IT-Consulting
Breites Wachstum
IT-Spezialisten drängen in die Strategieberatung, weil Kunden verstärkt Angebote aus einer Hand verlangen. Damit steigt der Preisdruck.
Die Listen von Lünendonk halten meist wenig Überraschungen bereit. Wenn die Marktforscher die größten Managementberater in Deutschland aufreihen, finden sich traditionell Namen wie McKinsey, Boston Consulting Group (BCG) und Roland Berger in der Spitzengruppe. Seit kurzem aber tauchen zwei Namen auf, die von einem tiefgreifenden Wandel in der Branche zeugen.
Seit dem Jahr 2010 sind IBM Global Business Services und Accenture Mitglieder des Rankings, weil sie neben IT-Dienstleistungen signifikante Umsätze mit der Organisations- und Prozessberatung erzielen. In diesem Feld findet die größte Wertschöpfung externer Berater bei den Kunden statt, da sie hier in der Regel geschäftskritische Prozesse verbessern. In den meisten Fällen steht diese Optimierung in direktem Zusammenhang mit den IT-Systemen.
Massive Veränderungen
Die Aufteilung der Beraterwelt zwischen Computerspezialisten und Strategieexperten gilt nicht mehr. "Die Branche ändert sich nachhaltig und massiv", sagt Frank Riemensperger, Deutschlandchef von Accenture. "Alle großen Beratungen kaufen IT-Kompetenz zu. Die IT-Consultingfirmen wiederum legen sich Industrie-Know-how zu."
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Der Trend geht zum Alleskönner - das zeigt ein Blick auf das Dienstleistungsangebot der Marktführer. BCG hat schon vor Jahren mit Platinion eine Tochtergesellschaft für IT-Themen gegründet, auch McKinsey und Roland Berger werben inzwischen offensiv mit ihrer Kompetenz in technischen Fragen.
Das jüngste Beispiel für die Entwicklung liefert Bearingpoint. Die Managementberatung hat die Softwarefirma Effiscience übernommen und sich so Zugang zur Business-Analytics-Lösung Hypercube verschafft. "Die Integration der Software ist wichtig, um die Kundenanforderungen bei Umgang mit und Nutzung von großen Datenmengen zu erfüllen", sagt Peter Mockler, Managing Partner bei Bearingpoint. "Business Analytics wird in Zukunft eine der anspruchsvollsten Geschäftsanforderungen darstellen."
Tatsächlich sind die Kunden bei der Erschließung neuer Märkte auf IT-Fachwissen angewiesen. "Im Energiesektor geht es etwa darum, ein intelligentes Stromnetz aufzubauen", sagt Lünendonk-Berater Mario Zillmann. "Der Handel entwickelt mobile Zahlungssysteme für das Handy. Und Automobilhersteller müssen für neue Car-Sharing-Modelle die passenden Softwarelösungen entwickeln und betreiben. Die Umsetzung solcher Geschäftsmodelle geht infolge des Mangels an entsprechenden IT-Fachkräften nur in Zusammenarbeit mit externen Dienstleistern."
Für Beratung aus einer Hand sprechen wirtschaftliche Gründe: "Die Verantwortlichen im Einkauf sehen in der Bündelung von Einzelaufträgen Vorteile", sagt Zillmann. "Sie reduzieren die Anzahl der direkten Vertragspartner und bauen so Komplexität im Einkaufsprozess ab." Der Wettbewerb um die wenigen Großaufträge wird stärker - die Preise sinken. Darüber hinaus verbessern laut den von Lünendonk befragten Managern Gesamtdienstleister die Projektergebnisse, da es weniger Schnittstellen gibt und Know-how-Verluste vermieden werden können.
Die Nachfrage treibt das Geschäft: "Die Unternehmen wollen Lösungen, die sowohl das Konzept als auch die Inbetriebnahme enthalten", sagt Accenture-Manager Riemensperger. "Gefragt sind Transformationsexperten, die alle Elemente der Wertschöpfungskette kennen und zum Nutzen des Geschäftsmodells einsetzen. Zwar wird es immer Raum für hochqualifizierte Nischenexperten geben. Aber die mittelgroßen Generalisten haben es zunehmend schwer."
Weltweites Dach für IT-Angebot
Nicht nur die Anforderungen an die IT-Kompetenz steigen, sondern auch an die regionale Präsenz. Darauf reagiert hat der Telekommunikationsriese British Telecom. Er hat seine Beratungsaktivitäten mit 4.500 Mitarbeitern Ende 2011 unter einem weltweiten Dach vereint. In der neuen Marke BT Advise geht eine Reihe von zugekauften Firmen auf, darunter Net2S aus Frankreich, Stemmer aus Deutschland, Counterpane aus den USA und Teile von KPMG.
"Multinationale Konzerne benötigen einen Berater, der überall auf der Welt die gleichen Methoden einsetzt und den ganzen Projektzyklus betreut", sagt Stefan Tenkmann, Leiter BT Advise in Deutschland und Österreich. Kunden aus Europa expandieren in den asiatischen und lateinamerikanischen Wirtschaftsraum. "Und sie erwarten, dass der Beratungsservice in Singapur die gleiche Qualität hat wie der, den sie aus München oder Frankfurt gewohnt sind."
Ein Consultant für alles, und das weltweit - sieht so die Zukunft aus? Bülent Uzuner, Vorstandschef der Oldenburger IT-Beratung BTC Business Technology Consulting, ist da skeptisch. "Es gibt keinen Berater, der alles gleich gut kann", sagt er. "Man muss Grenzen setzen. Bei uns beginnt das bei der Prozessberatung."
Richtig sei, dass auch die Managementberater über den Tellerrand schauen müssten, weil für viele Geschäftsmodelle grundlegendes IT-Wissen nötig sei. Doch dieses Verständnis müsse nicht tiefgehend sein. Zudem drohe die Gefahr, mit einer breiten Positionierung das Alleinstellungsmerkmal zu verlieren und die Marke zu verwässern.
Für die Kunden sei das ohnehin schwer nachzuvollziehen. "Man kann seine Herkunft nicht einfach so abschütteln: IBM wird auf dem Markt immer in erster Linie mit IT in Verbindung gebracht werden, Roland Berger oder McKinsey aber nicht", sagt Uzuner. "Für BTC ist klar: Strategische Beratung machen wir nicht. Wir stehen für IT-Consulting - und darin sind wir richtig gut."
Zukunftsgeschäft
Umsatztreiber Die Top Ten der Managementconsultants in Deutschland erzielten 2010 im Schnitt 9,2 Prozent des Umsatzes mit IT-Beratung, so Mario Zillmann, Berater beim Marktforscher Lünendonk. Die Erlöse auf diesem Feld würden steigen, "da Geschäftsprozesse mittlerweile enorm abhängig von IT sind".
Kombination Firmen, die mehr als 60 Prozent ihres Umsatzes mit der Kombination aus Beratung und Dienstleistungen erwirtschaften, heißen bei Lünendonk "Business Innovation/Transformation Partner" (BITP). Konzept und Umsetzung verkaufen sie oft als Gesamtleistung. Laut aktueller Lünendonk-Studie glauben über 80 Prozent der Führungskräfte, dass sich das BITP-Konzept stärker etablieren wird.
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