von Carolin Metz

Juristen bei KPMG: Tax und RAG

Mehr als ein Anwalt

"Und, was machst du nach deinem Jura-Staatsexamen?" - "Zu KPMG gehen, ich weiß bloß noch nicht genau, ob in die Steuerberatung oder in die Rechtsanwaltsgesellschaft." Ungewöhnliche Antwort? Nicht unbedingt.

Stefanus Figgener ist Jurist und arbeitet bei KPMG [Bildquelle: KPMG]

Dr. Stefanus Figgener (44) hat in Münster, München und Lausanne Jura studiert und danach promoviert. Im Zweitstudium belegte er BWL. Nach dem Studium stieg er in eine Wirtschaftskanzlei ein und kam vor sieben Jahren direkt als Partner zu KPMG in die Steuerberatung ("Tax"). Er gibt offen zu, dass das Steuerrecht "ein Sumpf ist, den man als Anfänger erst mal trockenlegen muss". Doch danach als gefragter Spezialist zu gelten, ist für ihn und seine Kollegen Antrieb genug.

Juristen in der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft - welchen Vorteil hat das für die Mandanten?
Juristen sind bei KPMG in der Regel nicht in der "klassischen" Wirtschaftsprüfung tätig. Sie arbeiten in der Steuerberatung - da liegt der Anteil ungefähr bei 30 bis 40 Prozent. Wir würden uns wünschen, diesen Anteil noch weiter zu steigern. Denn bei jeder wirtschaftlichen Frage gibt es auch viele rechtliche Aspekte. Zum Beispiel: Gesetzesänderungen im Steuerrecht sind häufig und erfordern die frühzeitige Auslegung der Gesetzesentwürfe. Hier sind Juristen durch ihre Ausbildung im Vorteil und können gut die einzelnen Auslegungsvarianten und die entsprechenden Auswirkungen für den Mandanten durchspielen. Am Ende liegt unsere besondere Stärke aber in der Mischung aus guten Leuten unterschiedlicher Fakultäten.

Und welche Vorteile haben Juristen davon, in eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft einzusteigen?
Zum einen können Juristen so das Steuerrecht "von der Pike auf" und in der "vollen Breite" kennenlernen. Hinzu kommt eine gute und finanziell geförderte Vorbereitung auf das Steuerberaterexamen. Juristen arbeiten bei uns in interdisziplinären Teams und nicht in einem juristischen Elfenbeinturm: Allein mit einem theoretischen Gutachten ist dem Mandanten oft noch nicht geholfen. Bei KPMG setzen wir die vorgeschlagenen Lösungen für den Mandanten auch in die Praxis um.

Wie sieht Ihre tägliche Arbeit aus?
Unser Team beschäftigt sich vor allem mit Transaktionen. Bei einer Due-Diligence-Prüfung schätzen wir für den Mandanten die vorhandenen steuerlichen Risiken. Bei Reorganisationen schauen wir uns an, welche Umstrukturierung sinnvoll ist, damit der Mandant in Zukunft schlanker und effizienter aufgestellt ist - aus steuerlicher, aber auch aus unternehmerischer Sicht. Manchmal muss man zum Beispiel mehr Steuern in Kauf nehmen, spart dafür aber an anderer Stelle. In Frankfurt bin ich zusammen mit einem Partnerkollegen für 30 Mitarbeiter verantwortlich. Ungefähr die Hälfte meiner Zeit beschäftige ich mich mit fachlicher Arbeit, zum Beispiel in Meetings oder Konferenzschaltungen mit Mandanten. Die andere Hälfte widme ich der Akquise, der Mitarbeiterausbildung und Personalthemen, also Recruiting oder Teamorganisation.

Welches Wissen müssen Juristen mitbringen, wenn sie im Bereich "Tax" arbeiten möchten?
Gewisse Grundlagenkenntnisse im Steuerrecht - zum Beispiel aus einer Wahlfachausbildung - sind durchaus von Vorteil, aber aus unserer Sicht nicht zwingend. Bewerber passen zu uns, wenn sie eine ausgeprägte Fähigkeit zum analytischen Denken und Interesse an wirtschaftlichen Zusammenhängen mitbringen und dann den Willen und den Ehrgeiz haben, die eigenen Kenntnisse zügig zu vertiefen und auszubauen. Ich selbst kam zum Beispiel erst gegen Ende des Referendariats zum Steuerrecht. Da hatte ich "Feuer gefangen" – und das hält an.

Welche Schnittstellen zwischen Ihrem Jura-Studium und Ihrer jetzigen Tätigkeit gibt es?
Besonders das analytische und strukturierte Vorgehen – also die Methodik. Beides sollte man im Studium gelernt haben und es dann in der täglichen Arbeit umsetzen und weiterentwickeln.

Was war bisher Ihr spannendstes Projekt?
Besonders spannend finde ich Transaktionen mit großem Volumen, bei denen wir unter einem gewissen Zeitdruck arbeiten. Da vergisst man schon mal zu essen, zu trinken, zu schlafen und steht regelrecht unter Strom. Dafür weiß ich heute schon, dass dieser Deal demnächst in der Zeitung steht. Da kann es vorkommen, dass ich plötzlich direkt vom Büro zu einem Vertragsabschluss ins Ausland muss und bis in die Nacht verhandelt wird. Die letzte Herausforderung des Tages besteht dann darin, sich noch ein Hotel und eine Zahnbürste zu besorgen. Besonders spannend sind aber auch alle Projekte, bei denen unterschiedliche Charaktere und unterschiedliche Kulturen aufeinander treffen.

Gibt es für Jura-Studenten die Möglichkeit, ein Praktikum in Ihrer Abteilung zu machen?
Ja – selbstverständlich, idealerweise ab dem Abschluss des dritten Semesters. Auch für Referendare in der Anwalts- oder Wahlstation sind wir sehr gerne offen.

Maximilian Gröning baute die Rechtsanwaltsgesellschaft bei KPMG mit auf. [Bildquelle: KPMG]

Maximilian Gröning (42) studierte Jura in Köln. Auch er kam von einer großen Wirtschaftskanzlei zu KPMG. Ab 2007 baute er dort die KPMG Rechtsanwaltsgesellschaft (RAG) mit auf.

Unterscheidet sich die Arbeit in der KPMG Rechtsanwaltsgesellschaft von der bei anderen Kanzleien?
Bei uns schaut man über den Tellerrand. Durch die Zusammenarbeit zum Beispiel mit unserer Advisory-Abteilung (Beratung) bekommen die Juristen bei uns ein tieferes Verständnis der wirtschaftlichen Zusammenhänge und können unsere Mandanten besser beraten. Anwälten passiert es nämlich oft, dass sie die wirtschaftliche Bedeutung bei dem, was sie tun, aus den Augen verlieren. Bei uns denkt man die Themen umfassender. Es gibt aber zugegebenermaßen auch Nachteile: Aufgrund unserer Verbindung mit der Wirtschaftsprüfung der KPMG AG können wir manchmal Mandate, die uns angetragen werden, nicht annehmen, um die Unabhängigkeit unserer Prüferkollegen nicht zu gefährden. Diese Fälle sind in der Praxis aber eher selten.

In welchen Rechtsgebieten ist die KPMG Rechtsanwaltsgesellschaft tätig?
Wir sind eine Full-Service-Kanzlei und können unsere Mandanten im Wirtschaftsrecht umfassend begleiten. Wir haben Mandate in Handels- und Gesellschaftsrecht, insbesondere M&A-Transaktionen, aber auch im Kartellrecht, Gewerblichen Rechtsschutz, Medien- und Technologierecht sowie Arbeitsrecht. Unsere Mandanten sind Unternehmen, vermögende Privatleute oder Führungskräfte.

Was macht Ihr Team?
Mein Team und ich begleiten unsere Mandanten bei Akquisitionen, also Unternehmenskäufen oder -verkäufen. Wir beraten unsere Mandanten juristisch und kümmern uns regelmäßig auch um die Organisation der Transaktionen. Dazu gehören der Entwurf der notwendigen Dokumentation, aber oft auch die Sammlung von Informationen und die Darstellung des Materials in virtuellen Datenräumen. Außerdem sind wir bei den Vertragsverhandlungen dabei und kümmern uns um den Vertragsabschluss und den Vertragsvollzug.

Wie kam es dazu, dass die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG 2007 eine Kanzlei gegründet hat?
Die Mandantenbasis war schon da - die Kunden der KPMG haben einen hohen Bedarf an Rechtsberatung. Mit der Kombination aus juristischer, steuerlicher und betriebswirtschaftlicher Beratung können wir unsere Mandanten umfassend bedienen. Das führt zu einer besseren und höheren Mandantenbindung - für die Mandanten ist es ein Mehrwert, wenn sie alle Leistungen aus einer Hand bekommen. Wichtig ist uns, dass wir nicht als interne Rechtsabteilung wahrgenommen werden, sondern als alleinstehende Kanzlei, die wir sind. Wir haben daher von Anfang an auf absolute Qualität unseres Personals geachtet und nur Kollegen an Bord genommen, die den hohen Standards genügen können, die heute für eine erstklassige Rechtsberatung einer anspruchsvollen internationalen Mandantenbasis unabdingbar sind: Viele sind von den etablierten Großkanzleien zu uns gestoßen, weil sie es spannend finden, mit uns zusammen etwas aufzubauen. Andere kamen als Berufsanfänger zu uns. Aktuell arbeiten bei uns 18 Partner und 120 Anwälte.

Können Juristen aus der Rechtsanwaltsgesellschaft später auch in die Steuerberatung bei KPMG wechseln?
Ja, gerade hat eine Rechtsanwältin gewechselt, um für den Advisory-Arm der KPMG einen Bereich aufzubauen. Generell ist ein Wechsel eher in Tax & Advisory möglich, Audit bildet seine Mitarbeiter selbst aus. Aber die Durchlässigkeit ist in beide Richtungen gegeben. Außerdem gibt es bei uns die Möglichkeit, ins Ausland zu gehen, auf Secondment, zum Beispiel nach England oder in die Niederlande, aber auch nach Russland. Momentan arbeitet bei uns auch ein Kollege von KPMG Belgien.

Was müssen Bewerber mitbringen?
Wir haben die gleichen hohen Anforderungen wie andere Großkanzleien, also gute Noten, die üblichen Zusatzqualifikationen. Als Anfänger muss man noch keine Spezialisierung auf ein Rechtsgebiet mitbringen, aber die Bewerber müssen gut Englisch sprechen, denn das ist immer mehr die KPMG-Konzernsprache.

Was war bisher Ihr spannendster Fall?
Eigentlich ist jeder Fall spannend, es fällt mir schwer, einen herauszugreifen. Unternehmenskäufe sind immer spannend, Joint Ventures mache ich besonders gerne, weil es dort darum geht, Strukturen zu finden und aufzusetzen, mit denen die beteiligten Parteien langfristig leben können. Ein besonders interessanter Fall war auch, als wir eine Gesellschaftsgruppe beraten haben, die ein Netz von Privatschulen betrieben hat. Wir haben den Einstieg der Investoren begleitet und die Holding-Gesellschaft in Form einer europäischen Aktiengesellschaft aufgesetzt. Dabei fand ich besonders die Motivation der Beteiligten beachtlich - es ging nicht 100 Prozent um Gewinnmaximierung, sondern die Qualität der Bildung lag den Beteiligten am Herzen.

Kann man bei Ihnen auch einen Teil des Referendariats absolvieren?
Ja, das ist auf jeden Fall möglich. Für diejenigen, die sich sorgen, ob sie den richtigen Zugang zur Materie finden, ist das Referendariat eine gute Gelegenheit, das herauszufinden und sich zu positionieren. Wir nehmen gerne Referendare auf - auch für uns ist das eine gute Möglichkeit, um festzustellen, ob derjenige gut zu uns passt.


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