Sebastian Herrmann

Viadrina: "Komplementäre Medizin"

"Immer mehr Spinner"

Heilen mit Zeichen, Schwingungen und Zukunftsorakel: An der Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder lehren Geistheiler und Esoteriker alternative Medizin. Das Vorlesungsverzeichnis bietet skurrile Überraschungen.

Erich Körbler befasste sich bei der Österreichischen Post mit Schaltkreisen. Dann übertrug der Elektrotechniker, der nebenher Wünschelruten entwickelte, das Konzept von Schaltkreisen, Widerständen und Leitungen auf den menschlichen Körper. Er entwickelte verschiedene Zeichen - Kreise, Kreuze, Striche, Kurven - und behauptete, dass diese in der Lage seien, Krankheiten zu heilen.
 
Zeichne man seine Körbler'schen Zeichen an zuvor von ihm festgelegte Stellen auf den Körper, bringe dies den Energiefluss wieder ins Lot. So in etwa lässt sich das krude Heilkonzept zusammenfassen, das der 1994 verstorbene Körbler unter dem Begriff "Neue Homöopathie" zu vermarkten versuchte.
 
Die Idee erregte zu Anfang nicht einmal in der Esoterik-Szene große Aufmerksamkeit. Doch in den vergangenen Jahren erfuhr die Körpermalerei mit medizinischem Anstrich einen Aufschwung. Bücher mit Titeln wie "Heilen mit Zeichen" oder "Medizin zum Aufmalen" erzielen respektable Verkaufszahlen.

Approbation und dann? Karrierewege kennenlernen

Medizin Pflaster klein [Quelle: sxc.hu, Autor: barky]

Die richtige Entscheidung für die berufliche Zukunft treffen: Dabei hilft die Veranstaltung "Perspektiven für Mediziner" - für Studenten, Absolventen und Assistenzärzte. Stelle leitenden Ärzten und erfahrenen Medizinern aus alternativen Branchen deine Fragen zu Karriere und Jobeinstieg.

Und nun erhält die Aufwertung dieser mindestens absurden Idee einen offiziellen Schub: Die Neue Homöopathie nach Körbler ist Lehrinhalt des Curriculums des Masterstudiengangs "Komplementäre Medizin", der seit zwei Jahren an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder angeboten wird.
 
Der zweijährige Studiengang an der Viadrina richtet sich vor allem an Ärzte, Apotheker und Psychotherapeuten. Ziel des Studiengangs sei "die Vermittlung von Kenntnissen und Fertigkeiten, die das (schul)medizinische Wissen und Können sinnvoll ergänzen und die geisteswissenschaftlichen Wurzeln der Medizin und Heilkunde betonen", heißt es auf der Website der Universität.
 
"Es gibt einen großen Bedarf nach Fortbildung für Ärzte in alternativer Medizin", sagt der Lehrbeauftragte Marco Bischof, der in der Zeitschrift Esotera etwa über "Elektronische Magie" geschrieben hat. Einen Teil dieses Bedarfs deckt nun das Institut für Transkulturelle Gesundheitswissenschaften, das den Studiengang anbietet. Etwa 40 Studenten pro Jahrgang zahlen je 10.000 Euro Studiengebühren - die Ausbildung finanziere sich komplett über diese Beiträge, sagt Bischof.
 
Teil des Curriculums sind unter anderem Naturheilverfahren oder die umstrittene Homöopathie. Ziel sei es, so Bischof, den Studenten die alternativen Heilmethoden und Therapien so zu vermitteln, dass diese von ihnen selbst angewandt werden können. Im Rahmen des Studiums ist etwa die Ausbildung zum Klangtherapeuten möglich.
 
Vom kommenden Wintersemester an zählen zahlreiche in der Esoterik-Szene bekannte Dozenten zu den Lehrbeauftragten für den Masterstudiengang an der Viadrina. Die Zahl der Spinner nehme zu, klagt ein Lehrbeauftragter, der nicht genannt werden will. Das Institut ist eine Kooperation mit der Deutschen Gesellschaft für Energetische und Informationsmedizin (DGEIM) eingegangen, die das Wahlpflichtmodul "Energy Medicine" erarbeitet hat.
 
Die DGEIM wirbt unter anderem für Therapiekonzepte wie Geistheilung und andere obskure Ideen, in denen Begriffe wie Schwingungen, Resonanz, Energiewellen oder ähnliches vorkommen. Ihr zweiter Vorstand ist Konstantin Meyl.
 
Der Ingenieur hält die Relativitätstheorie für widerlegt und tritt mitunter gemeinsam mit Vertretern des sogenannten Lichtfastens auf; das sind Menschen, die behaupten ganz auf Nahrung zu verzichten. Meyl streitet vor allem für sein Konzept der "Skalarwellen" - elektromagnetische Wellen, mit denen sich allerlei Krankheiten heilen ließen.

Richtige Lottozahlen - mit dem Zukunftsorakel

Neben einem Vortrag über die Skalarwellen und der Neuen Homöopathie nach Körbler lernen die Studenten der Viadrina im Pflichtmodul "Energy Medicine" zudem "feinstoffliche Therapieverfahren" mit Bachblüten oder Edelsteinen. Dieter Broers, Autor von Büchern wie "Der Glückscode: Die kosmischen Quellen für Selbsterkenntnis, Liebe und Partnerschaft" oder "(R)Evolution 2012: Warum die Menschheit vor einem Evolutionssprung steht", spricht über "geokosmische Einflüsse".
 
Unter den Vortragenden ist auch der Münchner Mathematiker Hartmut Müller, der ein kompliziert klingendes Konzept namens "Global Scaling" entwickelt hat, das wie ein Zukunftsorakel funktionieren soll und - so heißt es immer wieder - sogar die Lottozahlen vorhersagen kann.
 
Nun wäre das alles nicht weiter schlimm - täglich werden in jeder deutschen Großstadt dutzendfach Seminare angeboten, in denen Esoteriker ihre Mitte auspendeln oder angeblich mit Geistern Kontakt aufnehmen. Doch in diesem Falle geschieht dies unter dem Siegel einer öffentlichen Hochschule.
 
Das wertet obskuren Unsinn unnötig auf. Die Universität Viadrina tut sich sicher auch keinen Gefallen, esoterische Inhalte mit dem eigenen Namen zu verknüpfen. "Wir beobachten das genau", sagt Universitätskanzler Christian Zens, "im Stiftungsrat und im Ministerium wurde der Studiengang kontrovers diskutiert."
 
Unter den Lehrbeauftragten sind einige namhafte und seriöse Mediziner, etwa der Medizinhistoriker Paul Unschuld, der Chirurg Bernd Hontschik aus dem Vorstand der Thure von Uexküll Akademie für Integrierte Medizin oder Ellis Huber, der ehemalige Vorsitzende der Berliner Ärztekammer. Auch ihre Namen werten seltsame Lehrinhalte aus der esoterischen Ecke auf - zugleich entwertet das Umfeld, in dem sie arbeiten, ihre eigene Arbeit.

Quelle: www.sueddeutsche.de/Sebastian Herrmann


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