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Promovieren

e-fellow Nadine (27) promoviert an der University of Ballarat, School of Business, in Austalien (Victoria) über "Work-life balance through a critical gender lens."

Ballarat, Australien

21.9.2005, Teil 4

Leben in Australien – Multikultur pur!

Ich studiere in Ballarat, der gröβten Inlandsstadt im Bundesstaat Victoria. Ballarat hat dank des Goldrausches im 19. Jahrhundert eine lange Geschichte – für australische Verhältnisse. Die Touristen-Attraktion ist "Sovereign Hill", eine weitgehend im Originalzustand erhaltene Goldgräberstadt. Ansonsten ist Ballarat ein regionales Zentrum, das viele Vorzüge einer australischen Großstadt mit der Lebensqualität einer Kleinstadt verbindet. Ich bin am Rande des Sauerlands aufgewachsen - und liebe so etwas. Die Studenten aus Paris, Bombay und Peking bekommen regelmäßig einen Kulturschock und verlassen die Stadt oft fluchtartig, um von Melbourne aus zu pendeln.

Die "Aussies" sind schon ein Volk für sich. Am Ende nehmen sie sich selbst einfach nicht besonders ernst. Das ist wunderbar entspannend, hat aber auch Nachteile. Zum Beispiel ist das Motto hier: "Komm’ ich heut’ nicht, komm’ ich morgen." Das lässt Deadlines gleich viel weniger bedrohlich erscheinen, reduziert aber auch enorm die Zuverlässigkeit und Berechenbarkeit meiner Mitmenschen. Die Standard-Antwort bei jeglichen Beschwerden zum Thema ist: "No worries, mate!" Eine Lebensphilosophie, die ansteckend ist.

Mein Umfeld ist sehr international. Meine PhD-Mitstreiter kommen aus der ganzen Welt: Malaysia, China, Botswana, UK, Indonesien, zwei Deutsche! Auch mein Haus - die Idee eines Apartments ist eher etwas für Europäer - ist sehr multikulturell. Zusammen decken wir vier Kontinente ab. Der Einblick in andere Kulturen, Traditionen, Denkweisen und Essgewohnheiten ist ein besonderes Extra meiner Doktorandenzeit.

Was ist das Zwischenergebnis zum Bergfest? Down under ist für mich ein kompletter Perspektivenwechsel: Die Uni-Karriere ist eine tolle Alternative zur Wirtschaft. Das Leben in Australien ist zurzeit wesentlich entspannter als in Deutschland und ich habe die Möglichkeit, mich zu meinem vollen Potenzial zu entfalten. Und Deutschland ist zu meinem Lieblings-Urlaubsziel geworden!

e-fellow Nadine (27) promoviert an der University of Ballarat, School of Business, in Austalien (Victoria) über "Work-life balance through a critical gender lens."

Nadine (27)

16.9.2005, Teil 3

Teaching – "Strict as the Germans are..."
(Ex-Student aus Mexico über meinen Unterricht)

Die Lehre war ein integraler Bestandteil meines Stipendiums. Nun denn, kann ja nicht so schwer sein. Ich bekam vier Tutorien zur Vorlesung "Introduction to Human Resource Management". 100 Erstsemester, herzlichen Glückwunsch. Die "Aussies" schließen die High School mit 17 Jahren ab, sind also im Vergleich zum deutschen Unianfänger wesentlich jünger. Ich bin dort mit meinen deutschen Standards erstmal gegen Wände gelaufen. Umdenken war gefragt. Meine Betreuerin gab mir den guten Ratschlag: "New knowledge is built on existing knowledge". Du musst sie dort abholen, wo sie sind. Da 75 Prozent der Studenten arbeiten, war es nicht so schwierig, Brücken zu schlagen zwischen der Theorie und ihren Erfahrungen in der Praxis.

Generell ist das australische Uni-System wesentlich studentenfreundlicher als das deutsche. Unsere "assignments" (Hausaufgaben) sind über das Semester verteilt, Gruppenarbeit wird groß geschrieben und die Examen am Ende zählen selten mehr als 50 Prozent. Im Gegensatz zu Deutschland ist das Lehrpersonal hier nicht nur Vermittler von Wissen, sondern außerdem erste Anlaufstelle für alle akademischen Probleme. Die Dozenten sind Sozialarbeiter, Karriereberater und Entertainer. Da ist es nicht verwunderlich, dass mein erstes Semester reichlich ausgefüllt war.

Unterrichten hat mir von der ersten Minute an Spaß gemacht. Jede Gruppe ist anders und obwohl der Stoff theoretisch der Gleiche ist, kommt am Ende immer etwas anderes dabei heraus. Eine der wichtigsten Lektionen war, dass man es nie allen recht machen kann. Ein eigener Stil aber gibt der ganzen Veranstaltung Charakter und die Studenten stellen sich darauf ein.

Mittlerweile bin ich zum Lecturer aufgestiegen - very different animal. Ich gewöhne mich allmählich daran, aber empfinde Vorlesungen nach wie vor als furchtbar einseitig und für beide Seiten tendenziell unbefriedigend. Wenn jemand einen guten Tipp hat, wie man Vorlesungen besser gestalten kann, lasst es mich bitte wissen! Vielleicht hat ja jemand sehr innovatives Lehrpersonal?

e-fellow Nadine (27) promoviert an der University of Ballarat, School of Business, in Austalien (Victoria) über "Work-life balance through a critical gender lens."

Nadine (27)

14.9.2005, Teil 2

Dissertation – PhD as a lifestyle choice

Ich habe im Jahr 2002 in einem Doppel-Abschluss-Programm meiner deutschen Heimatuni, der International School of Management in Dortmund (ISM), einen MBA an der University of Ballarat erworben. Ich wohnte auf dem Campus und hatte mit Studenten aus aller Herren Länder eine fantastische Zeit. Dieses Mal sieht die Sache anders aus: Ich bin ein Doktorand, wohne off-campus und werde zu einem "staff member". Das sind grundlegend andere Voraussetzungen.

Promovieren ist ein Lebensstil. Tendenziell fühlt es sich an wie drei Jahre lang Diplomarbeit schreiben. Oder 25 Hausarbeiten, die sich alle um das gleiche Thema drehen. Das kann abschrecken, muss aber nicht. Ich liebe es. Mein Thema ist Work-Life-Balance, also die Fähigkeit von Arbeitnehmern, ihre Berufstätigkeit mit ihrem Privatleben auf zufriedenstellende Weise unter einen Hut zu bekommen.

Das Thema wird in Australien heißer diskutiert als in Deutschland. Dafür gibt es viele Gründe. Ein wichtiger ist der regulative staatliche Einfluss, der in Deutschland ausgeprägt und in Schweden dominant ist. In Australien verfolgt die Regierung einen "non-interventionist approach". Sie gibt also die Verantwortung an die Unternehmen weiter.

Meine Dissertation verfolgt einen vergleichenden Ansatz zwischen den zwei Ländern, um die relative Erfolglosigkeit der Work-Life-Balance als Management-Lösung zu ergründen. Dabei gehe ich davon aus, dass eine neue Definition der Schnittflächen zwischen Arbeits- und Privatleben und der traditionellen Rollenverteilung zwischen Frauen und Männern nötig ist. Ich schreibe in der (deutschen) Tradition der "critical theory", bereichere diese allerdings um eine "feminist perspective", die die Herren weitgehend außer Acht gelassen haben.

Eigentlich habe ich eineinhalb Jobs: Ich schreibe die Dissertation (Vollzeit) und unterrichte in Teilzeit. Praktisch heißt das, ich arbeite lange und vereine das Beste aus zwei Welten. Aber das heißt auch, dass ich auf einmal auf der anderen Seite des Zauns sitze.

e-fellow Nadine (27) promoviert an der University of Ballarat, School of Business, in Austalien (Victoria) über "Work-life balance through a critical gender lens."

Nadine (27)

12.9.2005

"Screw it, I’m out of here!". September 2003: Ich bin stinksauer. Die deutsche Wirtschaft und ihre Doppelmoral hat mich fast ein ganzes Jahr zu ihrem Spielball gemacht. Hier muss was passieren! Ich bin über Wochen von Job-Messe zu Job-Messe getingelt, habe dutzende Bewerbungen geschrieben, aber wollte den Traum vom Job abseits des Mainstreams nicht aufgeben. Und bin meinen Notlösungsjob als Direktionsassistentin im viel zu beschaulichen Fünf-Sterne-Designer-Hotel endgültig leid. Schlimmer noch: Ich habe Sehnsucht. Im ZDF läuft eine Reportage über den Queen-Victoria-Market in Melbourne, auf dem ich noch letztes Jahr regelmäβig mit meinen französischen Kommilitonen shoppen ging. Und jetzt stehen mir Tränen in den Augen. Ich will zurück! Sorry Deutschland, aber das war's erstmal wieder.

Na denn, jetzt sind alte Brücken gefragt. Ein Anruf bei der University of Ballarat in Australien schafft Klarheit: Lorene, also Dr. Gottschalk, die meine Masterarbeit betreut hat, ist Feuer und Flamme. "Of course you can come back to do a PhD!" Ok, da ist nur noch eine Kleinigkeit: Wie regeln wir die Finanzierung? Wir haben ein Stipendium verhandelt, das uniweit Schule gemacht hat: Die Fakultät zahlt meine Studiengebühren und einen fixen Jahresbetrag, dafür werde ich in der Lehre eingesetzt. Mittlerweile bin ich zum Lecturer aufgestiegen und habe einen neuen Vertrag.

Aber zurück zum Anfang. Im Januar 2004 saβ ich mit grimmigem Siegergrinsen im Flieger mit Kurs auf Melbourne. Jedes Mal, wenn ich Frankfurt verlasse, höre ich ganz genau auf meinen Bauch und was er zu dem Richtungswechsel zu sagen hat. Damals spiegelte er meinen Gesichtsausdruck: auf zu einem neuen Leben, einer Zukunft in Australien, einer akademischen Karriere! Einer langen Trennung von meiner tollen Familie, alten Freunden und gewohnten Strukturen. Unter mir verschwand der typisch deutsche Flickenteppich aus Wald, Feldern. Wiesen in Winterwolken. Mach's gut! Aber für mich geht's jetzt gen Sommer.

 

 

 

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