Medizin als Ehrenamt

Bergretter müssen improvisieren können

Wenn Dr. Werner Mährlein zum Einsatz gerufen wird, muss er erst einmal mehrere hundert Höhenmeter überwinden. Der Notarzt ist seit 15 Jahren ehrenamtlich bei der bayerischen Bergwacht in Ramsau tätig. Bei seinen Einsätzen kommt er nicht nur in medizinischer Hinsicht immer wieder an seine Grenzen – auch der Tod ist sein ständiger Begleiter.

Es ist ein sonniger Sonntagmittag im vergangenen Juli, als der Piepser von Dr.Werner Mährlein ertönt: Eine Person ist am Watzmanngrad über 100Meter abgestürzt – ein äußerst schwerer Fall. Der Mediziner begibt sich sofort auf den Weg zur Wache, wo der Hubschrauber schon bereitsteht. Nur sehr wenige Minuten bleiben Mährlein, um zu entscheiden, welche medizinische Ausrüstung er mitnimmt, denn in seinem Rucksack ist nur begrenzt Platz.

Der Pilot bringt den Arzt zur Unglücksstelle und lässt ihn im Schwebeflug am Grat aussteigen. Zu diesem Zeitpunkt geht Mährlein von einer Totenbergung aus, denn es ist unwahrscheinlich, dass jemand einen Sturz aus einer solchen Höhe überlebt. Ein Polizeihubschrauber, der nachgeflogen ist, setzt den Notarzt mit einer Seilwinde direkt bei dem Verunglückten ab. Als er ihn untersucht, stellt er fest, dass der Mann noch am Leben ist. "Der Verletzte litt unter einem Polytrauma. Bei seinem Sturz hatte er sich die Arme mehrfach gebrochen und sich eine Lungenkontusion sowie ein Schädelhirntrauma zugezogen. Ich habe ihn daraufhin in Narkose versetzt", beschreibt der Arzt die schwierige Situation. 

Dr. Werner Mährlein [Quelle: arzt&karriere]

Dr. Werner Mährlein, 49, absolvierte zunächst eine Ausbildung zum Krankenpfleger und  Rettungssanitäter. Im Anschluss studierte er Medizin an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Später zog er nach Berchtesgaden, wo er seinen Facharzt in der Inneren Medizin gemacht hat. Mährlein ist seit zwanzig Jahren im regulären Notarztdienst tätig. Seit fünf Jahren leitet der Mediziner seine eigene Praxis in Berchtesgaden.

Als das Rettungsteam den Verletzten mit der Winde hochziehen will, schlägt plötzlich das Wetter um. Innerhalb von wenigen Minuten zieht eine derart starke Nebelfront auf, dass der Hubschrauber umkehren muss. Werner Mährlein verbringt die nächsten fünf Stunden allein mit dem Schwerverletzten auf dem Berg und versucht mit aller Kraft, dessen Leben zu retten. "Da musste ich alle Register ziehen, sonst wäre er mir unter den Händen weggestorben. Ein Patient, der unter einem Polytrauma leidet, muss so schnell wie möglich ins Krankenhaus. Erschwerend hinzu kam außerdem, dass der Verunglückte Gefäßabrisse hatte, die ich dort oben nicht versorgen konnte", erklärt der Arzt. Als Stunden später die Wolkendecke aufreißt, kann der Hubschrauber den Verletzten endlich abtransportieren. 

Werner Mährlein ist seit 15 Jahren Notarzt bei der Bergwacht Ramsau, die etwa 40 aktive Mitglieder hat. Er liebt die Berge und ist gleichzeitig von der Notfallmedizin fasziniert. "Man muss stets improvisieren. Es gibt keine Standardlösungen, jedes Problem geht man neu an. Dabei hat man oft schneller ein Erfolgserlebnis", erklärt er. Wie jeder Bergwachtmann hat Mährlein eine dreijährige Ausbildung absolviert, die vor allem wichtige bergtechnische Abläufe vermittelt, wie zum Beispiel den Aufbau eines Flaschenzugs, und die Hubschrauberausbildung beinhaltet. Zum Einsatzgebiet der Bereitschaft Ramsau gehören der Watzmann, der Hochkalter und die Reiteralp – das sind Berge, die zwischen 2.400 und 2.700 Meter hoch sind und von Wanderern oft unterschätzt werden. An schönen Tagen überschreiten bis zu 300 Personen den Watzmanngrat. Mährlein hat zwischen 30 und 40 Einsätze pro Jahr, die meisten davon finden im Sommer statt und sind schwere Fälle. Jährlich verunglücken in dem Gebiet im Schnitt sechs Bergsteiger tödlich.  

Auch wenn die Zahl der Unfälle in den letzten Jahren nicht gestiegen ist, bemerkt Mährlein ein höheres Anspruchsdenken der Wanderer: "Die Menschen erwarten umgehend Hilfe. Mit dem Handy kann man heute schnell einen Notruf absetzen. Wenn ich dann in einer Stunde den Weg nach oben schaffe, für den die Wanderer drei Stunden gebraucht haben, ist das eine gute Zeit. Trotzdem höre ich oft Beschwerden, warum man so lange gebraucht hat." Viele vergessen, dass die Bergrettung für Mährlein und seine Kollegen ein Ehrenamt ist. Hauptberuflich leitet der Mediziner seit fünf Jahren eine eigene Praxis in Berchtesgaden. "Wenn abends um neun Uhr jemand vom Watzmann Alarm schlägt, steige ich die 2.000 Höhenmeter auf und bin gegen elf Uhr bei ihm. Bis ich ihn herunter transportiert habe und wieder zu Hause bin, ist es fünf Uhr morgens. Dann dusche ich und gehe in die Praxis", erklärt Mährlein, der zuerst eine Ausbildung zum Krankenpfleger und Rettungssanitäter gemacht hat. 

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Medizin Pflaster klein [Quelle: sxc.hu, Autor: barky]

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Nach seinem anschließenden Medizinstudium und einer Zeit in der Kardiologie im Krankenhaus Schwabing in München zog es ihn in die Nähe der Berge. In Berchtesgaden absolvierte er seinen Facharzt in der Inneren Medizin, bevor er seine Praxis eröffnete. "Früher im Krankenhaus konnte immer schnell ein Kollege für mich einspringen, wenn ich zu einem Einsatz musste. Seit ich meine eigene Praxis führe, spielt für mich auch der finanzielle Aspekt eine Rolle", gibt Mährlein zu. Denn auch wenn die Bergwacht bei den Menschen in seiner Gegend ein großes Ansehen genießt, stößt die Akzeptanz der Patienten an ihre Grenzen, wenn sie bei einem Einsatz bis zu sechs Stunden auf den Arzt warten müssen. "Wenn das Wartezimmer voll ist, kann ich es mir fast nicht leisten wegzugehen", sagt Mährlein. Deshalb ist er auch nicht bei jedem Einsatz dabei. Wenn der Piepser ertönt, klärt er zunächst über Funk ab, um welche Art Unfall es sich handelt. Beinbrüche beispielsweise können auch andere Mitglieder der Bergwacht behandeln.  

Trotz der Schwierigkeiten macht Mährlein seine Aufgabe viel Spaß. "Notfallmedizinisch gefordert zu sein, improvisieren zu müssen – das ist es, was mir besonders gefällt. Es gibt in Deutschland nur wenige Menschen, die diese Kombination aus medizinischer und bergsteigerischer Herausforderung meistern können und ich bin einer von ihnen. Dass ich etwas mache, was ich wirklich gut kann, ist für mich eine große Bestätigung", erklärt Mährlein. Zu den positiven Aspekten gehöre für ihn auch die besondere Beziehung von Arzt und Patient am Berg. "Wenn ich zum Teil mehrere Stunden mit einem Patienten zusammen bin, die Schmerzmittel ausgehen und ich ihm erkläre, dass er jetzt die Zähne zusammenbeißen muss, dann baut sich da schon eine gewisse Verbindung auf", sagt der Mediziner. Gerade deshalb hängt Mährlein oft selbst mit dem Patienten zusammen an der Seilwinde des Hubschraubers, damit der Verletzte ein bekanntes Gesicht über sich hat und sich nicht verlassen fühlt. 

Jeder Einsatz stellt den Arzt vor neue Herausforderungen. Vor allem die unter enormem Zeitdruck getroffene Entscheidung, welche Utensilien er in seinen Rucksack packt, bringt ihn auch aus medizinischer Sicht immer wieder an Grenzen. Dabei gilt es stets viele wichtige Aspekte zu beachten. So kann man bei einem Lawineneinsatz beispielsweise kein Laryngoskop aus Metall verwenden, da es an der Zunge des Patienten anfrieren würde. Für solche Fälle verwendet der Arzt daher eines aus Plastik. 

Aber gerade diese Herausforderungen sind es, die Mährlein begeistern. Der Mediziner hat schon Verletzte im Seil hängend intubiert und eine Frau versorgt, die sich kopfüber in einer Felsspalte verkeilt hatte. "Am Berg lernt man ganz andere Verletzungsmuster kennen als in der Klinik. Dort hat man es beispielsweise selten mit Lawinenopfern zu tun, die man anders behandeln muss als Menschen mit üblichen Verletzungsmustern. Auch dem sogenannten Hängetrauma begegnet man  in der Regel sonst kaum. Das ist ein Unfallmechanismus, bei dem durch längeres Hängen im Seil das Blut in den Beinen versackt, was zum Tod führen kann", erklärt der Mediziner. 

Dass der Tod ein ständiger Begleiter ist, damit muss man als Notarzt bei der Bergwacht umgehen können. Als vor ein paar Jahren ein Bergwachtkollege selbst verschüttet wurde, kam Mährlein zum Einsatz. "Wenn ein Bekannter in Not gerät, ist man noch stärker bemüht, alles richtig zu machen und riskiert vielleicht mehr, als man es sonst tun würde", erklärt der Arzt. Obwohl Mährlein seinen Kollegen noch am Berg intubierte, hat dieser den Unfall nicht überlebt. 

Trotz der Gefahren rät Mährlein jedem zur Bergwacht zu gehen, der die Voraussetzungen dafür erfüllt und den Willen mitbringt. Man muss mindestens Kletterrouten der Kategorie Drei bewältigen und Tiefschneefahren können. Für ganz schwierige Passagen gibt es Top-Kletterer, die den Patienten abseilen, damit ihn der Arzt anschließend am Wandfuß versorgen kann. Allerdings ist die Aufnahme-Prozedur zum Bergwachtmann nicht ganz einfach. Die Mitglieder, die aus der normalen Bevölkerung kommen und vom Schreiner über den Lehrer bis hin zum Arzt ganz unterschiedliche Berufe ausüben, müssen von einem Mitglied der Ortsgemeinde vorgeschlagen werden. Dabei spielt neben der fachlichen vor allem die charakterliche Stärke eine große Rolle, denn man muss mit dem Stress, der mit dem Ehrenamt verbunden ist, umgehen können.

Der Mann, den Mährlein im Juli auf dem Berg versorgt hat, hat den schweren Unfall überlebt. "Ich habe am nächsten Tag im Krankenhaus angerufen, weil ich wissen wollte, wie es ihm geht. Ich konnte sogar kurz mit ihm sprechen", erzählt der Arzt. Letztlich sind es solche positiven Erlebnisse, die den Bergrettungsnotarzt immer wieder in seinem Handeln bestätigen.

© Evoluzione Media AG, arzt & karriere

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