Miriam Hoffmeyer

Medizinische Berufe

Schwester, übernehmen Sie!

Arztassistenten und anderweitig fortgebildete Krankenpfleger sollen Mediziner entlasten und die Hierarchielücke in Kliniken schließen. Nicht jedem Patienten wird das gefallen.

Wenn Krebspatienten morgens zur Chemotherapie ins Lübecker Sana-Krankenhaus kommen, landen sie zuerst bei Heike Milde. Die Intensivkrankenschwester erkundigt sich nach ihrem Befinden, horcht Herz und Lungen ab, tastet nach den Lymphknoten und trägt ihr Gewicht in eine Tabelle ein. Was sie notiert hat, gibt sie an die Stationsärzte weiter, die dann entscheiden, wie es mit der Therapie weitergeht. "Morgens ist immer viel los, da arbeiten alle an der Grenze", sagt die 43-Jährige. "Meine Arbeit ist da eine Entlastung für die Ärzte."
 
Heike Milde ist nicht nur Krankenschwester, sie ist nebenbei auch noch Studentin. Im November wird sie ihr berufsbegleitendes Studium an der Steinbeis- Hochschule mit dem Bachelor "Physician Assistant" abschließen - auf Deutsch Arztassistent. Dann wird sie ganz auf die Onkologie-Station wechseln, wo sie jetzt nur tageweise arbeitet.

Approbation und dann? Karrierewege kennenlernen

Medizin Pflaster klein [Quelle: sxc.hu, Autor: barky]

Die richtige Entscheidung für die berufliche Zukunft treffen: Dabei hilft die Veranstaltung "Perspektiven für Mediziner" - für Studenten, Absolventen und Assistenzärzte. Stelle leitenden Ärzten und erfahrenen Medizinern aus alternativen Branchen deine Fragen zu Karriere und Jobeinstieg.

"Wenn ich den Abschluss habe, werde ich den Ärzten auch viel Verwaltungsarbeit abnehmen können", sagt sie, "Arztbriefe schreiben, den Kontakt zu Hausärzten halten, Befunde einholen." Die Qualifizierung bringt ihr handfeste Vorteile: Sie wird in eine höhere Gehaltsklasse eingestuft und muss künftig keine Nacht- und Wochenenddienste mehr absolvieren.

Immer mehr Ausbildungsgänge

Auch wegen der schlechten Arbeitsbedingungen zeigen Krankenschwestern und Pfleger großes Interesse an Weiterbildungen. Seit Anfang der neunziger Jahre haben sich zahlreiche Studiengänge in Pflegemanagement oder -wissenschaft etabliert, vor allem an Fachhochschulen.
 
Als Folge des Ärztemangels entstehen jetzt auch immer mehr Ausbildungsgänge, die das Pflegepersonal befähigen sollen, den Ärzten bestimmte Aufgaben abzunehmen. So werden vom kommenden Wintersemester an auch an der Dualen Hochschule Karlsruhe Arztassistenten ausgebildet. Sie sollen später vor allem Hausärzte unterstützen: Spritzen setzen, einfache Diagnosen stellen, Krankenberichte aktualisieren. Voraussetzung ist eine abgeschlossene Ausbildung in einem Pflegeberuf.
 
Die künftigen Absolventen des Studiengangs "Molekulare und Technische Medizin" in Furtwangen, der im April begonnen hat, sollen Ärzte entlasten, ohne selbst Kontakt zu Patienten zu haben: Als Leiter ärztlicher Versorgungszentren oder in Krankenhäusern könnten sie sich um medizintechnische Systeme kümmern oder Software entwickeln, die den Ärzten die Verwaltungsarbeit erleichtert. Obwohl eine einschlägige Ausbildung keine Voraussetzung für diesen Studiengang ist, sind mehr als die Hälfte der etwa 40 Erstsemester Krankenschwestern, Pfleger oder Rettungssanitäter.

Kein Mangel an Angeboten

Auch an nicht-akademischen Weiterbildungsangeboten für Pflegepersonal herrscht kein Mangel. Auf Initiative der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie werden beispielsweise seit 2006 Pflegekräfte zu Chirurgisch-Technischen Assistenten qualifiziert. Ähnliche neue Berufsbilder, die sich zum Teil noch im Projektstadium befinden, sind Anästhesie-Technischer Assistent oder Gefäßassistent.

Ohne Studium keine leitende Position?

Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) sieht diese Vielfalt eher skeptisch. "Bei der Weiterbildung im Gesundheitswesen herrscht Wildwuchs, kein Mensch kann das mehr überblicken", erklärt DBfK-Sprecherin Johanna Knüppel. "Das erschwert die Orientierung für Pflegekräfte, die sich weiterbilden wollen, und auch für die Träger, die nicht genau wissen, wer welche Qualifikation hat."

Unerfüllte Hoffnungen

Manche Kurse, die Krankenhäuser ihrem Personal anböten, dauerten nur wenige Wochen. "Solche Abschlüsse sind bei einem Arbeitsplatzwechsel praktisch wertlos", sagt Knüppel. Die langjährigen Erfahrungen mit den Pflege-Studiengängen hätten überdies gezeigt, dass auch ein akademischer Abschluss keineswegs immer zum Aufstieg führt: "Die Hoffnungen gehen oft nicht in Erfüllung, weil viele leitende Positionen in der Pflege weggefallen sind, etwa durch die Zusammenlegung von Stationen oder Fusionen zwischen Krankenhäusern." Ein Bachelor- Titel ohne entsprechende Position verbessere die Stellung in der Krankenhaushierarchie jedoch überhaupt nicht.
 
Andererseits sei es ohne Studium kaum noch möglich, überhaupt eine Leitungsstelle zu ergattern, sagt die DBfK-Sprecherin. Früher sei die Pflegeleitung nach Dienstalter besetzt worden, heute müsse man Know-how in Management und Teambildung nachweisen: "Wer jetzt was werden will, muss sich weiterbilden, denn die Konkurrenz ist groß."

Aufruf vom Arbeitgeber

Heike Milde hat jedenfalls Glück, weil sie schon vor dem Abschluss sicher weiß, dass sie hinterher eine bessere Stelle bekommen wird. Der Anstoß für ihre Weiterbildung kam von ihrem Arbeitgeber. Die Sana-Kliniken reservierten vor drei Jahren eine ganze Klasse der Steinbeis- Hochschule für ihre Mitarbeiter. Das Arztassistenten-Studium fand Milde viel attraktiver als Pflegemanagement, weil sie nicht nur am Computer arbeiten will: "Ich brauche den Kontakt zu den Patienten."

Wilderer im fremden Beruf?

Ob in den Krankenhäusern langfristig ein Mittelbau aus Assistenten entstehen kann, der die Hierarchielücke zwischen Ärzten und Pflegern ausfüllt, ist noch völlig ungewiss. Nicht jeder Patient dürfte mit der Behandlung durch einen "Hilfsarzt" einverstanden sein. Die Ärzteverbände sind ohnehin gegen die neuen Berufe. "Das Berufsbild Arztassistent halte ich für hochproblematisch, weil es nicht in die bestehenden rechtlichen Regelungen passt", sagt Regina Klakow-Franck, bei der Bundesärztekammer zuständig für Weiterbildung.

Angst vor schlechter Ausbildung

Bisher dürfen Ärzte nur klar definierte Aufgaben an nichtärztliche Mitarbeiter delegieren, zum Beispiel Laborleistungen, Dauerkatheter- und Verbandswechsel sowie im Einzelfall einfache Injektionen oder Blutentnahmen. Nach geltendem Recht ist auch ausgeschlossen, dass nichtärztliche Mitarbeiter allein die Diagnostik oder die ärztliche Beratung des Patienten leisten. Wenn es dabei bleibt, dürfen Arztassistenten nicht mehr ärztliche Aufgaben übernehmen, als dies jetzt schon erfahrene Krankenschwestern tun.
Darüber hinaus befürchtet die Bundesärztekammer eine Verschlechterung der Ausbildung des ärztlichen Nachwuchses. Die neuen Chirurgisch-Technischen Assistenten beispielsweise sollen bei Operationen Aufgaben übernehmen, die bisher dem ärztlichen Nachwuchs vorbehalten waren, wie etwa Wunden vernähen. "Es fehlt dann ein wichtiger Ausbildungsschritt für junge Ärzte", sagt Klakow-Franck.

Hilfe für die Studenten

Heike Milde ist dagegen zuversichtlich, dass sie in ihrer neuen Funktion den Ärzten nichts wegnehmen und sogar zur Ausbildung des Nachwuchses beitragen wird. Schließlich habe sie in ihrer bisherigen Laufbahn auch schon vielen jungen Ärzten gezeigt, wie man zum Beispiel einen Venenkatheter legt. "Wenn ich gut eingearbeitet bin, kann ich auch in Zukunft etwas an die Medizinstudenten weitergeben."
 
Quelle: www.sueddeutsche.de/Miriam Hoffmeyer


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