von Louisa Reichstetter

Hochschulpolitik

Magere Zeiten für Großbritanniens Unis

Tausende Dozenten sollen entlassen, Gelder drastisch gekürzt, die Studiengebühren verdoppelt werden. Nun regt sich Widerstand gegen den Sparkurs der britischen Regierung.

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In Großbritannien gibt es kein Bildungsministerium mehr, es wurde auf andere Ressorts verteilt. Die Hochschulpolitik wanderte im Juni 2009 zum Wirtschaftsministerium. Im zuständigen "Department for Business, Innovation and Skills" – einer Abteilung, in deren Namen sich keine klassischen Bildungsziele mehr finden – tüftelt man nun an den Zahlen der Zukunft. Es sind Kürzungssummen, denn derzeit beträgt das britische Haushaltsdefizit 12,6 Prozent. Die Briten müssen sparen, 57 Milliarden Pfund insgesamt. 950 Millionen Pfund, etwa 1,1 Milliarden Euro, soll allein bei den Hochschulen gestrichen werden. So klingt das Versprechen der regierenden Labour-Partei, 50 Prozent eines Jahrgangs künftig ein Studium zu ermöglichen, nun nach britischem Humor der schwärzesten Art.

"Man lässt eine ganze Generation im Stich", klagt Sally Hunt, Generalsekretärin der Universitätsgewerkschaft UCU. Ausgerechnet für das Herbstsemester erwartet die Insel so viele Studienbewerber wie noch nie, doch rund 300.000 von ihnen werden wohl abgelehnt. Wie Deutschland gibt Großbritannien rund ein Prozent seines Bruttoinlandsprodukts für die Finanzierung der Hochschulen aus. Das ist weniger als der OECD-Durchschnitt, obwohl Tony Blair die Investitionen stark ausgebaut hatte.

Das tat nicht zuletzt den erst Anfang der 1990er Jahre aus Fachhochschulen entstandenen, so genannten "Neuen Universitäten" gut. Doch gerade diese, im buchstäblichen Sinne lehrreichen Einrichtungen mit vergleichsweise vielen Studenten und wenig Forschung, müssen nun leiden: Bis zu einem Viertel der Lehrenden soll entlassen, Forschungsgelder nur noch an einige wenige Schwerpunktinstitutionen vergeben und die Studiengebühren von derzeit rund 3600 Pfund im Jahr verdoppelt werden. Von der Universitätsgewerkschaft über Studentenverbände bis hin zur Russel Group, dem Verband der Spitzenuniversitäten wie Oxford und Cambridge, ist man sich einig: Es ist ein Albtraum.

Doch albtraumhaft muten den britischen Akademikern nicht nur die Finanzdefizite, sondern besonders Reformen an, mit denen das akademische Selbstverständnis und sämtliche Fakultätsstrukturen umgekrempelt werden könnten. Die Schlagworte der Stunde lauten: Fast-track und impact. Britische Universitäten müssten also "fast-track degrees" anbieten, Blitzabschlüsse. Bis zum Bachelor studiert man dann nur zwei, nicht mehr drei Jahre, die Trimesterstruktur müsste sich verändern: Bisher wird 21 bis 24 Wochen des Jahres unterrichtet. In der übrigen Zeit finden in den Seminarräumen Summer Schools und Sprachkurszentren statt. Damit verdienen die Unis sich etwas Geld hinzu.

"Doch mehr Blitzstudiengänge bedeuten vor allem zwangsläufig viel weniger Forschung", fassen es Kritiker des Wirtschaftsministers Peter Mandelson wie der Londoner Philosophieprofessor Jonathan Wolff zusammen. Auf die Frage, was genau sich denn hinter "impact" verberge, antwortet Wolff trocken: "Das ist das Problem. Keiner weiß es." Bislang ist dieses Zauberwort der Wissenschaftspolitik, im Deutschen vielleicht am ehesten als "Wirkungskraft" zu übersetzen, durch Fachzeitschriften geprägt. Wissenschaftler weltweit versuchen, in Medien mit hohem "Impact-Factor" zu veröffentlichen. So sammeln sie Punkte, die auf die Karriere angerechnet werden.

Am Beispiel Großbritannien aber wird nun deutlich, dass der Begriff längst neue Dimensionen erreicht hat und immer dehnbarer wird: Dortige Unis müssen bald den "impact" ihrer Studiengänge auf den Arbeitsmarkt konkret nachweisen. Außerdem werden Forschungsanträge auf ihre ökonomische Wirkungskraft hin befragt. Nun ist nicht neu, dass Antragsprosa die Forschungen so vereinfacht, dass es auch Fachfremde begreifen. Neu aber ist Mandelsons Idee, sich von den Hochschulen dokumentieren zu lassen, wie geförderte Forschung wieder zu Geld wird.

Doch wie "impact" dabei gemessen werden soll ist wohl ebenso undefinierbar wie die Grenze zwischen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Werten. Sally Hunt sieht hinter all dem die Strategie "nur die Studiengänge zu erhalten, die sich finanziell amortisieren" und Jonathan Wolff treibt diesen Gedanken auf die Spitze: "Wird bei uns niemand mehr der Wissenschaft wegen forschen? Werden die folgenden Akademikergenerationen intellektuell verkümmern?" Schließlich weiß Wolff aus eigener Erfahrung noch ein Szenario zu schildern: Was, wenn Forschung zwar "impact" im Sinne von Sprengkraft habe, aber politisch unbequem sei? Fällt die britische Wissenschaft etwa in Zustände höfischer Konformität zurück?

Doch nicht nur das Haushaltsdefizit trägt im Land der Queen zu Veränderungen bei: Satte 35 Prozent des Hochschuletats – und damit so viel wie nirgends in Europa – kommen schon jetzt von privaten Geldgebern. Den inhaltlichen Einfluss des Fundraisings kann man nun bis in die renommiertesten Institutionen hinein beobachten: Am King's College in London sollen rund 200 Akademiker bis Ende 2010 ihre Stellen verlieren – darunter auch der berühmte Paläographieprofessor David Ganz. Ohne diese Hilfswissenschaft, die uralte Handschriften entziffert, wären jedoch Archäologen und Historiker weltweit verloren. Zugleich aber werden in London die von der Privatwirtschaft gut geförderten Medienwissenschaften ausgebaut.

Voraussichtlich am 6. Mai wählen die Briten ein neues Parlament. Im Wahlkampf spielen hochschulpolitische Debatten bisher fast kaum eine Rolle, doch das könnte sich nun ändern. Landesweit regt sich Protest: In Leeds, wo bis zu 750 Stellen gefährdet sind, wurde für März schon zum Streik aufgerufen. Einige hundert Demonstranten zogen bereits durch Sussex und Canterbury und täglich kündigen sich neue an.

Peter Mandelson gängelte jüngst die "haarsträubenden Übertreibung" und "extremen Ausdrucksformen" der britischen Akademiker in der Debatte. Doch die sind längst weiter: Der Paläographieprofessor Harvards richtete eine Online-Petition ein, auf der Tausende für den Erhalt des Londoner Fachbereichs unterzeichneten. Und laut Jonathan Wolff kursiert eine solidarische Idee unter Dozenten: Würden vier je einen Tag pro Woche frei nehmen und auf das Gehalt verzichten, könnte ein fünfter Kollege seinen Job behalten.

 

 

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