Carolin Metz

Consulting Financial Services – Risk bei KPMG

Was tun, damit es nicht zur nächsten Finanzkrise kommt?

Banken, deren Kapitalausstattung nicht ihrem Risiko entspricht? Händler, die enorme Summen verzocken? Thilo Kasprowicz von KPMG erläutert, wie man in der Beratung an einer Verbesserung des Risikomanagements mitwirken kann. Und obwohl schärfere Regeln zu seinem Handwerkszeug gehören, warnt er vor der Überregulierung der Banken.

Sorgen Sie dafür, dass es nicht so schnell zur nächsten Finanzkrise kommt?

Wir versuchen zumindest, dazu unseren Beitrag zu leisten. Als Prüfer testieren wir die Jahresabschlüsse unter anderem von Banken. Das ist wichtig, um das Vertrauen der Kapitalmärkte in die Unternehmen zu gewährleisten. Als Berater helfen wir, das Risikomanagement von Banken zu verbessern. Wir entwickeln Verfahren, um Risiken zu identifizieren, bewerten, steuern und zu überwachen. Das Reporting an die Kontrollgremien ist dabei ein wichtiger Baustein. Letztlich verhindert aber nur ein Zusammenspiel von mehreren Marktteilnehmern die nächste Krise: Aufsichtsbehörden, internationalen Organisationen wie der Internationalen Währungsfonds oder die Europäische Zentralbank, Ratingagenturen und die Banken selbst.

Wer sind Ihre Kunden?

Unsere Kunden in Financial Services sind vor allem Großbanken, Landesbanken und Sparkassen. Wir haben viele gewachsene Kundenbeziehungen, auch aus den Jahresabschlussmandaten - KPMG prüft ungefähr 60 Prozent aller DAX-Unternehmen. Aber wir arbeiten auch viel für kleinere und mittelgroße Banken. Was gerade auch für Einsteiger interessant ist: Wir haben Mandanten aus allen Branchen und ein enorm breites Produktportfolio. Wenn man bei uns arbeitet, lernt man schnell viele Themen und Mandanten kennen.

Thilo Kasprowicz ist Berater bei KPMG im Bereich Financial Risk Management [Quelle: KPMG]

Thilo Kasprowicz (41) studierte BWL an der Fachhochschule Frankfurt und European Business an der South Bank University in London. Er startete seine Karriere 1995 in der Beratung. Seit 2005 arbeitet er im Consulting Financial Services – Risk bei KPMG, seit 2006 als Partner für regulatorische Themen im Risikomanagement von Banken.

Wie identifizieren Sie Risiken bei Ihren Kunden?

Das kommt auf die Risikoart an - mit jedem Geschäftsprofil eines Unternehmens sind sehr spezielle Risiken verbunden. Für die Banken steht meistens das Kreditrisiko im Mittelpunkt, also der potenzielle Ausfall von Kreditnehmern. Um das Kreditrisiko richtig zu bewerten, sind vor allem Ausfallquoten und Verwertungsquoten von Sicherheiten wichtige Parameter. Die Ausfallquote errechnet sich primär anhand historischer Daten, man profitiert dabei von der langjährigen Erfahrung der Bank in Kreditnehmerbeziehungen zwischen Bank und Kunden. Die Verwertungsquote ermittelt, zu wie viel Prozent Sicherheiten verwertet werden können, wenn ein Kreditnehmer wirklich ausfällt. Um das Kreditrisiko zu bewerten, gibt es schon viele etablierte Verfahren, die auf statistische Daten von Banken und Kreditagenturen zurückgreifen.

Welche andere Art von Risiko gibt es noch?

Neben Marktpreis- und Liquiditätsrisiken zum Beispiel operationelle Risiken. Dazu gehört unter anderem der unautorisierte Handel von einzelnen Bankern, der häufig zu großen und spektakulären Schäden führen kann. Um das operationelle Risiko zu bewerten, sehen wir uns unter anderem Schadensfälle aus der Vergangenheit an. Wir nehmen Verluste in Banken oder der Branche insgesamt auf, die aufgrund von Mängeln bei betrieblichen Prozessen entstanden sind und errechnen daraus potenzielle zukünftige Schadenshöhen. Außerdem machen wir Vorschläge für die Steuerung: Mit welchen Maßnahmen kann man Risiken aus zukünftigen Schäden vermeiden, reduzieren oder auf Dritte transferieren, zum Beispiel über den Abschluss von Versicherungen?

Wie kann man operationelle Risiken noch vermeiden?

Durch bessere interne Kontrollen, insbesondere in den sicherheitssensiblen Bereichen einer Bank. In einem Fall, bei dem ein Händler mit unautorisierten Geschäften große Verluste verursacht hatte, hatte er vorher in einer Art Kontrollabteilung gearbeitet. Dadurch wusste er, wie man vorgehen muss, um einzelne Geschäfte zu manipulieren. Bei internen Arbeitsplatzwechseln müssen die Banken dafür sorgen, dass es keine Interessenskonflikte gibt. Das ist eine der vielen Regeln, die in Deutschland durch die sogenannten "Mindestanforderungen an das Risikomanagement" der Banken, die "MaRisk", umgesetzt werden müssen.

Lernt man im Risikomanagement viel aus der Vergangenheit?

Die Finanzkrise hat gezeigt, dass eine reine Konzentration auf historische Informationen nicht vor Verlusten schützen kann. Stresstesting ist daher sehr wichtig: Wir überlegen uns mit unseren Mandanten Szenarien, um zu simulieren, wie sich ein Risikoprofil in außergewöhnlichen Marktsituationen entwickelt, die es bisher nicht gegeben hat. Diese Szenarien sind außergewöhnlich, aber plausibel. Man projiziert mögliche Ereignisse in die Zukunft, um die Veränderung des Risikoprofils und die Angemessenheit der Kapitalpuffer abzuschätzen. Dazu müssen wir das Geschäft unserer Mandanten sehr gut verstehen.

Wie sieht Ihre tägliche Arbeit aus?

Ich bin Partner in der Beratung von KPMG. Ich verantworte Projekte bei unseren Mandanten und führe Gespräche mit Entscheidungsträgern zur Projektsteuerung. Ich betreue vor allem das bestehende Projekt- und Mandanten-Portfolio. Als Partner habe ich aber natürlich auch die Aufgabe, neue Mandanten zu gewinnen. Die Geschäftsentwicklung ist ein weiterer Schwerpunkt meiner Arbeit: Ich versuche, Trends und Entwicklungen bei den Banken zu erkennen und maßgeschneiderte Lösungen zu entwickeln, um unsere Mandanten bei ihren Herausforderungen zu unterstützen. Und selbstverständlich gehört zu meinen Aufgaben auch die Betreuung unserer Mitarbeiter.

Wie sieht ein typisches Projekt von Ihnen aus?

Zum Beispiel möchte eine Bank mit uns Stresstesting-Verfahren konzipieren, die die Anforderungen der "MaRisk" erfüllen. Wir überlegen dann gemeinsam mit dem Mandanten: Welche Szenarien wären angemessen, wie können wir die Szenarien bewerten und in eine Risikosteuerung und -berichterstattung überführen? Ein Szenario könnte zum Beispiel sein: Wie würde eine Verschärfung der Euro-Krise auf das Kreditrisiko der Banken bei ihren Forderungen an Staaten in der EU wirken? Wäre ausreichend Kapital vorhanden, um diese Risiken abzudecken? Oder: Welche Auswirkungen hätte ein schwerer konjunktureller Abschwung auf den Arbeitsmarkt, und wie würde der Anstieg der Arbeitslosenquoten auf die Ausfallquoten der Privatkunden wirken? Die Szenarien identifizieren wir mit den Führungskräften der Mandanten. Die Bewertung dieser Szenarien, also die Beantwortung der Frage "Um wie viel Euro steigt unser Kreditrisiko?" bearbeiten wir dann gemeinsam mit den Experten aus dem Risikocontrolling der Banken.

Warum bearbeiten die Risikomanagement-Abteilungen der Banken die Projekte nicht allein, ohne Ihre Unterstützung?

Weil Sie zum Beispiel mit uns Marktkenntnisse aus unserer Erfahrung bei anderen Wettbewerbern ins Haus holen können, um das eigene Risikomanagement zu verbessern. Wir Berater können zusätzliche Impulse aus objektiver Sicht liefern. Manchmal haben Mandanten nicht ausreichend personelle Kapazitäten in bestimmten Spezialthemen. Immerhin gibt es eine Vielzahl von nationalen und internationalen regulatorischen Anforderungen aus Aufsichtsrecht, Rechnungswesen und Compliance, die sie beachten müssen..

Wie schaffen Sie es, all die Regularien in den verschiedenen Branchen im Blick zu behalten?

Das ist ganz aktuell auch für uns eine große Herausforderung. Als Folge der Finanzkrise hat der Gesetzgeber eine große Anzahl von regulatorischen Anforderungen an die Banken erarbeitet, sowohl auf internationaler, europäischer und nationaler Ebene. Und es kommen fast täglich neue Regularien hinzu. Bei KPMG haben wir ein Kompetenz-Zentrum, das alle Regularien wie auf einem Radarschirm erfasst. Die Mitarbeiter identifizieren neue Regularien, bewerten sie und arbeiten Implikationen und Handlungsbedarf für die Mandanten aus. Denn diese wollen natürlich wissen: Inwieweit betreffen uns diese neuen Bestimmungen, was müssen wir im Unternehmen ändern? Aber auch wir Berater sind gefordert: Wir müssen das Interesse und die Flexibilität haben, uns immer wieder neues Wissen anzueignen und uns stets auf dem neuesten Stand halten. Das unterstützt KPMG durch intensive Trainingsprogramme, wie zum Beispiel Trainings zu "Basel III" und "IFRS".

Was war Ihr spannendstes Projekt?

In den 16 Jahren, die ich nun in der Beratung arbeite, habe ich glücklicherweise viele spannende Projekte erlebt - ansonsten wäre ich sicherlich der Branche nicht so lange verbunden geblieben. Spannend sind zum Beispiel Transaktionen und Fusionen. Hier untersuchen wir die Grundlagen für einen möglichen Zusammenschluss von zwei Banken. Die Kenntnis möglicher Risiken des Geschäftsportfolios einer Bank ist wichtig, um den Unternehmenswert angemessen zu bestimmen. Dazu werden wir als Spezialisten hinzugezogen. Auch bei Projekten zu "Basel III“ und somit die angemessene Kapital- und Liquiditätsausstattung von Banken geht es nicht nur um die Umsetzung neuer Regeln. Die Anforderungen haben auch große Auswirkungen auf das Geschäftsmodell der Banken: Das betrifft zum Beispiel die Struktur einer Bankengruppe, die Zusammensetzung des Wertpapierportfolios und die Produktprofitabilität. Auch bei Transaktionen spielt "Basel III" eine wichtige Rolle: Wird das fusionierte Unternehmen auch in Zukunft über eine ausreichende Eigenkapitalausstattung verfügen? Das simulieren wir unter Einbeziehung der Geschäftsplanung und prüfen, ob neues Kapital emittiert oder mehr Gewinn einbehalten werden muss. Alternativ kann es auch nötig werden, Geschäftsaktivitäten abzutrennen.

Sind Sie der Meinung, dass der Finanzsektor noch weiter reguliert werden sollte, um Krisen besser vermeiden zu können?

Wir haben gerade bei den Banken bereits ein hohes Maß an Regulierung. Die Komplexität der bestehenden und neu entwickelten Regeln erfassen nur noch wenige Experten in der Gesamtheit - das ist ein bedenklicher Zustand. Jede neue externe Anforderung ist für sich genommen sinnvoll, wie zum Beispiel die Erhöhung der Kapitalquoten oder die Verbesserung des Umgangs mit Verbriefungen. Aber in Summe führt die Umsetzung dieser Regularien in den Banken zu vielen Herausforderungen und Belastungen. Ich denke, dass es darauf ankommt, Regeln in der Praxis auch maßvoll und effektiv anzuwenden. Gleichwohl gibt es natürlich Teile des Finanzsektors, die noch wenig reguliert sind, zum Beispiel sogenannte "Hedge Funds“ oder Rating-Agenturen. Für beiden Gruppen von Marktteilnehmern werden aktuell Vorschläge entwickelt, was sinnvoll ist.

Was sollte man mitbringen, um bei Ihnen einzusteigen oder ein Praktikum zu machen?

Bewerber sollten sich im Studium bereits erstmals mit Finanzthemen im weitesten Sinne beschäftigt haben. Sie benötigen zudem eine Affinität zu Zahlen und Methoden, also ein ausgeprägtes analytisches Denkvermögen. Ein Interesse an aktuellen regulatorischen Anforderungen ist sehr hilfreich. Bewerber sollten vor allem Spaß daran haben, in Teams zu arbeiten. Sie sollten komplexe Sachverhalte gut kommunizieren können, um ihre Projektergebnisse erfolgreich dem Mandanten vorzustellen. Wichtig ist die Bereitschaft, sich stets in neue Themen und Projektsituationen einzufinden. Das Besondere an der Beratung ist vor allem der hohe Grad an Abwechslung und die steile Lernkurve. Mobilität ist eine Grundvoraussetzung für eine Karriere in der Beratung, da unsere Tätigkeit stets bei den Mandanten stattfindet, und diese befinden sich bei uns im In- und Ausland.

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