e-fellows Blog
Diese Deutschen! - Wie Studenten aus dem Ausland Deutschland erleben
e-fellow Yiwo Jessica (20) kam vor vier Jahren aus China nach Deutschland und studiert VWL an der LMU München.
14.10.2005
Kulturschock (Letzter Teil)
Mit der Zeit gewöhnte ich mich an alle Szenen, die mich an meinem ersten Tag erschreckt hatten. Aber ich wurde bald wieder erneut schockiert, da ich langsam die deutsche Sprache besser verstehen konnte. Ich erfuhr, dass die deutschen Schüler Mut haben, Lehrern gegenüber Nein zu sagen. Chinesische Schüler wagen so etwas nicht. Die Lehrer haben immer Recht und das letzte Wort. Wenn ein chinesischer Schüler die Entscheidung eines Lehrers in Frage stellt, wird das als ganz negativ angesehen.
Außerdem überraschte es mich, dass in einer deutschen Schule die mündliche Leistung so viel zählt. Da die Chinesen Bescheidenheit eher als Tugend empfinden, verhalten sie sich sehr zurückhaltend und können sich deshalb nicht so gut verkaufen. Deswegen melden sich chinesische Schüler fast nie, auch wenn sie die Antwort auf eine Frage genau wissen.
Was mich aber am meisten beunruhigt ist die Tatsache, dass in Deutschland der Inhalt des Geschichtsunterrichts nicht mit dem übereinstimmt, was ich in China gelernt habe. Wurde Tibet von der chinesischen Armee befreit oder besetzt? Ist der Dalai Lama ein Separatist oder ein einfacher Religionsführer? Was ist eigentlich Kommunismus? Ist eine kommunistische Gesellschaft wirklich das beste Gesellschaftsmodell, das es gibt? Oder gleicht sie einer Diktatur? Was passierte 1989 wirklich am Platz des himmlischen Friedens?
Ich gerate damit häufig in einen Zwiespalt: Auf der einen Seite will ich das alles nicht aufgeben, wovon ich schon als Kind überzeugt war. Und ich will auch nicht glauben, dass ich 16 Jahre lang einfach belogen wurde. Ich liebe meine Heimat und ich bin auch stolz darauf, dass ich eine Chinesin bin. Aber auf der anderen Seite muss ich mich wiederholt fragen: Stimmt wirklich alles, was ich in China gelernt habe?
e-fellow Yiwo Jessica (20) kam vor vier Jahren aus China nach Deutschland und studiert VWL an der LMU München.
13.10.2005
Kulturschock (Teil 2)
Ich hatte mich noch nicht von diesem Schock erholt, da sah ich noch etwas, das ich nie mehr in meinem Leben vergessen werde: Zwei Schüler knutschten im Gang! Das war mehr als ein Schock für mich. Ich war ziemlich fertig und konnte nichts anderes machen als meinen Kopf schnell wegzudrehen. So etwas in einer Schule! Ich konnte das einfach nicht fassen. Wenn so etwas in einer chinesischen Schule geschehen würde, würden die Schülerin und der Schüler strengstens bestraft werden. Man würde sie sofort von der Schule verweisen, alle Mitschüler und Verwandten würden sie verachten. Man wäre davon überzeugt, dass die beiden keine Zukunft mehr hätten. Wie kann man sich in einer Schule küssen, und sogar, wenn man noch nicht einmal 18 ist? Solche Personen besitzen nach chinesischer Meinung ein kriminelles Potential. Sie üben auf andere einen äußerst negativen Einfluss aus. Und hier in Deutschland geschieht so etwas im Gang eines Gymnasiums - vor allen Schülern.
Der Schock ging an meinem zweiten Schultag weiter. Ich hatte Bio-Unterricht bei Frau Heidorn. Da ich bis dahin kein anderes Wort als "Hallo" kannte, konnte ich selbstverständ-lich den Inhalt der Stunde nicht verstehen. Ich wusste nur, dass Frau Heidorn offenbar von einigen Medikamenten erzählte, die sie uns sie zeigte. Um zu verstehen, wovon sie sprach, schrieb ich das Tafelbild sorgfältig ab und schlug zu Hause nach. Das Ergebnis war ein absoluter Hammer: Da stand das chinesische Wort für Verhütungsmittel! Zuerst konnte ich das gar nicht glauben und dachte, ich hätte einen Fehler beim Nachschlagen gemacht. Nachdem ich das noch einmal überprüft hatte, geriet ich sofort in Panik: Wie kann ein Lehrer so etwas den Schülern im Unterricht zeigen? Das ist in China doch das absolute Tabuthema! Wie kann man in der Schule so offen über Sex reden? Wie kann man so etwas unterrichten? Stimmt mit der Schule, die ich besuche, eigentlich alles?
Ich hatte sogar irgendwie Angst: Was ist mit meiner Zukunft? Wie würde ich mich nach einigen Jahren verhalten? Würde man mich umerziehen? Würde ich in einigen Jahren auch so offen über Sex reden? Ich wusste nur: Das will ich nicht! Für mich war ganz klar: Ich werde mich von den Deutschen in Bezug auf Sex auf keinen Fall umerziehen lassen! Durch diese feste Haltung fand ich endlich etwas Ruhe.
Fortsetzung folgt.
e-fellow Yiwo Jessica (20) kam vor vier Jahren aus China nach Deutschland und studiert VWL an der LMU München.
10.10.2005
Kulturschock (Teil 1)
Vor vier Jahren war Deutschland ein völlig fremdes Land für mich. Alles, was ich über dieses Land wusste, war, dass Deutschland wirtschaftlich stark ist und Goethe, Marx and Hitler Deutsche waren. Doch dann bekam ich plötzlich eine Chance, meine Ausbildung in Deutschland fortzusetzen. Ich habe ohne zu Zögern Ja gesagt, und zwar aus zwei Gründen:
Erstens ist der Lerndruck in einer chinesischen Schule wahnsinnig hoch. Fast alle Schüler kennen nichts anderes als lernen, lernen, lernen. Da ich nach chinesischen Verhältnissen nicht zu den Strebern gehörte, fand ich das Ganze irgendwie fragwürdig.
Dazu ein Beispiel: Als ich einmal vor einer wichtigen Prüfung früh ins Bett ging, erfuhr am nächsten Tag meine Klassenlehrerin davon. Sie rief sofort meine Mutter an und meinte: "Wie können Sie ihre Tochter so früh ins Bett lassen. Sie hätte noch länger lernen können. Ihre Tochter ist zwar gut in der Schule, aber wenn sie sich Mühe gibt, kann sie doch noch viel besser werden."
Zweitens war ich der Meinung, dass mir die deutsche Sprache und die Kenntnis über die westliche Kultur künftig gute berufliche Chancen bieten würden. Mit solchen Überlegungen im Gepäck flog ich im Alter von 16 Jahren - ohne ein deutsches Wort sprechen zu können - nach Deutschland.
Ich ging direkt auf ein Gymnasium, ohne zuvor eine Sprachschule zu besuchen, da meine Tante der Meinung war, dass ich auf diese Weise schneller Deutsch lernen könnte. Am ersten Schultag überraschte mich alles, was ich in der Schule erlebte: Die Klasse war im Vergleich zu einer chinesischen Klasse sehr klein. In China sind 60 Schülerinnen und Schüler in einer Klasse ganz normal. Plötzlich mussten die Schüler nicht mehr aufstehen, um den Lehrer zu begrüßen, wenn er in das Klassenzimmer kam. Die Schüler mussten nicht mehr ordentlich sitzen, sie konnten sogar die Füße auf einen Stuhl legen. Wenn sie etwas sagen wollten, hatten sie nicht mehr aufzustehen.
Schon nach der ersten Stunde in einer deutschen Schule war ich mehr als überrascht. Aber das war längst noch nicht alles. Während der großen Pause sah ich etwas, was in China völlig undenkbar ist: Ich sah wirklich, dass einige Schüler im Schulhof rauchten! "Solch eine Szene gehört doch nicht hierher!", war mein erster Gedanke. Was würde einem chinesischen Schüler passieren, wenn er in der Schule raucht? Oder - besser gesagt - was würde einem chinesischen Schüler passieren, wenn er überhaupt raucht? Rauchen in einer chinesischen Schule ist absolut verboten! Wenn so etwas geschehen würde, würde dieser Schüler sofort zum Schuldirektor geschickt werden, man würde die Eltern informieren, der Schüler würde sowohl von den Eltern als auch vom Schuldirektor beschimpft werden, und der Schüler würde mit Sicherheit einige Wochen vom Schulbesuch ausgeschlossen werden.
