewiss, nicht jeder Büroangestellte hat so bahnbrechende Geistesblitze wie die Gründer von Milliardenunternehmen oder Top-Manager von Weltkonzernen. Dennoch können auch deutsche Abteilungsleiter viel davon lernen, da sich ihr Ideenreichtum häufig auf das reichlich antiquierte betriebliche Vorschlagswesen reduziert.
Fest steht: Unternehmen müssen die Büros nicht gleich zu Wohlfühloasen umbauen, wie es zum Beispiel der Internet-Konzern Google in seinem Forschungs- und Entwicklungszentrum in Zürich getan hat - mit Entspannungsräumen, Massageliegen oder einer Rutschbahn in die Kantine.
Ebenso wenig ist es zwingend, ein Fitnessstudio mit eigenen Trainern und einen Fußballplatz einzurichten - so geschehen in der Hauptzentrale des Modeunternehmens Hugo Boss im schwäbischen Metzingen. Alles schön und gut - viel wichtiger aber ist das Klima auf den Fluren.
Kreativforscher sind sich inzwischen sicher: Die Mitarbeiter brauchen das Gefühl, dass ihr Arbeitgeber Einfallsreichtum fordert und fördert - dann werden sie auch kreativer. Ein Weg dorthin sind Berufsbilder, deren Aufgabe darin besteht, sich um die Geistesblitze der Beleg- schaft abseits von Forschungs- und Entwicklungsabteilungen zu kümmern.
Einen solchen Job hat etwa Tim Wintermantel. Der 35-Jährige ist seit Anfang 2009 offizieller Innovationsmanager bei Bayer. Natürlich ist der Chemie- und Pharmariese per se kreativ, in den Laboren tüfteln über 12.000 Mitarbeiter an neuen Produkten und Technologien. Vor einigen Jahren aber beschloss der Konzern, auch die Kreativität der anderen Mitarbeiter zu nutzen, und rief die Initiative "Triple-i" ins Leben, die heute Wintermantel betreut.
Im Intranet gibt es seitdem ein spezielles Portal, auf dem jeder seine Ideen hinterlassen kann, alle paar Monate startet Bayer zusätzlich Aufrufe und Kampagnen zu bestimmten Themen. 70 neue Vorschläge landen derzeit jeden Monat auf Wintermantels Schreibtisch, der sich dann erst mal einige Fragen stellt: Gibt es einen Bedarf? Wer ist die Zielgruppe? Passt die Idee zu Bayer? Und ist sie überhaupt realisierbar? Jeder Vorschlag wird geprüft, jeder bekommt ein Feedback.
Seit Beginn der Initiative im Jahr 2006 haben die Angestellten insgesamt schon über 10.000 Ideen beigesteuert. Eine Mitarbeiterin empfahl beispielsweise, den Bayer-Kunststoff Makrolon auch im Bootsbau einzusetzen. Ein anderer riet dazu, ihn bei der Konstruktion eines transparenten Snowboards zu verwenden - beide Einfälle wurden verwirklicht, viele andere stehen kurz vor der Einführung, mehr will Wintermantel derzeit noch nicht verraten.
Natürlich hat nicht jede Idee das Potenzial einer neuen Aspirin, aber darum geht es auch nicht. Wichtig sei vielmehr das Signal an die Belegschaft: "Jeder einzelne Mitarbeiter weltweit darf und soll zur Innovation beitragen", sagt Wintermantel.
Eine solche Einstellung ist jedoch bisher immer noch die Ausnahme. Vor allem in starren Konzernhierarchien. Traditionell hat es Kreativität dort schwer - was viel mit der ursprünglichen Bedeutung des Wortes zu tun hat. Abgeleitet vom lateinischen Wort "creare" (schaffen) wurde sie ursprünglich definiert als das schöpferische Vermögen, neue Aspekte und Ansätze für Problemlösungen zu finden. Genau hier liegt das Dilemma.
Neues provoziert
Denn diese Fähigkeit heften sich nicht wenige Führungskräfte gerne exklusiv ans Revers. Allzu kreative Mitarbeiter würden da nur das gleißende Licht der Geistesblitze dimmen, die angeblich regelmäßig in der Chefetage einschlagen.
Hinzu kommt: Neues zeigt sich stets in Form von Abweichungen, und die "irritieren und provozieren", wie es der deutsche Soziologe Niklas Luhmann einst formulierte. Das stört nicht nur Vorstandsvorsitzende, Abteilungsleiter und Kollegen im Berufsleben - sondern schon Lehrer in der Grundschule.
Zu diesem verblüffenden Ergebnis kam der Psychologe Erik Westby vom Union College in New York. In einer Studie im Jahr 1995 befragte er Dutzende von Pädagogen nach ihren Erfahrungen mit kreativen Kindern. Zwar behauptete zunächst jeder Lehrer, großen Wert auf einfallsreiche Kinder zu legen. Als Westby die Teilnehmer aber darum bat, ihren Schülern verschiedene Charaktereigenschaften zuzuordnen, schnitten ausgerechnet die kreativen am schlechtesten ab. Sie waren bei den Lehrern am unbeliebtesten, weil sie viele Fragen stellten, selten gehorchten und oft in Konflikte gerieten.
Typisch. Denn besonders kreative Menschen sind auch häufig Außenseiter, eben weil sie verrückte Ideen haben, die dem vermeintlichen Mainstream nicht passen, und somit immer wieder anecken. Bequem ist anders.
Amir Kassaei, Kreativdirektor der Werbeagentur DDB in Berlin, ist sich dessen vollkommen bewusst. Vor einigen Jahren interviewte er auf einem Kongress mal Karl Lagerfeld. Als die Rede auf Kreativität kam, sagte der Modezar: "Appetit kommt beim Essen, und Ideen kommen beim Arbeiten."
Den Spruch hat Kassaei nie vergessen. Entsprechend legt er heute viel Wert darauf, in seiner Agentur ein spezielles Klima zu schaffen, in dem "Mut belohnt und Fehler nicht bestraft werden".
Schon bei Einstellungsgesprächen achtet er bei potenziellen Kandidaten auf Qualitäten, die in keinem Zeugnis auftauchen. Er sucht Menschen, die sich eigene Gedanken machen, unkonventionell denken und auch mal mit dem Kopf durch die Wand wollen. Der Erfolg gibt Kassaei recht: Das Branchenranking "The Big Won" zählt ihn seit Jahren zu den besten Kreativchefs der Welt.
Als Werber ist er freilich das Paradebeispiel eines kreativen Kopfes. Doch viele Unternehmen vergessen schnell, dass auch auf ihren Fluren großer Ideenreichtum vorhanden ist: der Controller, der geschickt mit sinkenden Budgets jongliert; der Personaler, der neue Rekrutierungsmethoden für die Talente von morgen findet; der Stratege, der nach neuen Geschäftsbereichen sucht.
Womöglich tun sich manche Manager auch deshalb so schwer damit, weil sie einen Drahtseilakt leisten müssen - zwischen Einsparungen und Einfallsreichtum: "Wer zu spät an die Kosten denkt, ruiniert sein Unternehmen. Wer zu früh an die Kosten denkt, tötet die Kreativität", resümierte einst der deutsche Industrielle Philip Rosenthal.
Doch ohne Kreativität keine Innovationen. Und ohne sie droht nicht nur Stillstand, sondern auch Rückschritt. Die Konkurrenz schläft nicht, sondern überholt rechts und links.
Ideenkiller Lärm
Nicht nur Treiber, auch Getriebener zu sein erhöht den Druck am Arbeitsplatz. Eine weitere Hürde für Kreativität - denn Einfallsreichtum braucht vor allem Konzentration und Ruhe.
Die US-Psychologin Shelley Carson von der Harvard-Universität konnte für ein Experiment vor einigen Jahren eine Reihe unterschiedlicher Studenten gewinnen. Zuvor testete sie die unterschiedlichen Fähigkeiten: Die einen Teilnehmer zeichneten sich durch besondere Kreativität aus, die anderen hatten ihre Stärke eher in der Liebe zum Detail.
Nun las Carson den Probanden über Kopfhörer einen Text vor, in dem gelegentlich Fantasiewörter auftauchten. Die Aufgabe bestand darin, die Anzahl der sinnfreien Wörter zu zählen - während die Studenten im Hintergrund störende Geräusche hörten. Die unkreative Testgruppe ließ sich davon allerdings überhaupt nicht beirren. Alle zählten ungerührt weiter. Fehlerlos.
Und die Kreativen? Sie versagten komplett. Nur wenige Geräusche waren notwendig, um sie völlig aus dem Konzept zu bringen. Manche brachen den Versuch sogar ab, andere machten plötzlich Dutzende von Fehlern.
Carson schiebt diese unterschiedlichen Reaktionen auf die verschiedenen Gehirne: Kreative sind sensibler und reagieren daher auf jegliche Sinnesreize. Ein Mechanismus namens "latente Hemmung" ist bei ihnen so schwach entwickelt, dass sie Reize von außen gar nicht erst abblocken.
Nicht wenige reagieren darauf, indem sie bewusst die Stille suchen oder sich eine kleine Auszeit nehmen - vorausgesetzt, sie können sich das erlauben.
"Für neue Ideen ist Bewegung gut", sagt etwa René Obermann, Chef der Deutschen Telekom. Er geht am frühen Morgen gerne fünf Kilometer Joggen, bevor er ins Büro fährt. Toyota-Deutschland-Chef Alain Uyttenhoven hat seine besten Einfälle auf dem Mountainbike oder einem Langstreckenflug. Durch die veränderte Perspektive könne er seine Gedanken schweifen lassen: "Neue Ideen ergeben sich dann fast von selbst." Und Kirsten Lange, Geschäftsführerin der Boston Consulting Group, greift bei geistiger Leere zu Gedichten, bei deren Lektüre sie ganz abtaucht. Diese "Mischung aus Fakten und Meinungen, aus unklaren Formen und unvollständigen Mustern" helfe ihr dabei, Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.
Manchmal helfen schon kleine Ablenkungen, um neue Einfälle zu bekommen (siehe Kasten Seite 74). Mit positiven Folgen für das ganze Unternehmen.
Die Bereitschaft zu Veränderungen steigt, Entscheidungen fallen leichter, Probleme werden schneller gelöst. Und: Derart kreative Konzerne wuchsen selbst in der Wirtschaftskrise schneller als ihre Konkurrenten, wie der Computerkonzern IBM in seiner Studie herausfand.
Offenheit für Neues zahlt sich eben aus. Notwendig ist dafür oft nicht viel mehr als eine Attitüde, wie sie der irische Schriftsteller George Bernard Shaw vorlebte: "Du siehst Dinge und fragst: Warum? Doch ich träume von Dingen und sage: Warum nicht?"
Zehn Methoden für mehr Kreativität
Brainstorming
Bereits in den Dreißigerjahren griff der Werber Alex Osborn auf ein indisches Mantra zurück: "Using the brain to storm a problem." Äußern Sie, was Ihnen gerade einfällt - egal, wie verrückt es klingt. Kritik? Einwände? Tabu! Erst hinterher werden Klasse und Masse getrennt.
Clustering
Man nehme: Ein Blatt im Querformat und notiere in der Mitte das Problem oder die Idee. Um den Begriff herum schreiben Sie alles nieder, was Ihnen einfällt. Beim Betrachten der Zusammenstellung ("Cluster") werden die einzelnen Aspekte sichtbar.
Mind Map
Mit der "Gedankenkarte" werden Ideen visualisiert. In die Mitte schreiben Sie einen Begriff (Beispiel: Produkt X), den Sie mit Unterkategorien (etwa: Chancen, Probleme, Risiken) verbinden. Von dort führen kleinere Äste weg. Durch die Kombination von Wörtern und Bildern werden beide Gehirnhälften aktiviert - die linke für logisches und sprachliches Denken, die rechte für Fantasie.
Methode 653
Sechs Teilnehmer formulieren fünf Minuten lang drei Ideen auf einem Blatt Papier. Nun reicht jeder sein Blatt an den Nachbarn weiter, der die Idee verfeinert oder ergänzt. Das Ganze läuft so lange, bis die Blätter einmal im Kreis gewandert sind. So entstehen im Optimalfall innerhalb von 30 Minuten 108 Ideen.
Morphologischer Kasten
Die Methode stammt vom Schweizer Astrophysiker Fritz Zwicky. Am Anfang steht ein Problem - etwa die Erfindung eines Handys. In eine Tabellenzeile schreiben Sie die wichtigsten Merkmale, etwa: Material, Farbe, Form. Dann überlegen Sie sich für jede der Kategorien alle denkbaren Ausprägungen, also beim Material Kunststoff oder Keramik, bei der Form rund oder eckig. Nun müssen Sie aus den Kombinationen eine Lösung wählen.
osborn-methode
Auch diese Technik stammt von Alex Osborn. Neun Fragen sollen ein Produkt oder Projekt weiterentwickeln: Wofür kann ich es noch verwenden? Weist das Problem auf andere Ideen hin? Was lässt sich ändern? Lässt sich etwas vergrößern, hinzufügen, vervielfältigen? Lässt sich etwas verkleinern, wegnehmen, verkürzen? Was kann ersetzt werden? Kann die Reihenfolge oder Struktur geändert werden? Kann die Idee ins Gegenteil gekehrt werden? Können Ideen kombiniert, Personen verbunden werden?
SCAMPER-Methode
Scamper ist ein Akronym und steht für sieben Punkte: Substitute, Combine, Adapt, Modify, Put, Eliminate, Reverse. Also: Was können Sie ersetzen, kombinieren, anpassen, modifizieren, umdisponieren, eliminieren, zurückbilden?
Sechs-Hüte-Methode
Die Hüte sind Sinnbild für verschiedene Rollen, die vor einer Diskussion verteilt werden. Weiß steht für Sachlichkeit, Rot für Emotionalität, Schwarz für Problemorientierung, Gelb für Optimismus, Grün für Kreativität, Blau für Disziplin. Die Teilnehmer sollen jeweils gemäß ihrer Rolle argumentieren.
Umkehrmethode
Wie können wir schlechter abschneiden als unser Konkurrent? Klingt abwegig, ist aber der Kern dieser Technik. Zuerst wird nach Gründen gesucht, die zum Misserfolg führen. Ziel: neue Perspektiven gewinnen. Danach werden die Anti-Erfolgsregeln ins Gegenteil verkehrt.
Disney-Methode
Walt Disney erfand diese Technik: Die Teilnehmer nehmen drei Rollen ein - zuerst lässt der Träumer seinen Gedanken freien Lauf, dann wägt der Realist die Kosten ab, nun weist der Kritiker auf Schwächen hin. Die Reihenfolge muss eingehalten werden - sonst stirbt die Idee noch vor der Geburt.
Kreative Tipps
Blau sehen.
In blauer Umgebung steigt der Einfallsreichtum. Ravi Mehta und Rui Zhu von der Universität von British Columbia in Vancouver ließen Freiwillige in 2009 verschiedene Aufgaben lösen - roter Hintergrund verbesserte zwar die Leistung bei der Detailaufgabe, blau jedoch die Kreativität.
Liebe erinnern.
"Einem Münzhändler wird eine Bronzemünze angeboten. Auf der einen Seite ist der Kopf eines Kaisers, auf der anderen ein Datum: 544 vor Christus. Der Händler ruft die Polizei. Warum?" Der Sozialpsychologe Jens Förster von der Jacobs-Universität Bremen fand in einer Studie im vergangenen Jahr heraus, dass die Teilnehmer diese Aufgabe eher lösten, wenn sie zuvor an ihren Partner gedacht hatten. Der Gedanke an Liebe lässt in die Zukunft blicken - was dabei hilft, Dinge miteinander in Beziehung zu stellen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben.
Nickerchen halten.
Der kurze Büroschlaf wirkt Wunder, wie Denise Cai von der Universität von Kalifornien in San Diego 2009 bestätigen konnte. Sie ließ 77 Teilnehmer verschiedene verbale Aufgaben lösen, einige Probanden konnten zuvor ein Nickerchen halten - die lösten die Aufgaben am besten.
Position ändern.
Frank Fischer von der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität analysierte im vergangenen Jahr die Gruppenarbeiten von 300 Studenten. Vorher hatte er den Raum mit höhenverstellbaren Tischen ausgestattet. Siehe da: Teilnehmer, die zwischen Sitzen und Stehen wechselten, kamen häufiger zu richtigen Ergebnissen als nur im Sitzen - und hatten 24 Prozent mehr Ideen.
Sinnloses lesen.
Surreale Texte sind nicht jedermanns Sache - dafür aber für mehr Kreativität zu empfehlen, glaubt man einer Studie des Psychologen Travis Proulx von der Universität von Kalifornien in Santa Barbara. Er ließ Probanden sinnfreie Passagen aus Kafkas "Landarzt" lesen. In anschließenden Tests fanden sie mehr Lösungswege und schnitten besser ab als diejenigen, die eine redigierte Version gelesen hatten.
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