von Almut Münch

Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck

Was macht ein Lektor und Programmleiter im Verlag?

Lektoren lesen. Das vierköpfige Team vom S. Fischer Verlag erhält rund 4.000 unverlangt eingesandte Manuskripte pro Jahr. Lektoren lieben Literatur. Privat die Klassiker und beruflich das Noch-nie-Dagewesene. Sie setzen literarische Trends. Und stehen dabei immer zwischen den Stühlen.

Einerseits machen sie sich stark für Autoren und deren Werke. Andererseits werden sie von "der anderen Seite", nämlich dem Verlag, bezahlt. Oliver Vogel kann ein Lied davon singen. Er kennt den Spagat zwischen Begeisterung für einen Text und der Notwendigkeit, dessen Verkaufserfolg aus betriebswirtschaftlicher Sicht zu rechtfertigen. Und er vollführt diese Grätsche zwischen den einzelnen Verlagsabteilungen 16 Mal jährlich. So viele Programmplätze hat er für das Segment deutschsprachige Literatur im S. Fischer Verlag zu vergeben.

Oliver Vogel

Oliver Vogel ist seit 2002 Programmleiter für deutschsprachige Literatur beim S. Fischer Verlag. Zur Verlagsarbeit kam er bereits während seines Germanistik-, Philosophie- und Anglistik-Studiums: Oliver Vogel begann seine Karriere als studentische Aushilfe beim Suhrkamp Verlag. Und bekam seine Chance.

"Gerne lesen" reicht nicht
Wer behauptet nicht mit einem Hauch von Eitelkeit von sich, gerne "gute Belletristik" zu lesen? Das tun auch Lektoren. Mit dem kleinen Unterschied, dass sie die Definitionshoheit über "gute Literatur" haben. Ihre "besten" Leseerlebnisse erscheinen nämlich in gedruckter Form in den Buchhandlungen. Und bieten sich als "gute Belletristik" für den Endverbraucher an. "Im Verlag muss ich als Lektor neue Texte durchsetzen, die (noch) keiner kennt und die als schwierig gelten, weil oft die herkömmlichen Kriterien nicht ausreichen", bilanziert Oliver Vogel seine Erfahrungen und deutet damit die Schwierigkeiten bei der Programmentscheidung an. "Man beurteilt Texte und muss dabei vom eigenen Geschmack weitestgehend absehen."

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Die Trüffelschwein-Mentalität
Denn ob das, was der Lektor da an "guter Literatur" einkauft, beim Publikum auch ankommt, muss sich erst noch zeigen. Spätestens die Absatzzahlen bringen es ans Licht. Und an ihnen wird ein Lektor gemessen. Weil Absatzzahlen etwas über die Tauglichkeit seiner Spürnase als Literatur-Entdecker aussagen und damit letztlich auch das Fortbestehen des Verlages sichern. "Um als Verlag etwas zu verdienen, braucht man eine gut funktionierende Backlist", sagt Oliver Vogel. "Die heißt bei S. Fischer vor allem Thomas Mann. Und bei den Neuerscheinungen braucht man möglichst ein oder zwei gut verkäufliche Bücher im Jahr." Theoretisch. Praktisch sieht die Sache anders aus. "Das ist natürlich nicht ganz einfach", gesteht Oliver Vogel freimütig ein, "auch wenn das bei uns im Moment gut funktioniert." Mit dieser Erfolgsquote gehört der S. Fischer Verlag zu den erfolgreichen Unternehmen. Viele andere Verlage landen den großen Coup weit seltener. Oder nie.

Zwischen Schöngeisterei und Kostendeckungsbeiträgen
Weil die Programmgestaltung eines belletristischen Verlages von vielen unvorhersehbaren Faktoren abhängt, reicht hoffen und beten nicht aus. Lektoren müssen neben der Begeisterung für Literatur, einem Gespür für kommende Trends und guten Literaturkenntnissen auch einen ausgeprägten Sinn für betriebswirtschaftliche Fragen haben. Oliver Vogel setzt deshalb auf die Mischkalkulation: "Der Verlag veröffentlicht leichter verkäufliche, gängigere Titel, um schwerer verkäufliche zu finanzieren." Die Cashcows der zur Holtzbrinck-Gruppe gehörenden Fischer-Verlage sind Bücher, wie sie der Krüger und der Scherz Verlag anbieten: unterhaltende, zeitgenössische Belletristik, Krimis und ein populäres Sachbuchprogramm. Diese Titel erleichtern literarische Experimente und die Förderung neuer Autoren ohne permanentes Schielen auf Umsatzzahlen. Aber natürlich muss sich der S. Fischer Verlag allein tragen.

Grundlage des Jobs: Multitasking
Bis aus viel versprechenden Manuskripten gute Bücher geworden sind, hat der Lektor ganze Arbeit geleistet. Er war dem Werk Geburtshelfer und dem Autor zunächst Verhand- lungspartner – dann Freund, Berater und Coach. Oliver Vogel fasst die Aufgabenpalette seines Berufsstandes mit zwei Stichworten zusammen: "Grundlage dieses Berufes ist das Multitasking", sagt er. "Und das Menschliche". Denn die Arbeit mit Autoren ist nach wie vor Hauptaufgabe eines Lektors. Und die besteht nicht nur aus der Textarbeit, die ein enges Vertrauensverhältnis zwischen Lektor und Autor zur Voraussetzung hat oder dem Gespräch über Dinge, die den Künstler bewegen. Sie besteht auch aus Vertragsverhandlungen.

Von der Feile bis zur Säge
Vor der Drucklegung eines Manuskripts steht ein langer Prozess der Redaktionsarbeit für den Lektor. Oliver Vogel prüft jedes Detail des Textes: Handlungsverläufe, Chronologie und Stil. Und versucht, gemeinsam mit dem Autor eine Textfassung zu erstellen, die sprachlich und inhaltlich stimmig ist. Er feilt an Einzelheiten wie Automarken oder der Farbe eines Hemdes ebenso wie an falschen Konjunktiven. Und nicht ab und zu werden sogar ganze Textpassagen oder das Romanende umgeschrieben.

Was vom Manuskript übrig blieb
Bei all dem Feilen, Ändern und Korrigieren stellt sich die brennende Frage: Wie viele Autoren hat ein literarisches Werk eigentlich? Einen? Oder doch zwei? "Als Lektor bin ich alles mögliche, aber kein Autor", wehrt Oliver Vogel sofort ab. "Das zu behaupten, wäre vermessen." Deshalb macht er auch selten konkrete Textvorschläge, sondern beschränkt sich aufs Verweisen. "Ich streiche oder unterstreiche", sagt er, "ich sage, dass hier etwas fehlt oder der Rhythmus dort nicht stimmt. Ich würde aber niemals anfangen umzuformulieren." Im Höchstfall sollte ein Lektor Anstifter sein und Themen vorschlagen, die zu seinem Schützling passen könnten. Wie das zwischen Oliver Vogel und dem S. Fischer-Autor Michael Lentz passierte. "Eigentlich hatte er etwas ganz anderes vor", erinnert sich Oliver Vogel. Doch beim nächtlichen Biertrinken kramte Lentz ein Notizbuch hervor und las ein, zwei Seiten vor, von denen Vogel so begeistert war, dass er Lentz riet, daraus ein Buch zu machen.

Des Lektoren neue Kleider
Daraufhin ließ der Autor sein eigentliches Projekt außen vor. Und es entstand der Roman "Liebeserklärung", der im letzten Jahr bei S. Fischer erschien. Wie der Geburtshelfer Oliver Vogel sich fühlt, wenn das fertige Werk vor ihm liegt? "Das sind die schönsten Momente", schwärmt er. "Über die intensive Lektüre und die vielen Gespräche habe ich mir das Buch zu eigen gemacht. Man identifiziert sich mit dem Buch, manchmal auch etwas zu sehr. Man zieht es sich an und läuft dann eine Weile in diesen zu großen Kleidern rum." Deshalb trifft es ihn als Nicht-Autor auch so sehr, wenn ein Kritiker sich despektierlich äußert. Oder wenn der Titel im Feuilleton übergangen wird.

Bin ich ein Lektor?
Lektoren haben alle eines gemeinsam: Sie sind neugierig auf Bücher und die Menschen, die sie schreiben. Um an diese heranzukommen und für ihren Verlag zu gewinnen, müssen sie Hartnäckigkeit mit Charme verbinden. Sie müssen sich anpassen können, aber auch überreden, überzeugen und mit einem Blick auf Kalkulationen knallhart verhandeln können. Vor allem ist der Beruf Lektor aber ein Idealistenjob. Denn ein Lektor muss viel Arbeit für vergleichsweise geringe Entlohnung in Kauf nehmen. Lesungen, Treffen mit Autoren, Besprechun- gen, Manuskripte lesen am Abend und am Wochenende sind nicht mit einem Acht-Stunden-Tag vereinbar. Wer in diesem Beruf nicht flexibel und stark belastbar ist, ist nicht geeignet. Ebenso wenig wie Menschen, die sich nicht auf ihr Gegenüber einlassen können.

Zukunftsjob Lektor?
Der Buchmarkt ist ein schwieriger Arbeitsmarkt geworden. Viele Lektorats-Stellen werden gestrichen oder nach dem alters- bedingten Ausscheiden eines Kollegen nicht mehr neu besetzt. Oliver Vogel hat aus seiner eigenen Biografie aber eines gelernt: "Mit etwas Glück und einigem Einsatz kann das klappen."

Weiterführende Information

Das Handwerkszeug eines Lektors bekommst du weder im Rahmen einer Berufsausbildung noch im Studium vermittelt. Allerdings bieten verschiedene Fachhochschulen, Hochschulen und Berufsakademien Studiengänge zum Thema Buch- und Verlagswesen an, die Ausbildungsabschnitte zum Thema Lektorat vorsehen.

"Buchwissenschaften" gibt es an verschiedenen Universitäten

Weitere Links

Buchtipps

  • Davies, Gill: Beruf: Lektor. Hardt & Wörner 1995. Möchtest du das Buch bestellen? Hier geht's zu buecher.de
  • Schönstedt, Eduard: Der Buchverlag. Metzler 1999. Möchtest du das Buch bestellen? Hier geht's zu buecher.de
  • Plinke, Manfred (Hrsg.): Buch-Partner, Partner für Autoren und Verlage. Autorenhaus 2001.
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  • Schneider, Ute: Der unsichtbare Zweite. Die Berufsgeschichte des Lektors im literarischen Verlag. Wallstein 2004.
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Checkliste für angehende Lektoren

Bevor du dich bei einem Verlag bewirbst, solltest du deine Chancen auf eine Stelle ausloten. Deine Erfolgsaussichten auf ein Bewerbungsgespräch sind besonders hoch, wenn du eines der folgenden Fächer studiert und abgeschlossen hast:

  • Germanistik (Neuere deutsche Literaturwissenschaft, Linguistik, Mediävistik)
  • Philologien (zum Beispiel Anglistik, Romanistik oder Slawistik)
  • Buchwissenschaften, Buchhandels- oder Verlagswirtschaft
  • Medien- und Kommunikationswissenschaften, Medienmanagement

Mit entsprechenden Zusatzqualifikationen und Praktika kannst du dich auch als Absolvent eines anderen Studienganges bei einigen deutschen Verlagshäusern bewerben. Nachfragen lohnt sich.


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