Rekrutierung
Die geklonten Manager
Die meisten Lebensläufe von Spitzenkräften in der deutschen Wirtschaft werden immer perfekter und uniformer. Doch gleiche Erfahrungen führen zu immer gleichen Problemlösungen.
Hand aufs Herz: Würden Sie diesem Mann die Leitung eines Dax-Konzerns anvertrauen? Abi, Bund, Lehre zum Industriekaufmann. Schön und gut, aber nach nur zwei Semestern das VWL-Studium in Münster geschmissen. Der Studienabbrecher, von dem die Rede ist, heißt René Obermann und führt seit über fünf Jahren die Deutsche Telekom.
e-fellows diskutieren über Lebensläufe
Hätte sich ein unkonventioneller Typ wie Obermann per Webformular bei einem Konzern beworben, der Computer hätte ihn wohl aussortiert. Obwohl der Studienabbrecher als Firmengründer erfolgreich war. Die Software fürs Bewerbermanagement, die viele Unternehmen nutzen, arbeitet mit K.o.-Kriterien, die Arbeitgeber frei wählen können. Fehlen bestimmte Schlüsselwörter wie Studienabschluss, Auslandsaufenthalt oder verhandlungssicheres Englisch, ist der Bewerber draußen - ohne dass ein menschliches Auge gegengecheckt hätte.
Solche Software nennt sich "intelligent", kann sie doch auf Knopfdruck eine Rangliste der Bewerber erstellen. Eine Erleichterung für Arbeitgeber, die bis zu 100.000 Bewerbungen im Jahr managen. Die standardisierte Auswahl aber schafft eine Illusion von Fairness. Unkonventionelle Kandidaten mit Brüchen oder Lücken im Lebenslauf fallen durchs Raster.
Das hat fatale Folgen: Gerade in beliebten Unternehmen dringen fast nur Bewerber mit aalglattem Werdegang bis zum Vorstellungsgespräch vor. Sie sind hochqualifiziert, keine Frage. Aber die Führungskräfte in spe werden immer uniformer, wirken geklont.
In der Personalerszene gibt es erste selbstkritische Mahner. Thomas Sattelberger, bis vor kurzem Telekom-Personalvorstand, kämpft gegen das "Selbstklonen" im Management. Er warnt: Gleicher Erfahrungshintergrund führt zu gleichen Problemlösungen. Angelsächsisch orientierte Business-Schools, aber auch französische Grands Ecoles prägten Ideologie und Verhalten einseitig, kritisiert Sattelberger. Die Manager von morgen würden in einem geschlossenen Elitesystem sozialisiert. Im Management entsteht eine gefährliche Monokultur.
Lebensläufe von Bewerbern werden immer perfekter, aber auch austauschbar. Echte Querdenker, wie innovative Unternehmen sie suchen, sind eine aussterbende Spezies. Der verschulte und stark spezialisierte Bachelor verstärkt den unheilvollen Trend zur überzüchteten Monokultur. Multiple Choice lässt wenig Raum für Eigenständigkeit. Ein Bummelstudium, intensives Jobben nebenher oder mal ein Semester aussteigen zur Selbstfindung - das kommt heute karrieremäßigem Harakiri gleich.
Vielfach beginnen schon Teenies, ihre Karriere durchzuplanen - und ihren Lebenslauf zu optimieren. Ein Schuljahr in den USA: fast obligatorisch. Praktika in Papas Firma: selbstverständlich. Nicht zu vergessen das "soziale Engagement". Das attestiert den Managern in spe die nötige Selbstlosigkeit. Ideal: Gruppenleitung bei den Pfadfindern. Damit lässt sich gleich erste Führungserfahrung nachweisen. Doch Sozialpraktika wirken in vielen Hochglanz-Lebensläufen seltsam blutleer.
Ebenfalls ein Muss für die perfekte Vita: ein tougher Sport (optimal Triathlon) und ein ausgefallenes Hobby für den Small Talk. Um Stipendien zu ergattern, empfiehlt sich zudem ein Instrument. Das spielen junge Aufsteiger ohnehin spätestens ab Klasse vier, wenn es um die Bewerbung im heiß umkämpften Gymnasium geht. Im Vorstellungsgespräch an der Wunschschule müssen sich Neunjährige heute im Selbstmarketing beweisen. Die erste Casting-Show in der Karriere.
Früher war nicht alles besser. Aber Berufswahl und Karrieren haben sich häufig durch Umwege oder Zufälle ergeben. Bergbauingenieur und BWL-Dozent Martin Wittig etwa saß 1995 auf dem Flug nach Brasilien neben einem gewissen Roland Berger. Die Chemie stimmte. Nun ist Wittig Chef des gleichnamigen Beratungshauses. Heute glauben junge Leute, nichts dem Zufall überlassen zu dürfen. Es ist paradox: Durch G8 und Bachelor kommen Absolventen immer früher in den Beruf und müssen bis mindestens 67 arbeiten. Trotzdem bleibt weniger Zeit zur Reifung der eigenen Persönlichkeit.
Selbst unter Beratern von McKinsey, Inbegriff von stromlinienförmigen Hochleistern, hat ein Umdenken eingesetzt. Deutschlandchef Frank Mattern echauffiert sich über "Kinderkreuzzüge" und ruft nach abgerundeten Persönlichkeiten. Nun dürfen Berater im Jahr drei Monate bezahlte Auszeit nehmen. Eine späte, aber nötige Einsicht. Denn von aalglatten Managerklonen haben Arbeitgeber wenig.
Es bleibt zu hoffen, dass sich junge Leute wieder Zeit für Umwege nehmen können - spätestens dann, wenn der Kampf um die besten Köpfe richtig tobt. Wer heute durchs Raster deutscher Personalabteilungen fällt, kann eigentlich nur noch als Selbstständiger Karriere machen. René Obermann weiß, dass er die absolute Ausnahme ist. So scherzte der Telekom-Chef kürzlich vor Düsseldorfer Studenten: "Meine akademische Vita ist nicht zur Nachahmung geeignet."
Die Autorin ist Redakteurin im Ressort Unternehmen und Märkte. Sie erreichen sie unter: terpitz@handelsblatt.com.
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