Karriere in der Wissenschaft
Ausnahmefall Frau
Längst studieren so viele Frauen wie Männer an den Hochschulen in Deutschland. Doch weibliche Professoren sind immer noch eine Randerscheinung.
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Hochschulen und Forschungseinrichtungen haben sich in den vergangenen Jahren um mehr Frauenfreundlichkeit bemüht. Mit einigen Erfolgen: Es gibt heute so viele Wissenschaftlerinnen wie nie: 6.700 sind es laut Statistischem Bundesamt. Doch ihnen stehen 38.600 Professoren gegenüber. Der Frauenanteil in der Professorenschaft insgesamt beträgt nur 17 Prozent (Quelle aller Zahlen: Statistisches Bundesamt).
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Während des Studiums ist das Verhältnis der Geschlechter noch ausgeglichen. Unter den Absolventen sind sogar etwas mehr Frauen als Männer, weil Frauen ihr Studium seltener abbrechen. Doch je weiter es auf der Karriereleiter nach oben geht, desto geringer ist der Frauenanteil. Promovierende Wissenschaftlerinnen sind bereits deutlich in der Unterzahl: Nur vier von zehn Doktortiteln werden an Frauen vergeben.
Der niedrige Frauenanteil ist bei einem Blick auf die Fächer jedoch nicht verwunderlich: Knapp 40 Prozent aller Doktortitel werden in Deutschland an naturwissenschaftlich-technischen Forschungszweigen verliehen. Das sind genau die Fächer, die nach wie vor von Männern dominiert sind. Der Frauenanteil unter den Professoren in den Ingenieurwissenschaften beträgt nur acht Prozent, in Mathematik und Naturwissenschaften zwölf. Wissenschaftlerinnen sind dagegen stärker in den Geisteswissenschaften vertreten. In sprach- und kulturwissenschaftlichen Fächern sind zurzeit etwa 30 Prozent der Professoren weiblich.
Doch nicht nur die Statistik macht das Ungleichgewicht deutlich. "Wer an berühmte Forscher denkt, dem fallen zuerst Albert Einstein oder andere männliche Kollegen ein", sagt Ingrid Grummt, Professorin am Deutschen Krebsforschungsinstitut in Heidelberg. "Dabei gibt es in der Wissenschaft verdammt gute Frauen." Die Biologin wurde kürzlich von der Europäischen Organisation für Molekularbiologie und der Vereinigung der Europäischen Biochemischen Gesellschaften zur Frau der Wissenschaft 2010 ernannt. Der Women in Science Award soll eine neue Generation Frauen fördern und zeigen, dass Erfolg in der Forschung längst keine Männersache mehr ist. Eine Auszeichnung, über die sich Ingrid Grummt freut, die aber auch zeigt, dass Professorinnen noch nicht selbstverständlich sind.
Dabei hat sich die Chancengleichheit deutlich verbessert. "Früher mussten Frauen fünf Mal so gut sein wie Männer", sagt die 66-Jährige. Zu Beginn ihrer wissenschaftlichen Karriere war es für die Biologin schwer, sich zu behaupten. Wenn sie sich für eine Stelle bewarb, wurde sie meist nicht einmal eingeladen – die Jobs bekamen andere, männliche Kollegen. Und das, obwohl Ingrid Grummt gleiche oder sogar bessere Qualifikationen vorweisen konnte.
Einen eigenen Beitrag leistet die Forscherin, indem sie Frauen vermehrt in ihre Arbeitsgruppe holt. "Das ist wie bei der Kindererziehung", sagt sie. "Man muss vorleben, wie es geht." Weil sie selbst immer kämpfen musste, liegt es Ingrid Grummt besonders am Herzen, den weiblichen Nachwuchs zu ermutigen. Denn ihrer Meinung nach trauen sich viele Frauen eine Karriere in der Wissenschaft einfach noch nicht zu.
Hinzu kommt die Doppelbelastung zwischen Wissenschaft und Familie. "Gute Partnerin, Mutter, Lehrerin und Forscherin zu sein – das ist ein Spagat, den viele nicht schaffen. Da ist die noch männerdominierte Welt gnadenlos", sagt Sanda Grätz, Gleichstellungsbeauftragte an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. Durch ihre tägliche Arbeit weiß sie, dass der Wunsch nach Familie und sozialen Bindungen immer stärker wird. Die Wissenschaftskarriere steht zwangsläufig hinten an.
Um die Situation für Frauen zu verbessern, hat sich die Diplom-Ingenieurin die Vereinbarkeit von Kind und Karriere zum Ziel gesetzt. Neben ausführlicher Beratung bietet die Uni mittlerweile Notfall- und Ferienbetreuung sowie eine Babysitterbörse an. Außerdem stehen über 250 Plätze in Kindertageseinrichtungen zur Verfügung. Die Angebote beschränken sich jedoch nicht nur auf die Betreuung. Es gibt auch ein Förderprogramm für Mütter, die in die Wissenschaft zurückkehren. Außerdem können sich Professorinnen durch ein spezielles Coaching in allen Phasen ihrer Karriere begleiten lassen. Dass die Universitätsleitung Sanda Grätz die benötigten Mittel bewilligt hat, ist allerdings nicht selbstverständlich. Im Gegenteil: Die Uni Düsseldorf ist vergleichsweise gut aufgestellt. Es gibt viele deutsche Institute, in denen größerer Nachholbedarf besteht.
Der Grundstein für eine gleichberechtigte Wissenschaft ist gelegt. Bis Frauen und Männer in der Forschung aber tatsächlich in einem ausgewogenen Verhältnis vertreten und gleich wahrgenommen werden, bleibt viel zu tun. Die Frage ist, ob sich Gleichstellung durch Quoten erzwingen lässt oder ob ein grundsätzliches Umdenken erforderlich ist.
Angst, dass Wissenschaftlerinnen durch die Förderung vielleicht sogar übervorteilt werden könnten, hat Sanda Grätz jedenfalls nicht: "Man sollte bedenken, dass es Frauen erst seit etwa Ende des 18. Jahrhunderts überhaupt erlaubt ist, sich an deutschen Hochschulen einzuschreiben". Damit haben ihre männlichen Kollegen einen enormen Vorsprung. Den aufzuholen ist schwierig. Eine Frauenquote auf Zeit befürwortet die Gleichstellungsbeauftragte dann, wenn Nichteinhaltung mit Sanktionen verbunden ist. Auf lange Sicht kann von Gleichstellung allerdings nur die Rede sein, wenn solche Maßnahmen nicht mehr notwendig sind. Das wünscht sich auch Ingrid Grummt vom Krebsforschungsinstitut für die Zukunft: "Es sollte lediglich nach Leistung gehen."
© ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)
