Josef Joffe

Kapitalismus

Top-Versager werden fürstlich belohnt

Antrittsgeld, hohe Boni und Abfindungen: Wer versagt, hat ausgesorgt. In Amerika wird der Leistungsgedanke ad absurdum geführt.

Kapitalismuskritik, diesmal richtig. Die "Reichensteuer", wie sie seit 2007 gilt, mag angekratzte Seelen besänftigen, aber die drei Punkte über dem alten Spitzensteuersatz bringen nicht viel: 640 Millionen Euro im Fiskaljahr 2010 - etwas mehr als ein Prozent des Gesamtaufkommens.

Die Reichensteuer, die Obama wieder einführen will, wird noch weniger bringen: 800 Milliarden Dollar über zehn Jahre. Bedient wird das Herz, nicht der Haushalt. Aber es geht nicht nur ums "Schröpfen", sondern auch um Gerechtigkeit. Die Frage ist älter als der Kapitalismus, und sie lautet: Verdient einer, was er verdient? Also: Steht ihm zu, was er bekommt?


Wie groß der Unterschied zwischen diesen beiden Bedeutungen sein kann, zeigt das folgende Beispiel: Im kalifornischen Palo Alto hat Hewlett-Packard vor zwei Wochen seinen Chef, den auch in Deutschland bekannten Léo Apotheker, nach nur einem knappen Jahr gefeuert. In Deutschland hatte er an der Spitze des Software-Giganten SAP weniger als zwei Jahre geschafft.

Zum Abschied bekommt Apotheker einen "goldenen Handschlag" von 7,2 Millionen Dollar, dazu die beschleunigte Realisierung von Aktienoptionen im Wert von 3,5 Millionen Dollar, dazu einen Bonus von 2,4 Millionen Dollar für elf Monate Dienstzeit, dazu noch "Kleingeld" im sechsstelligen Bereich für Umzugskosten und den Anwalt, der das Paket ausgehandelt hat. Dazu noch weitere Millionen für später einzulösende Optionen. Derweil ist der Kurs der HP-Aktie allein in drei Monaten um ein Drittel gefallen.

Auch ein Kapitalismus-Freund wittert Gier und Exzess angesichts dieses bizarren Verhältnisses zwischen Versagen und Vergütung. Apothekers Unvermögen führte zwar zum Sturz, aber er landete wie die Prinzessin auf der Erbse auf einem Stapel von Eiderdaunen.

Der Wahnsinn hat Methode

Apothekers Nachfolgerin Meg Whitman (Ex-Ebay-Chefin) ist zwar eine One-Dollar-Woman, aber ihr winkt schon mal ein "Bonus" von 2,4 bis sechs Millionen Dollar. Hinzu kommen Optionen auf 1,9 Millionen Aktien und ein Trennungsgeld, das in etwa dem von Apotheker entsprechen wird.

Die Einzelfälle summieren sich zum Muster. Ende August wurde Robert Kelly, der Chef der Bank of New York Mellon, gefeuert. Der Schmerz wurde ihm mit 49,9 Millionen Dollar vergoldet. Ein paar Tage später ging Carol Bartz von Yahoo mit 21 Millionen Dollar nach Hause. Vor zwei Jahren hatte sie ein Antrittsgeld von 47 Millionen kassiert.

Man darf es noch härter fassen. In Amerika kriegt der Arbeiter eine Abfindung von zwei Wochen. Bei dem Chef von Burger King waren es 995 (gemessen am Einkommen). Mellon-Kelly kriegte 500 Wochen, Yahoo-Bartz 503. Die "New York Times" nennt das "pay for failure". Die Politik hat das Problem erkannt, aber nicht gebannt.

Die jüngste Finanzreform (Dodd-Frank) zwingt zwar Gesellschaften, den Aktionären ein Mitspracherecht bei Gehältern einzuräumen. Aber das Instrument bleibt stumpf. Laut einer Studie der Institutional Shareholder Services haben die Aktionäre bei nur 38 von 3.000 Großunternehmen die Vergütung der Top-Führung niedergestimmt. Eine alte Leier. Aufsichtsräte kontrollieren den Vorstand nicht, und die Besitzer lassen die Aufsichtsräte schalten und walten. Die wenigen Revolten verpuffen.

Ein Urproblem des Aktien-Kapitalismus ist der Mangel an Aufsicht und Kontrolle. Die vielen kommen gegen die wenigen nicht an - was übrigens im Realsozialismus noch schlechter funktioniert hat. Dort waren es die ausufernden Privilegien der Nomenklatura. In der Marktwirtschaft erwartet man keine höhere Moral von den Bossen, aber doch ein Regelsystem, das deren Egoismus zugunsten der Firma kanalisiert.

Warum wird das Versagen so hoch belohnt?

Zumindest in Amerika gilt auch in der Wirtschaft das Superstar-System. Da werden Führungsfiguren anders als (noch) in Deutschland nicht innerhalb des Unternehmens aufgrund von Können aufgebaut. In Amerika werden sie von außen aus einem engen Markt geholt - wie Fußballspieler in Europa, die gewaltige Antrittsgelder kassieren. Es gilt: "the winner takes all", und so können die Goldjungen Preise und Abfindung diktieren.

Aber warum gilt auch "the loser takes all"? Das widerspricht jeglichem moralischem Empfinden und setzt außerdem die falschen Anreize. Warum sich abrackern, wenn ein so lukrativer Abgang wartet?

In Europa ist das noch lange nicht so extrem. Als Oswald Grübel nach einem Verlust von 2,3 Milliarden Dollar die UBS verlassen musste, erhielt er nur die übliche Lohnfortzahlung von sechs Monaten (1,5 Millionen Franken). Lloyd Doggett, Mitglied des mächtigen Bewilligungsausschusses im Kongress, nennt das System "abscheulich". Warum? Weil es pervers sei, die "Top-Versager nur loswerden zu können, indem man sie so fürstlich auszahlt". Das ist nicht Markt-, sondern Vetternwirtschaft im sieben- oder achtstelligen Bereich.

Der Autor ist Herausgeber der "Zeit" und lehrt im Herbstsemester in Stanford. Sie erreichen ihn unter: gastautor@handelsblatt.com

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