von Olaf Storbeck

Handelsblatt-Ranking Volkswirtschaftslehre

Mannheimer Volkswirte preschen vor - Berliner Unis fallen zurück

In der deutschen Volkswirtschaftslehre verschieben sich die Gewichte. Der Abstand zwischen den Universitäten wächst weiter.

 

Diese Taxirechnung. 43 Euro. Wahrscheinlich ist sie einer der Gründe, warum der Mann - einer der besten auf seinem Gebiet in Europa - nicht schon lange Ökonomie-Professor an der Berliner Humboldt-Universität (HU) ist.

Aus dem Ausland war er nach Berlin zu seinem Berufungsvortrag gereist, und in der Hauptstadt war er Taxi gefahren. Ohne zu wissen, dass die Uni-Verwaltung das nicht gerne sieht. "Taxibenutzung kann nur in Ausnahmefällen und mit ausführlicher Begründung gestattet werden", erfuhr der Wissenschaftler aus dem Formular "Reisekostenabrechnung für Berufungsverhandlungen". "Ortsunkundigkeit und widrige Wetterverhältnisse sind keine triftigen Gründe."

Seine Taxifahrten zahlte der Professor aus eigener Tasche, den Lehrstuhl an der HU lehnte er ab. "Das ist doch kleinkariert und schofelig", schimpft er noch heute. Wenn man schon Taxifahrten für Berufungsvorträge lang und breit begründen muss, wie sieht es dann erst im Uni-Alltag aus?

Leere Kassen und falsche Strukturen
Wie in einem Brennglas bündeln sich in dieser Anekdote die Probleme der Volkswirtschaftslehre (VWL) in Berlin. Chronisch leere Kassen und eine Hochschulführung ohne besonderes Faible für Wirtschaftswissenschaften machen den Ökonomen in der Hauptstadt seit Jahren das Leben schwer. Eine ganze Reihe von Spitzenvolkswirten hat in den vergangenen Jahren Berlin daher verlassen. Sowohl die Freie Universität (FU) als auch die HU sind daher im Handelsblatt-Volkswirte-Ranking deutlich zurückgefallen. 2006 gehörten beide Unis klar zu den führenden Fakultäten für VWL. Heute haben sie den Anschluss an die Spitzengruppe verloren.

Seit vier Jahren analysiert das Handelsblatt jährlich die Forschungsleistung deutschsprachiger Volkswirte und VWL-Fakultäten - anhand international gängiger Standards zur Evaluation ökonomischer Forschung: Es zählen Publikationen in wissenschaftlichen Fachzeitschriften. Wie viel Punkte ein Aufsatz wert ist, hängt vom Renommee des Journals ab, in dem er erschienen ist.

Grundlage des Handelsblatt-Rankings ist eine Datenbank, in der die Veröffentlichungen von mehr als 1.700 Forschern an gut 90 Universitäten und Instituten in Deutschland, Österreich und der deutschsprachigen Schweiz erfasst sind - insgesamt mehr als 21.000 Aufsätze. Seit diesem Jahr kooperiert das Handelsblatt dabei mit dem Thurgauer Wirtschaftsinstitut an der Uni Konstanz und der KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich, die die Studie nach Maßgabe des Handelsblatts erstellen.

Die beste Adresse für Volkswirtschaftslehre im deutschsprachigen Raum ist weiter die Universität Zürich. In Deutschland haben sich die Gewichte in der Spitzengruppe verschoben. Mannheim hat in diesem Jahr erstmals Bonn und München überholt und ist mit Abstand die forschungsstärkste VWL-Fakultät der Republik. Auch Frankfurt und Kiel haben seit 2006 aufgeholt. Köln dagegen ist in den vergangenen vier Jahren zurückgefallen. Insgesamt wächst der Abstand zwischen den führenden Fakultäten und den anderen Unis.

In der Bundesrepublik dominiert keine Universität die Wirtschaftswissenschaften derzeit so sehr wie Mannheim. Auch im BWL-Ranking des Handelsblatts liegt die Hochschule auf dem ersten Platz. Die Strategie der Mannheimer Hochschulleitung ist damit aufgegangen. In den vergangenen Jahren hat sich die Universität gegen enorme interne Widerstände stark auf die Wirtschaftswissenschaft fokussiert. Mit 23 VWL-Professoren auf Lebenszeit ist die Universität inzwischen eine der größten.

Zudem hat Mannheim als eine der ersten deutschen Unis die internen Strukturen modernisiert: Die Volkswirte haben ihre Lehrstühle abgeschafft und arbeiten wie in einer amerikanischen Abteilung zusammen. "Traditionell sind Assistenten im deutschen System die Sklaven des Professoren - für junge Leute mit guten Ideen sind das keine angenehmen Aussichten", sagt der Mannheimer Professor Gerard van den Berg. "Deshalb ist es wichtig, dass wir diese Strukturen aufgegeben haben."

Die Berliner VWL-Fakultäten dagegen waren in den vergangenen vier Jahren auf dem absteigenden Ast. Viele Top-Forscher haben der Hauptstadt den Rücken gekehrt oder gingen in den Ruhestand, etliche der freien Stellen wurden gar nicht erst neu besetzt. Besonders hart getroffen hat es die FU, die innerhalb von vier Jahren von Rang 9 auf Rang 24 gefallen ist. "Zwischen 2006 und 2009 ist die Volkswirtschaftslehre drastisch geschrumpft", klagt FU-Volkswirt Ronnie Schöb, der 2007 von Magdeburg nach Berlin wechselte. Nur einer von vier frei gewordenen Lehrstühlen wurde wieder besetzt. Das Präsidium der Uni habe starken Wert auf Drittmittel-Projekte gelegt. "Der wissenschaftliche Output eines Fachbereichs wird hier viel zu wenig honoriert." Daher habe die Uni-Leitung auch nicht versucht, den Wechsel des Top-Ökonomen Kai Konrad nach München zu verhindern oder ihn wenigstens als assoziierten Professor weiter an die FU zu binden. Schöb: "Die FU lässt ihre besten Ökonomen ziehen, ohne alles zu versuchen, sie umzustimmen."

Etwas besser steht die HU da. Die Fakultät fiel innerhalb von vier Jahren vom sechsten auf den neunten Platz zurück. Gemessen am Selbstverständnis der Fakultät ist das unbefriedigend. "Wir haben den Anspruch, zu den Top 5 zu gehören", sagt der HU-Dekan Oliver Günther. "Da wollen wir hin." Das ist allerdings ein weiter Weg - um zur VWL-Spitzengruppe aufzuschließen, müsste die HU ihren Forschungsoutput nahezu verdoppeln.

Immerhin hat die HU ihr weiteres Abrutschen verhindert: Der 39-jährige Mikroökonom Roland Strausz, einer der forschungsstärksten Volkswirte seiner Generation, lehnte Angebote aus Mannheim und Bonn ab. "Bei mir hat sich die Universität wirklich Mühe gegeben, mich zum Bleiben zu bewegen."

Die Berufung von weiteren Spitzenforschern scheitert jedoch oft an den schlechten Konditionen, die die Berliner Unis bieten können. Das Grundgehalt für Professoren hat die Hauptstadt seit Jahren nicht angehoben, und sie zahlt ihren Hochschullehrern auch kein 13. Monatsgehalt. "Da wird es schwierig, gute Leute von außerhalb nach Berlin zu kriegen", klagt Strausz. "Das Prinzip "Arm, aber sexy" zieht bei Ökonomen nicht." HU-Dekan Günther räumt ein, dass hinter den schlechten Konditionen offenbar ein gewisses Kalkül stecke. "Manche in der Hochschulszene sind der Meinung: Berlin ist als Stadt so attraktiv, dass die Leute sowieso hierherkommen wollen und man sich nicht weiter anstrengen muss. Diese Haltung ist fatal."

Zumal es der VWL nicht nur an Geld fehlt, sondern auch an der kritischen Masse. "In Berlin ist wissenschaftspolitisch einiges schiefgegangen", konstatiert Wirtschaftshistoriker Albrecht Ritschl, der 2007 von der HU an die London School of Economics wechselte. "Berlin bleibt als Standort der Wirtschaftswissenschaft unter seinem Potenzial."

Ein Grundproblem ist, dass die ohnehin knappen Ressourcen auf HU, FU und Technische Universität sowie mehrere Forschungsinstitute verteilt werden - im Vergleich zu den führenden Unis sind alle drei VWL-Fachbereiche klein. Größe ist für Spitzenforschung jedoch ein Wert an sich - gute Forscher gehen am liebsten dorthin, wo sie viele exzellente Kollegen treffen.

Die Berliner Volkswirte versuchen, dieses Manko durch enge Kooperation zu beheben. Sie bauen ein gemeinsames Graduiertenprogramm auf und bereiten zusammen Anträge für die Exzellenzinitiative vor. "Die Kooperationen laufen wirklich sehr gut", betont Strausz. "Sie sind ein Grund, warum ich mich in Berlin so wohlfühle." Eine Fusion der drei VWL-Fachbereiche ist aber ein Tabuthema. "Das", sagt HU-Dekan Günther, "wäre absolut kontraproduktiv."

 

 

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