Mit Roche ins Ausland
Deutsche sind wie Kokosnüsse
Schottland, England, Mannheim, Australien, USA - gut, Dr. Andreas Görtz ist vielleicht ein Extrembeispiel. Aber nicht nur er kam bei Roche in der Welt herum. Auch Stefan Siebels nutzte die Chance und ging mit seiner Familie für vier Jahre in die USA. Dort stellten beide fest, dass Deutsche eher einer Kokosnuss gleichen und Amis wie Pfirsiche sind.
"Sind Sie grundsätzlich mobil?" Wenn der Vorgesetzte diese Frage stellt, sollte man nicht nein sagen. Denn die Chance für einen Auslandsaufenthalt kann schneller kommen, als man denkt. Das gilt vor allem für Roche mit über 150 Standorten weltweit. Das gibt auch den Mitarbeitern Gelegenheit, für mehrere Jahre in die Kultur und Arbeitsweise eines anderen Landes hineinzuschnuppern.
Stefan Siebels (Jahrgang 1961) hat BWL in Mannheim studiert und ist ein Roche-Urgestein. Schon 1987 stieg er ins Unternehmen ein - damals noch Boehringer Mannheim. Seine Arbeits-Schwerpunkte lagen zunächst im Projektmanagement, mit Aufgaben in der Automatisierung und Organisationsentwicklung für Produktion und Logistik, später im Umfeld Produktion und Logistik. Dadurch kam er viel im Unternehmen herum. "Das beste Trainee-Programm, das man haben kann", sagt Siebels über diese Anfangszeit. Nach weiteren Stationen mit Führungsfunktionen im Supply Management wurde er 2000 in das Talentförderungs- programm aufgenommen und bekam 2005 die Chance, in die USA zu gehen. In Indianapolis leitete er die Produktion - und pendelt noch heute zwischen Mannheim und den USA hin und her.
Dr. Andreas Görtz (42) hat Biologie in Bremen und Groβbritannien studiert, wo er auch seinen Ph.D. machte. Drei Jahre lang arbeitete er im Krebsforschungszentrum in Glasgow, bevor er mit seiner Frau - einer Schottin - zu Roche und zurück nach Bremen ging. Von dort ging es weiter nach Mannheim und 2006 nach Australien. Down Under war er als Bereichsleiter in den Geschäftssparten Applied Science und Molecular Diagnostics zuständig für Vertrieb und Marketing. Im April 2009 stand ein weiterer Umzug an, diesmal in die USA, wo er als Global Marketing Manager arbeitet.
Wie läuft das eigentlich mit der Entsendung? Kommt der Chef und sagt: Morgen packen Sie Ihre Koffer?
Andreas Görtz: Nein, es gibt schon einen längeren Vorlauf. Zuerst bekundet man ja seine Bereitschaft, grundsätzlich mobil zu sein. Man kann bei seinen Vorgesetzten äußern, dass man an einer Entsendung interessiert ist - und das wird dann auch vermerkt. Wenn es eine passende Stelle gibt, wird man gefragt. Bis man dann aber wirklich umzieht, können schon ein paar Monate vergehen.
Stefan Siebels: Es gibt generell nicht so wahnsinnig viele Stellen im Ausland, die zu einem passen. Daher sollte man die Chance nutzen, wenn man ein Angebot bekommt. Sobald man die Anfrage 'auf dem Tisch' hat, sollte man sich schon eher schnell entscheiden. Man kann dann zum Beispiel übers Wochenende mit der Familie sprechen und eine erste grundsätzliche Entscheidung treffen. Einmal nein sagen geht dabei sicher. Ein zweites Nein wird dann eher negativ im Sinne der früher zitierten Mobilität aufgefasst.
Wie geht es nach dieser grundsätzlichen Entscheidung weiter?
Andreas Görtz: Zunächst schickt Roche die Familie auf einen sogenannten "Pre-Assignment Visit". Der findet rund zwei Monate vor dem eigentlichen Umzug statt. Dabei kann man sich vor Ort schon mal alles anschauen. Häuser, Schulen, ein Auto mieten, Versicherungen. Dort trifft man auch einen "agent", der sich um den Umzug und die Formalitäten kümmert. Zurück in Deutschland fängt man an, den Umzug vorzubereiten. Dazu gehören Verträge mit Roche, man muss klären, wie es mit der Renten- und Krankenversicherung weitergeht und so weiter. Sind dann die Möbel verpackt, kann der Umzugscontainer auch gerne mal drei Monate unterwegs sein.
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Gab es denn spezielle Vorbereitungen wie Sprachkurse oder interkulturelle Trainings?
Stefan Siebels: Ja, die gibt es vor Ort. Vor allem Sprachkurse werden angeboten, die oft für die mitreisende Familie wichtig sind. Ich habe in den USA an keinem Kurs teilgenommen, weil ich einfach keine Zeit hatte. Meine Frau war aber in einem interkulturellen Seminar. Dabei ging es vor allem um wichtige Dinge aus dem Alltag. Zum Beispiel, wie man sich dem Sheriff gegenüber verhalten sollte, wenn er einen auf dem Highway anhält. Oder worauf man achten muss, wenn man gleichzeitig Alkohol und Jugendliche im Haus hat.
Sehen Sie den Auslandsaufenthalt als einen Karriereschritt?
Andreas Görtz: Auf jeden Fall. Das liegt bei mir aber auch vor allem daran, dass ich quasi von einem Ausland ins nächste gezogen bin. Immer dann, wenn sich eine neue Position ergab. Ich habe stets mehr Aufgaben und mehr Verantwortung übernommen - für Personal und Budget. Aber auch kulturell lernt man eine Menge dazu.
Stefan Siebels: Das kommt immer darauf an, wie man Karriere definiert. Eine Karriere muss sich ja nicht immer nur vertikal entwickeln, sondern kann auch darin bestehen, dass man sich neuer Aufgaben und Herausforderungen im Fachumfeld annimmt. Vielen ist das nicht so klar. Da ist einfach auch ein gutes Erwartungsmanagement gefragt, wenn man Mitarbeiter ins Ausland schickt. Nach der Rückkehr (wenn diese denn so stattfindet), ist ja nicht versprochen, dass eine höhere Position wartet. Es kann auch sein, dass man auf der gleichen Ebene eine andere Aufgabe übernimmt. Als Karriereschritt würde ich aber auf jeden Fall sehen, dass ich meinen persönlichen und beruflichen Horizont enorm erweitert habe; durch einen Auslandsaufenthalt lernt man viel über sich selbst und über andere Kulturen. Man wird gelassener und erkennt, dass auch andere Wege zu gesteckten Zielen führen.
Gibt es denn große Unterschiede zwischen der deutschen und der amerikanischen Arbeitsweise?
Andreas Görtz: In den USA wie in Deutschland arbeiten die Leute hart an ihren Zielen. Die Deutschen sind dabei direkter in der Kommunikation, die Amerikaner weniger. Auch scheint mir in den USA Eigeninitiative nicht so ausgeprägt wie bei uns, klare Vorgaben sind wichtiger. In Meetings zum Beispiel gibt es weniger Brainstorming. Wir arbeiten eine klare Liste ab, die Amerikaner sind nämlich eher besorgt, dass sie etwas Falsches sagen könnten. Da muss ich mich natürlich anpassen, versuche aber auch, die Kollegen ein wenig in meine Richtung zu "erziehen". Das klappt ganz gut, schließlich arbeiten wir global und müssen uns täglich mit anderen Arbeitsweisen auseinandersetzen.
Gibt es auch persönliche Unterschiede?
Andreas Görtz: Ja, durchaus. Das merkt man vor allem dann, wenn man neu in ein Land kommt und versucht, Freunde zu finden. Gerade bei den Amerikanern kommt man sehr leicht mit Nachbarn und anderen Eltern in der Schule ins Gespräch und unterhält sich über viele persönliche Dinge. Das ist für uns Deutsche oft ungewöhnlich. Wir sind ja etwas verschlossener und haben eine harte Schale wie eine Kokosnuss. Sobald man die aber durchdrungen hat, entstehen unter Deutschen tiefe Freundschaften. Die Amerikaner sind eher wie Pfirsiche. Man kommt schnell nah an sie ran, aber an den festen inneren Kern eigentlich nie. Solche kulturellen Eigenschaften muss man immer im Hinterkopf haben.
Herr Siebels, Sie arbeiten nun wieder in Mannheim. Wie war die Rückkehr nach Deutschland?
Ich habe regelmäßig meine Kontakte und Netzwerke gepflegt, auch und besonders zur Personalabteilung. Die vielzitierte Sichtbarkeit bleibt neben der individuellen Performance ein Schlüssel bei der Rückkehr. Und natürlich einen Chef, der sich kümmert. Als die Position des Global Operation Managers in Mannheim frei wurde, habe ich mich dem Auswahlprozess gestellt - und wurde genommen. Es hätte aber auch sein können, dass ich weiter in den USA geblieben oder in ein anderes Land gewechselt wäre. Man ist gut beraten, auch bei Auslauf des assignments flexibel und mobil zu bleiben, nicht nur beim ersten Schritt ins Ausland. Es hilft, wenn man sich sein Netzwerk erweitert, auf dem Laufenden bleibt und die Rückkehr plant. Das sollte man nicht einfach auf sich zukommen lassen. Meine Frau und die Kinder sind allerdings noch in den USA geblieben - ich arbeite also momentan zweieinhalb Wochen in Mannheim und zehn Tage in Indianapolis.
Was nehmen Sie aus den Auslandsaufenthalten mit - beruflich und privat?
Andreas Görtz: Die Roche-Standorte in Deutschland sind alle recht groß, entsprechend weit sind die Wege. Man bekommt eher wenig mit, was in anderen Bereichen passiert, ist aber gleichzeitig sehr spezialisiert in den eigenen Aufgaben. In Australien und in den USA sind die Standorte kleiner, man packt überall mit an und lernt viel von den anderen Teams. Mir gefallen beide Varianten.
Stefan Siebels: Persönlich und beruflich habe ich für viele Dinge einen ganz anderen Blickwinkel bekommen. Ich gehe auch mit Veränderungen jetzt nach dieser Erfahrungen noch ganz anders um und nehme vieles entspannter als vorher. Man hat gesehen und erfahren, dass man auch unüberwindbar geglaubte Hürden nimmt - das Wissen kann man beruflich und privat einsetzen. Das alles geht natürlich nur, wenn man sich wirklich auch der neuen Kultur, Denk- und Arbeitsweise öffnet. Dann kann eine Entsendung ein voller Erfolg werden.
