e-fellows Blog
Tagebuch aus Damaskus und Ramallah e-fellow Clemens (23) studiert Islamwissenschaft an der Uni Heidelberg und studiert für ein Jahr in Damaskus in Syrien. Vorher war er einige Zeit lang in Ramallah.
29.5.2006, Teil 10
Neulich im Buchladen
Der "Da Vinci-Code" von Dan Brown ist derzeit der große Renner in den Damaszener Buchläden. Das passt ganz gut ins Bild, denn die Auslagen der Läden sind gefüllt mit Verschwörungstheorien: Adolf Hitlers "Mein Kampf" neben den "Protokollen der Weisen von Zion", einem russischen Buch aus dem 19. Jahrhundert, in dem von einer Weltverschwörung des Judentums die Rede ist. Von der Sorte gibt es noch mehr - der Zionismus und das "internationale Finanzjudentum" werden durch die Bank für die derzeit schlechte Lage der Araber verantwortlich gemacht.
Dieses Gedankengut ist weit verbreitet im Nahen Osten. Kürzlich erklärte ein Lehrer mir, man könne die Politik Israels nicht von der der USA trennen. Insofern sei der israelische Rückzug aus dem Südlibanon 2000 nur ein Vorspiel zum Irakkrieg gewesen, um die Schiiten, die im Süden des Libanon die Mehrheit stellen, ruhig zu stellen. Dies wiederum habe positive Auswirkungen auf das Verhalten der irakischen Schiiten gehabt.
Hitlers opus magnus ist für vier Dollar zu haben. Dazu bekommt man noch den Kommentar eines selbsternannten Intellektuellen namens al-Falludschi, der den Ausführungen Hitlers noch eigene, ebenso konfuse Gedanken hinzufügt. Hinzu kommen noch Übersetzungen von amerikanischen und europäischen Holocaustleugnern wie etwa Irving.
Ebenso großer Beliebtheit erfreuen sich Abhandlungen über das Wesen der Amerikaner: Ein Saudi hat in einem Buch über die Wurzeln der Amerikaner den Bogen von der Ausrottung der Indianer zum Irakkrieg gezogen, der ja bekanntlich nur aufgrund von Gold und Öl geführt wurde. Als die arabische Welt auf der Frankfurter Buchmesse 2004 als Ehrengast vertreten war, fanden sich peinlicherweise am saudischen Stand Bücher, welche die Anschläge des 11. Septembers dem Mossad zuschrieben und Comics über israelische Soldaten, die auf ausgehungerte palästinensische Kinder schießen.
Zur Ehrenrettung der arabischen Buchhändler sollte ich vielleicht noch die große Anzahl von Lexika und Wörterbüchern sowie verschiedenste Koranausgaben mit Tragetaschen und Goldeinband erwähnen. Natürlich gibt es auch arabische Lyrik und zeitgenössische Prosa - ganz propagandafrei.
9.5.2006, Teil 9
Wochenende im Südlibanon
Ali mag Deutsche, Iren und Hizbollahchef Nasrallah. Letzterer ist Oberhaupt der wichtigsten politischen Fraktion im Süden des Libanon, der stark schiitisch geprägt ist. Das ist mir allerdings bei der Fahrt durch die verschiedenen Dörfer nicht aufgefallen, denn die Frauen trugen nicht, wie die iranischen Touristinnen in Damaskus, lange schwarze und so ziemlich alles verhüllende Kleider, sondern orientierten sich eher an Beiruts Partymeile Rue Monot.
Ali ist unser Taxifahrer und er hätte ein gutes Geschäft machen können, indem er einen Nachmittag lang Touristen durch die Gegend fährt. Leider aber hatten wir keine Genehmigung für die Fahrt durch den Süden und wir hätten sie nur beim örtlichen Geheimdienstbüro bekommen. Aber die Jungs hatten schon Wochenende. Schade, wir konnten also nicht ganz in den Süden vordringen. Aber auch Nabataea und Saida sind vom Einfluss der Hizbollah geprägt mit Fahnen und Bildern von Said Nasrallah (ein dicker Mann mit Bart und Brille). Er entstammt einer christlichen Familie, was seine Karriere in der schiitischen Hizbollah etwas merkwürdig erscheinen lässt. Ich habe seine Nichte mal auf einer WG-Party in Damaskus kennen gelernt.
Nachdem wir also unverrichteter Dinge aus Nabataea nach Sidon gefahren sind, blieb noch Zeit, die Stadt zu erkunden. Deutsche Gebrauchtwagen sind der große Renner - ein etwas surreales Bild, wenn vor einer Kulisse aus dem libanesischen Bürgerkrieg plötzlich ein Sprinter mit der Aufschrift "Gärtnerei Rutemöller in Fallingbostel" auftaucht. Sidon allerdings ist eine sehr angenehme Stadt am Meer. Ein paar Jungs haben eine Mobildisco mit Technomusik an den Strand gefahren und brav das Musikprogramm für den Ruf des Muezzin unterbrochen. Auch die Altstadt ist sehr schön, auch wenn mir ständig "Ballack, Ballack" hinterhergerufen wurde. Vielleicht schaffe ich es in der mir verbleibenden Zeit im Nahen Osten, noch mal in den Süden zu fahren und mein Glück zu versuchen. Insha'allah.
5.5.2006, Teil 8
Predigt in einer Moschee
Ich komme gerade aus dem Freitagsgebet in einer Moschee in Mezze, einem Stadtteil von Damaskus. Der Imam predigte von einem kleinen Kind, das abends mit leerem Magen einschlafen muss und auch am nächsten Tag von seiner Mutter nichts zu essen bekommt, weil sie nichts hat. Sein Vater ist Märtyrer und sein der Bruder sitzt im Gefägnis. Den Grund dafür hat der Imam schnell ausgemacht: den Zionismus. Der Kind lebt nämlich in einem palästinensischen Flüchtlingslager und leidet unter der Besatzung.
Als nächstes wandte er sich dem Kampf gegen Israel zu, der die Pflicht aller Muslime sei. Er rief auf zum Dschihad gegen Israel und zur Rückeroberung der Al-Aqsa-Moschee, des drittwichtigsten Heiligtums des Islam in Jerusalem. Auch alle muslimischen Staaten hätten die Pflicht, alle ihre Anstrengungen auf die Rückeroberung zu richten.
Auch der Westen bekam sein Fett weg, er würde erst Demokratie fordern, und wenn dies einmal verwirklicht sei und das Ergebnis ihn nicht zufriedenstelle, streiche er kurzerhand seine Hilfen. Nachdem der Imam mich gesehen hatte, erzählte er noch von einem Mann, der 7.000 Dollar zur Verfügung hätte und damit zur Fußballweltmeisterschaft nach Deutschland fahren wollte. Dies wäre falsch, er solle das Geld lieber den Palästinensern geben.
Ein syrischer Freund erzählte mir, dass der Imam üblicherweise nicht so politische Reden halte, sondern mehr über den Propheten, sein Leben und seine Weggefährten erzähle. Aber Palästina ist hier ein großes Thema, über eine Million Flüchtlinge leben, zum Teil seit 1948, in Syrien.
Am Ausgang der Moschee waren Geldkassetten aufgestellt, wo die Gläubigen ihre Spende für die Hamas hineinwerfen konnten. Die Amerikaner und Europäer haben ihre Finanzhilfen ja eingefroren. Warum die großartigen arabischen Bruderstaaten, die zum Teil, wie etwa die Golfstaaten, über beträchtliche Mittel verfügen, nicht in die Bresche springen, um den Palästinensern zu helfen, blieb leider unerwähnt. Es ist schon leichter, immer den Westen zu beschuldigen.
Kleine Anekdote am Rande: In der Moschee hing ein Plakat, dass die Gläubigen dazu aufrief, in der Moschee auf den Verzehr von Knoblauch zu verzichten, um die anderen Betenden nicht unnötig zu belästigen.
24.2.2006, Teil 7
Rundreise durch Syrien
Von Damaskus nach Deirezzor sind es etwa fünf Stunden mit dem Bus. Die Stadt liegt am Euphrat und die Menschen sind nicht unbedingt an den Anblick von Ausländern gewöhnt, die Begrüßungsformeln reichten von dem üblichen "Welcome" bis zu "Fuck You Denmark!". Hier leben viele Beduinen, die erst vor kurzem sesshaft geworden sind; sie tragen lange Gewänder und den Keffiyeh, das Kopftuch, das Yassir Arafat im Westen bekannt gemacht hat.
Insgesamt gibt es nicht viel zu sehen außer dem Euphrat, die Stadt macht den Eindruck, als hätte man in den siebziger Jahren sämtliche Bauprojekte eingestellt. Die Stadt ist zudem dreckig, am Straßenrand werden Schafe geschlachtet.
Am nächsten Tag fahren wir bis kurz vor Abu Kamal an der irakischen Grenze, an mehreren Checkpoints des Militärs und des Geheimdienstes vorbei. Auf dem Weg befinden sich zwei recht interessante Ausgrabungsstätten, eine Festung von Seleukos I., einem Diadochen Alexanders des Großen und Mari, das vielleicht älteste Dorf der Welt.
Nach Abu Kamal selbst kommen wir nicht, ist wohl Sperrgebiet. Auf der Rückfahrt gibt es viele Kontrollen, offensichtlich um irakische Flüchtlinge zurück zu schicken. In dieser Gegend gibt es keine Taxifahrt ohne vorherige Passkontrolle durch den örtlichen Polizeichef. Der ist allerdings in den meisten Fällen des lateinischen Alphabets nur bedingt mächtig. Außerdem wollen sie hier immer den Namen des Vaters und der Mutter wissen und man muss sich immer sehr beherrschen, um nicht in schallendes Gelächter auszubrechen, wenn man ihnen Daisy und Donald oder ähnliche Namen nennt.
Die Gegend ist sehr ärmlich, schmutzig und wenig befestigt, wenn man von der Hauptstraße abkommt. Eigentlich Dritte Welt at it's best. Abends haben wir die einzige Bar Deirezzors entdeckt, die den Namen aber eigentlich nicht verdient. Zwei Tische, acht Plastikstühle und soviel Arak wie man will.
Auf der Fahrt zum Lake Assad, nach dem ehemaligen Präsidenten benannt, besichtigen wir die Festung Ja'ber, die erst seit den sechziger Jahren im Wasser liegt, weil zu diese Zeit ein Staudamm gebaut wurde und der Lake Assad erst entstand. Unser Taxifahrer besteht darauf, im örtlichen Fotoladen von al-Thaura noch ein Erinnerungsbild mit uns zu machen. Der Ladenbesitzer lässt sich die Gelegenheit nicht entgehen und will auch mit uns fotografiert werden. Wenn mir mal das Geld ausgeht, weiß ich, wie man als blonder Europäer seine Urlaubskasse ohne großen Aufwand wieder füllen kann.
Gestern abend sind wir in Aleppo angekommen, hier mischt sich viel orientalischer Charme in den Souqs mit dem unvermeidlichen Smog einer hiesigen Großstadt. Die Souqs sind riesig, es gibt ganze Viertel nur für Seide, Schuhe, Wäsche und Seife. Wenn irgendwie möglich, sollte man sich nicht in den Fleisch-Souq verirren.
Aleppo ist in diesem Jahr islamische Kulturhauptstadt, weswegen man von einer Baustelle in die nächste läuft. Morgen werden wir versuchen, mit dem Zug ans Mittelmeer nach Latakia und von dort zurück nach Damaskus zu fahren.
7.2.2006, Teil 6
Nachdem ich in den letzten Tagen die deutschen Presseberichte verfolgt habe, möchte ich den Aufruhr doch etwas relativieren. Ich war gerade mit einem Dänen im Hamam und nachher auf ein Bier im christlichen Viertel. Nirgendwo wurden wir komisch angeguckt, niemand begegnete uns feindselig. Natürlich gab und gibt es Ausschreitungen, aber das bedeutet noch nicht, dass hier die Luft brennen würde. Viele Syrer waren über die Geschehnisse sehr betroffen, es war ihnen direkt unangenehm. In den letzten Tagen bin ich öfters durch die Straßen gelaufen, die Ladenbesitzer sind freundlich.
Nach meinen letzten Informationen soll es am kommenden Samstag eine erneute Demonstration in Damaskus geben. Zumindest kam die Info von dem Teil des Personals der dänischen Botschaft, das noch hier ist. Trotzdem gehe ich davon aus, dass es nicht mehr zu solchen Eskapaden kommt wie am vergangenen Samstag. Es gibt ja auch nicht mehr viel Dänisches anzuzünden.
Also, meiner Meinung nach kein Kampf der Kulturen, zumindest nicht in der Totalität wie oft dargestellt, aber natürlich einige Spannungen.
6.2.2006, Teil 5
Gestern haben Demonstranten die dänische Botschaft zum Teil angezündet. Nur die dänische? Nein! In dem Gebäude waren auch noch die schwedische und die chilenische Botschaft untergebracht sowie im Erdgeschoss ein Laden für Landwirtschaftsgeräte. Letzterer war ein syrischer Laden, fiel dem Protest aber gleichermaßen zum Opfer.
Ich war vorhin an der Botschaft, es ist wieder Ruhe eingekehrt. Ein paar Polizisten und Militärs, Schaulustige und Leute, die mit Aufräumarbeiten beschäftigt sind. Das Schild, das das Gebäude übrlicherweise als diplomatische Vertretung ausweist, war weg, genauso die dänische Fahne. Stattdessen waren die Räume der Straßenseite der Botschaft ausgebrannt. Im Erdgeschoss lagen alle möglichen Sachen in einem ziemlichen Chaos auf dem Boden verstreut. Die Fassade der Botschaft war von Steinwürfen gezeichnet. Einige Demonstranten müssen auch um die Botschaft herumgegangen sein, weil an einem Nebenteil des Gebäudes Brandspuren zu sehen waren.
Auf den Straßen hat sich nach meiner Wahrnehmung nicht viel verändert. Die Leute sind freundlich. Vielleicht sind politischer Protest vor der dänischen Botschaft und arabische Gastfreundschaft doch zwei verschiedene Paar Schuhe. Wenn man hier Gäste hat, ist es eine Sache persönlicher Ehre, dass ihnen nichts passiert.
Trotzdem gibt es auf den Straßen Boykottaufrufe gegen dänische Produkte. Vor allem Butter und, wie ich heute gesehen habe, auch Lego. Wenn nun von beiden Seiten nicht noch weiter Öl ins Feuer gegossen wird, könnte sich die Lage beruhigen, da ich nicht den Eindruck habe, dass die Proteste sehr langatmig sein können. Aber man wird sehen, auf jeden Fall könnten uns weitere Veröffentlichungen von Karikaturen dieser Art einige Probleme einbringen.
5.2.2006, Teil 4
Beirut ist eine schizophrene Stadt. Neben nagelneuen Bürogebäuden und einem für 1,7 Milliarden Dollar aus dem Boden gestampften neuen Stadtzentrum stehen immer noch zerschossene Ruinen aus dem Bürgerkrieg in der libanesischen Hauptstadt. Sie gilt als eine der liberalsten Städte des Nahen Ostens, was ich mit Hinblick auf das ausschweifende Nachtleben durchaus bestätigen kann. Man bekommt überall Alkohol. Zum ersten Mal habe ich in einem arabischen Land ein Paar sich öffentlich küssen sehen.
Trotzdem ist der Libanon auch noch von den letzten Zerwürfnissen gezeichnet. Direkt neben unserem Hotel befand sich eine abgesperrte Straße, in deren Mitte ein großer Krater war. Die Häuser daneben waren durch die Bombenexplosion stark beschädigt. Auf welchen Anschlag dieser Zustand zurückzuführen ist, weiß ich nicht. Es gab im vergangenen Jahr dutzende größere und kleinere Anschläge, meist auf antisyrische Publizisten und Journalisten. Gerade letzten Dienstag wurde noch eine libanesische Militärkaserne von einer Explosion heimgesucht.
Beirut, zumindest was den Stadtkern anbelangt, fehlt der orientalische Charme wie man ihn zum Beispiel in Damaskus spürt. Stattdessen sieht man ein recht westliches Stadtbild. Pünktlich zur Erstürmung der dänischen Botschaft war ich am Samstag wieder in Damaskus. Die Demonstration war angekündigt und uns bekannt. Dass sie so aus dem Ruder gelaufen ist, überrascht. Denn normalerweise verlaufen Demonstrationen hier recht organisiert. Seit dem Nachmittag waren auch ständig Feuerwehrfahrzeuge auf den Straßen.
Es gibt allerdings noch keinen Grund zur Beunruhigung. Das Klima hat sich nach meiner Wahrnehmung nicht geändert. Man begegnet uns nicht anders, sondern freundlich wie eh und je. Wenn mal einer komisch guckt, muss man ihm eben verständlich machen, daß man kein Skandinavier ist und die Cartoons auch daneben findet - auch wenn man nicht wirklich so denkt.
30.1.2006, Teil 3
Es gibt Neuigkeiten: Ich habe meine Aufenthaltserlaubnis. Es ist also doch möglich, woran eigentlich niemand geglaubt hat. Die Abholung allerdings hat anderthalb Stunden gedauert, weil der "General" erst noch unterscheiben musste. Der wiederum war indes mit Tee trinken beschäftigt und sein Büro für Publikumsverkehr geschlossen.
Gestern bin ich umgezogen. Mein Vermieter Walid hat bei Vertragsabschluss zu arabischem Gebäck und den Klängen von Mariah Carey nebenbei noch einen Iraker eingestellt. Walid ist Christ und hat uns als Einzugsgeschenk eine Kiste syrisches Barada-Bier und eine Flasche Arak geschenkt - super! Kurz nach dem Einzug ist es mir gestern gelungen, dem gesamten Stadtteil Shahbandar den Strom zu entziehen. Als ich meinen Heizlüfter eine Stufe höher stellte, gingen bei uns und in der gesamten Nachbarschaft die Lichter aus. Ob da wirklich ein Zusammenhang bestand, weiß ich nicht. Das wird noch Gegenstand weiterer Tests werden. Wir haben eine große Dachterasse mit verrosteter Hollywoodschaukel, sehr schön im Sommer, aber im Moment ist es besonders nachts sehr kalt und die Wohnung ist praktisch nicht wärmeisoliert.
Was passiert in Damaskus? Nicht viel. Der Sieg der Hamas wurde durchaus wohlwollend aufgenommen, immerhin kämpfen die gegen Israel und der Führer der Hamas, Mash´al, hat in Damaskus Asyl bekommen. Auf von Israel kontrolliertem Gebiet würde er, wohl zurecht, sofort festgenommen werden. Gestern Abend aber gab es eine Demo gegen Imperialismus vor dem erst kürzlich eröffneten ersten Kentucky Fried Chicken in Zentrum der Stadt. Eigentlich nichts Besonderes, hier gibt es ein paar Berufsdemonstranten. Wenn wir so einen tollen Präsidenten hätten, wären wir schließlich auch jeden Tag auf der Straße.
Soviel für heute, ich habe in der nächsten Zeit noch einige Reisen geplant. Zum Beispiel Skifahren im Libanon und eine Zugreise nach Istanbul.
9.11.2005
Ausflug nach Jordanien
Mit dem Bus braucht man von Damaskus nach Amman etwa vier Stunden, davon eine Stunde an der Grenze, die sich über nicht weniger als acht Checkpoints erstreckt. Im Duty-Free-Shop, irgendwo im Niemandsland zwischen den beiden Staaten, kauft der Busfahrer zehn Stangen Zigaretten und drückt sie den Reisenden in die Hand. Das ist leider kein Geschenk, sondern wir helfen beim Schmuggeln mit.
Amman selbst ist eine ausgesprochen hässliche Stadt, die sich auf 19 Hügel verteilt. Man hat zwei Möglichkeiten in Amman: Entweder man steht auf einem Hügel oder man steht im Smog. Glücklicherweise gab es in der jordanischen Hauptstadt auch vor zweitausend Jahren schon Bewohner, denn, so scheint es mir, was die hinterlassen haben ist interessanter als alles andere. Es gibt ein Amphitheater aus römischer Zeit, durch das uns ein älterer Palästinenser führt. Der Mann hält uns für schwerhörig und schreit uns die Informationen ins Gesicht, was im Amphitheater besonders gut rüberkommt. Schließlich hat es eine besonders gute Akkustik.
Später treffen wir einen Freund, der an der Bir Zeit Universität in der Nähe von Ramallah studiert. Er hat über die Hussein Bridge zwölf Stunden nach Jordanien gebraucht.
Am nächsten Tag fahren wir nach Petra, ein Touristen-Hot-Spot und das nicht ohne Grund. Die Nabatäer haben vor etwa zweieinhalbtausend Jahren eine Stadt in einen Canyon gemeißelt. Später wurde die Stadt von Römern und Byzantinern beherrscht. Vielleicht kennt ihr den Indiana-Jones-Film, wo sie aus einer tiefen Schlucht auf einen alten Tempel zureiten - das ist der Eingang der Stadt Petra.
Es sind viele Touristen unterwegs und die Beduinen kutschieren sie mit Eselskarren und Pferden herum, weil das Areal wirklich riesig ist.
Seit vorgestern bin ich wieder in Damaskus und der Ramadan ist endlich vorbei; sogar meine Aufenthaltserlaubnis macht Fortschritte, die wird nämlich bearbeitet und ich darf in einem Monat wiederkommen.
Noch ein kurzer Nachtrag zu den Demonstrationen gegen den Mehlis-Report: Ich habe mitbekommen, wie diese organisiert werden. Morgens, wenn alle Studenten in der Uni sind, wird der Campus kurzerhand abgesperrt, keiner darf das Gelände verlassen und alle werden mit Fahnen und Transparenten versorgt und zum Demonstrieren gezwungen.
24.10.2005
Hallo aus Syrien. Im Moment ist hier Ramadan, was das Leben der Leute und damit leider auch meines etwas auf den Kopf stellt. Während des islamischen Fastenmonats trinkt, isst und raucht der gläubige Muslim tagsüber nicht, was für mich bedeutet, das die Restaurantsuche extrem schwer geworden ist - es hat halt kaum einer auf.
Insgesamt ist die Situation hier deutlich entspannter als in Ramallah, das in dem Land liegt, in dem ich offiziell nie gewesen bin, da die syrischen Behörden jedem die Einreise verweigern, der einmal in Israel gewesen ist. Allein das Wort auszusprechen, ist etwas heikel. Im Freundeskreis reden wir vom Lummerland.
Ruhiger ist es deshalb, weil die syrischen Autoritäten ihre Bevölkerung ziemlich im Griff haben. An jeder Straßenecke, im Cafe oder normalen Supermärkten hängt ein Bild von Präsident Bashar al-Assad oder seines im Jahr 2000 verstorbenen Vaters Hafiz. Insofern war die Frage einer BBC-Reporterin in der Damaszener Altstadt, was denn die Einwohner von ihrem Präsidenten hielten, etwas fehl am Platze. Wer geht schon freiwillig ins Gefängnis?
Für einige Unruhe sorgte hingegen der Selbstmord des syrischen Innenministers vor einer Woche, der womöglich in Zusammenhang mit der Ermordung des libanesischen Ex-Ministerpräsidenten Rafik Hariri in Beirut steht. Ein UN-Bericht, der so genannte Mehlis-Report, untersuchte die Angelegenheit.
Syrien ist das Land der Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Ich habe mittlerweile nicht weniger als elf Formulare ausgefüllt, 14 Passfotos verbraucht und habe immer noch keine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis, für die übrigens auch ein AIDS-Test obligatorisch ist. Im zuständigen Immigrationsbüro erklärte mir ein syrischer Beamter von seiner Liege aus, ich bräuchte noch ein "talab al-iqama", einen förmlichen Antrag auf Aufenthalt sowie einige Briefmarken. Die werden hier auch zum Absegnen von Verträgen benutzt. Für meinen Mietvertrag war eine Wohnzeitbestätigung der deutschen Botschaft vonnöten, die wiederum vom syrischen Außenministerium abgesegnet werden musste. Als ich dort ankam, war es natürlich gerade geschlossen - Ramadan. Bemerkenswert war allerdings das Autowrack vor dem Eingang des Ministeriums, das die Beamten mit hoheitlichen Aufgaben anscheinend ebenso wenig störte wie die schimmelnden Wände und der Sperrmüll in der Empfangshalle.
Naja, meinen Mietvertrag habe ich durch, morgen gehe ich mit einem Freund ins Immigrationsbüro und - insha' allah - bekomme dann meine "resident card". Aber das glaube ich nicht, bevor ich das Ding in der Hand halte.
Tagebuch aus Ramallah
Teil 9, 30.8.2005
Das Dorf ist recht klein und, so scheint es, fest in der Hand der Familie. Irgendwo wohnt immer ein Cousin, Onkel, Schwager, Neffe und so weiter. Das Haus der Familie selbst erstreckt sich auf vier Stockwerke, etwa 30 Personen leben dort. Die Leute interessieren sich besonders für deutsche Autos. Immer wieder soll ich den Wert von gebrauchten Mercedes-Wagen taxieren. Ebenso Studium und Arbeit in Deutschland. Der Junior soll wie der Vater Medizin studieren und lernt deswegen Deutsch am Goethe-Institut.
Nachdem wir den Tag mit Tee trinken, rauchen und im Schatten sitzen verbracht haben, zeigt uns Uma, einer der Cousins meines Gastgebers, eine Art Kinderfreizeit, die er jeden Freitag und Sonntag freiwillig für Unicef im Dorf veranstaltet. Etwa vierzig Kinder nehmen am Seilspringen teil. Übrigens etwas ziemlich Neues im Gegensatz zum alternden Deutschland - es gibt hier wirklich Kinder! Nur nebenbei, das Durchschnittsalter der Palästinenser liegt bei etwa 16 Jahren.
Am Abend fahren wir zufällig an einer Hochzeitsfeier vorbei, die Habibi-Musik ist extrem laut und gut ein Dutzend Tänzer haben sich auf der Bühne eingefunden. Nach einer kurzen Begrüßung erklärt mich der Gastgeber zum Mitglied seiner Familie.
Anschließend gehen wir zurück zum Haus meines palästinenischen Freundes, die ganze Familie sitzt draußen und lauscht andächtig den Geschichten aus Deutschland. Besonders die Reisefreiheit hat es ihnen angetan. Von den Hügeln von Baqd as-Sharqia kann man die israelische Küstenstadt Netanja und bei klarem Wetter auch das Meer sehen. Dort gewesen sind die meisten noch nie.
Gegen Ende des Abends äußert der Gastgeber Dr. Yusuf Hourani sein Bedauern, dass ich keine Schwester habe. Er wäre noch auf der Suche nach einer Frau für einen Sohn.
Dies ist der letzte Eintrag in meinem Palästina-Tagebuch. Vielen Dank für eure Aufmerksamkeit. Noch einige Anmerkungen: Dies waren recht subjektive Berichte und oft sind die Israelis nicht gut weggekommen. Aber das ist nun einmal der Eindruck, der sich in den besetzten Gebieten aufdrängt. Dass es auch eine andere Version gibt, ist mir klar. Darüber schreibe ich, wenn ich das nächste Mal in Israel unterwegs bin.
Teil 8, 29.8.2005
Baqd ash-Sharqia, nahe Tulkarem. Ich wurde von einem unserer Deutschschüler eingalden, ihn und seine Familie in der Nähe von Tulkarem zu besuchen. Die Taxifahrt dauert von Ramallah gute zwei Stunden, ein fliegender Checkpoint inklusive. Fliegende Checkpoints sind relativ willkürlich von den Israelis eingerichtete Straßensperren, die, Insha Allah, nach ein paar Stunden wieder verschwunden sind.
Nachdem bei der Passkontrolle herausgekommen ist, dass ich Deutscher bin, salutiert der Beifahrer auf der Weiterfahrt mit dem Hitlergruß. Auch dieses Mal schlagen meine Erklärungsversuche fehl, stattdessen klärt der Mann den Fahrer auf, dass dieser "Heeetler" gewusst hätte, wie man mit Juden umgeht. Leider musste ich das schon öfter erleben, aber irgendwie konnte ich es noch niemandem begreiflich machen, dass diese Person bei uns kein Volksheld ist.
In Tulkarem halte ich mich nicht lange auf, denn es ist Freitag und das öffentliche Leben findet nicht statt. Stattdessen fahre ich gleich weiter nach Baqd ash-Sharqia, einem kleinen Ort, fünfzehn Minuten von Tulkarem entfernt. Im Haus der Familie werde ich überschwänglich begrüßt, ein Sohn trägt mir die ganze Zeit einen Ventilator hinterher. Im Laufe des Tages wird man mich nicht nur überreden, über Nacht zu bleiben, sondern ich habe auch irgendwann aufgehört, die Tees, Kaffees, Kuchen und unzähligen Zigaretten zu zählen, die ich während diverser Verwandschaftsbesuche zu mir nehmen soll.
Fortsetzung siehe Teil 9
Teil 7, 22.8.2005
Wer hätte das gedacht? Man braucht nur nach Ramallah zu fahren, um Daniel Barenboim und sein "West-Eastern Diwan Orchestra" zu hören. Ganz so einfach war es aber doch nicht. Das Konzert in Ramallah galt als Höhepunkt der Tournee des Orchesters, das aus jungen Musikern aus arabischen Staaten und Israel besteht. 1999 riefen der Israeli Daniel Barenboim und der Palästinenser Professor Edward Said in Weimar das Orchester ins Leben. Barenboim musste in der Folgezeit viele Anfeindungen der israelischen Rechten ertragen. Zum Eklat kam es, als er es wagte, in Israel Wagners "Tristan und Isolde" aufzuführen.
Einen Eklat löste Barenboim auch vor zwei Jahren bei der Verleihung des Wolf-Preises in der Knesset aus. Barenboim nutzte die Gelegenheit und legte in seiner Dankesrede die Widersprüche zwischen dem Anspruch der israelischen Unabhängigkeitserklärung und der heutigen Politik des Staates Israel offen. In Ersterer steht: "It (the State of Israel, Amn. d. Autors) will grant full equal, social and political rights to all its citizens regardless of differences of religious faith, race or sex; it will ensure freedom of religion, conscience, language, education and culture [...]". Außerdem strebe der Staat Israel danach, "to pursue peace and good relations with all neighboring states and people." Anschließend fragte er, mehr nachdenklich als sarkastisch, ob die dauerhafte Besetzung eines Landes und seiner Bewohner im Einklang mit den hohen Prinzipien der Unabhängigkeitserklärung stehen könnte.
Bei der Gründung des "West-Eastern Diwan Orchestras" stand Barenboim der renommierte Princeton-Professor Edward Said zur Seite. Beide pflegen eine enge Freundschaft, so dass gestern Abend auch die Witwe des 2003 verstorbenen Said eine Rede ihres Mannes vortrug. Das von palästinensischen Kulturministerium mitorganisierte Konzert fand großen Anklang, nicht nur alle Sitzplätze, sondern auch die Aufgänge waren besetzt mit einer recht bunten Mischung aus Palästinensern und "expats" (Ausländer, die beruflich in Ramallah sind, wie Diplomaten und andere). Für viele, gerade die israelischen Musiker, ein mutiger Sprung über den eigenen Schatten, in Ramallah aufzutreten. Umso mehr wurden sie dafür mit dem frenetischen Jubel des palästinensischen
Publikums bedacht. Barenboim sagte in seiner Ansprache (dem Sinn nach zitiert): "Wir als Orchester können keinen Frieden schaffen. Aber wir können einen anderen Weg, abseits von Gewalt und gegenseitigem Hass aufzeigen. Als Orchester kann man nur spielen, wenn man miteinander harmoniert. Diese jungen Menschen haben gezeigt, dass das möglich ist."
Teil 6, 16.8.2005
"Ich habe noch nie ein Kind von denen lachen sehen." Bill lässt den Blick von der Dachterasse seiner Wohnung im Zentrum Hebrons schweifen. Gemeint sind die Kinder der jüdischen Siedler, die unter dem Fanatismus ihrer Eltern ebenso zu leiden haben wie die ansässigen Palästinenser. Bill Baldwin, pensionierter Pfarrer aus Kanada, gehört zu einer Gruppe christlicher Friedensaktivisten, die dazwischen gehen, sobald es zur gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Siedlern und Palästinensern kommt. In Hebron liegt das Grab des Stammvaters Abraham, das sowohl Juden wie auch Muslimen heilig ist. Mitten im Kern der alten Stadt haben sich etwa 500 jüdische Siedler verschanzt, geschützt durch Soldaten der israelischen Armee, die Kontrollposten in der Stadt errichtet haben. Die übrig gebliebenen palästinensischen Familien sind heftigen Anfeindungen seitens der Sielder ausgesetzt. Ein Projekt der christlichen Aktivisten ist es, palästinensische Kinder auf ihrem Schulweg zu begleiten. Es ist nämlich schon des Öfteren zu Angriffen auf sie gekommen. Auch einige der Aktivisten wurden bereits von militanten Siedlern verletzt. Derzeit aber, betont er, sei es ruhig, weil viele nach Gush Katif im Gaza-Streifen gereist sind, um gegen den dortigen Abzug zu demonstrieren.
Bill hat Mitleid mit den Kindern der Siedler, die in einem unsicheren Klima unter Einwirkung ihrer fanatisierten Eltern aufwachsen müssen. "Was die ihren eigenen Kindern an psychologischer Gewalt antun, ist genauso schlimm wie das, was sie den Palästinensern antun." Die Altstadt selbst wirkt wie ausgestorben, nur wenige Händler haben noch ihre Läden dort und versuchen, dem ausländischen Besucher ihre Waren zu verkaufen. Über die Gassen sind Drahtnetze gespannt, die den Müll auffangen, den israelische Siedler von ihren Wohnungen auf die Palästinenser hinunterwerfen. Früher, erzählt Baldwin weiter, lebten Juden und Muslime Haus an Haus in der Stadt. Doch mit der Eroberung der Westbank durch die Israelis 1967 fand das friedliche Zusammenleben ein Ende. Die Sieder von heute sind keineswegs die arabischen Juden von damals, sondern Extremisten aus den USA oder anderen westlichen Nationen. Die Friedensaktivisten versuchen, durch die Vermittlung von Kontakten zwischen alten jüdischen Familien, die aus Hebron weggezogen sind, und den noch ansässigen Palästinensern ein Stück der besseren Tage wieder zu beleben.
Die israelischen Soldaten sitzen gelangweilt vor dem Eingang zum Schrein des Abraham. Es gibt einen jüdischen und einen muslimischen Teil der Wallfahrtsstätte. Dies wurde notwendig, nachdem 1994 der Siedler Baruch Goldstein mit einem Maschinengewehr 29 muslimische Betende erschoss. Heute ist Hebron eine geteilte Stadt, es gibt die Zone H1 (die der Palästinenser) und die Zone H2 (die der Israelis). An manchen Straßen kommt man nicht weiter, weil dort Betonblöcke und Stacheldrahtzäune den Weg versperren. Das Leben in Hebron hat sich auf die Neustadt verlagert, wo es große Märkte und zahlreiche Geschäfte gibt. Die Leute sind sehr freundlich und Kinder verlangen danach, fotografiert zu werden. Viele der Leute sprechen uns an, fragen woher wir sind und heißen uns mehrfach in ihrer Stadt willkommen.
Teil 5, 8.8.2005
Die Ortschaft Taybeh liegt ganz in der Nähe von Ramallah und wird ausschließlich von Christen bewohnt. Doch dies ist nicht die einzige Besonderheit des Dorfes. Bekannt ist Taybeh vor allem durch das gleich- namige Bier, das hier seit 1994 gebraut wird.
Kurz nach dem Abschluss der Verträge von Oslo entschloss sich der in den USA lebende Nadim C. Khoury, in seinem Heimatdorf zu investieren und das erste und bisher einzige palästinensische Bier zu brauen. Er gibt sich patriotisch und erzählt von allerlei Komplikationen, die das Bierbrauen in der Westbank so mit sich bringt. Da wäre zunächst einmal die überwiegend muslimische Bevölkerung, deren Bierkonsum nicht gerade rekordverdächtig ist. Einmal wurde sogar eine Fatwa gegen sein Unternehmen geschrieben, die den Konsum von Bier für Muslime untersagt. Nichtsdestotrotz verzeichnet Taybeh Beer seit seiner Gründung wachsende Absatzzahlen.
Ein weiterer Stolperstein ist die palästinensische Autonomiebehörde, die neben einer Produktionssteuer von 40 Prozent auch noch eine Umsatzsteuer von 23 Prozent erhebt. Nicht gerade förderlich für die ohnehin am Boden liegende heimische Wirtschaft. Hinzu kommt, dass das unter Lizenz in Jordanien gebraute niederländische Amstel-Bier steuerfrei nach Palästina eingeführt werden kann, während die Jordanier ihren eigenen Markt mit einer Bier-Import- steuer von 180 Prozent schützen.
Doch was den Braumeister am meisten schmerzt, ist die Gleichgültigkeit seiner Landsleute. Anstatt bewusst und politisch korrekt palästinensisches Bier zu trinken, greifen zu viele auf das israelische Maccabi-Bier zurück. Für Nadim Khoury hingegen gehören Bierkonsum und patriotische Verantwortung zusammen. Seine Söhne haben sich für das Bier den neuen Werbeslogan "Taste the Revolution" ausgedacht. Das Bier ist mittlerweile auch in Deutschland erhältlich. Wer neugierig geworden ist findet mehr Informationen unter www.taybehbeer.net.
Anfang Oktober wird das erste palästinensische Oktoberfest stattfinden. Die Resonanz auf die Ankündigung der Brauerei war bisher recht verhalten, aber Nadim ist Überzeugungstäter. Zum Abschied gibt er mir einen Auftrag mit auf den Weg: Ich als Deutscher solle mit gutem Beispiel vorangehen. Wegen meiner Herkunft wird mir von vorn herein eine große Kenntnis in Sachen Bier unterstellt. Und wenn die Palästinenser sehen, dass selbst ein Deutscher auf ihr Bier zurück greift und Becks und Amstel verschmäht, dann wäre es eine phantastische Werbung für Taybeh Beer - "the finest in the Middle East". Mach' ich doch gerne!
Teil 4, 5.8.2005
Khalil studiert an der Bir Zeit Universität nahe Ramallah französische Literatur. Da er als palästinensischer Flüchtling registriert ist, beschränkt sich sein Bewegungsspielraum auf Ramallah plus Umgebung. Von Baitun, wie sein Dorf heißt, sind es über Ramallah bis zur Universität gerade einmal dreißig Kilometer. Seit vier Jahren hat er diesen Radius nicht verlassen, denn das Westjordanland ist übersäht mit israelischen Checkpoints. Und ohne die entsprechenden Ausweispapiere kommt niemand hindurch. Wie ihm geht es Tausenden Palästinensern, für die ihr eigenes Land zu einem Gefängnis geworden ist.
Kürzlich erzählte mir eine Bekannte, die in Gaza war, von einer Gruppe Frauen und Kindern, die am Checkpoint Eretz im Norden des Gaza-Streifens durch den Checkpoint gelassen wurden. Sie hatten riesige Tüten voller Kleidung und Lebensmittel bei sich. Es waren die Familien von Männern, die in israelischen Gefängnissen sitzen. Ab und zu erteilen die Israelis Sondergenehmigungen für Familienangehörige. Das heißt, für die Ehefrauen und Kinder unter zehn oder elf Jahren, damit die ihre inhaftierten Verwandten besuchen können. Die Kinder waren fein gemacht, in Anzügen oder Kleidern, als wenn ein großes Familienfest anstünde. Nur selten dürfen sie ihre Väter besuchen. Das Beklemmendste war, so schilderte sie mir, dass diesen Kindern erlaubt wurde, das eine Gefängnis zu verlassen, nur um ein anderes zu besuchen.
Teil 3, 2.8.2005
"Eine sorgfältig geführte Tabelle aller in Ramallah und al-Bireh stattgefundenen Verbrechen ziert die Wand im Büro des Chefs der hiesigen Polizeistation. Sein genauer Rang bleibt unklar, auf jeden Fall hat er die meisten Sterne auf
der Schulter. Akribisch notiert er sich die Details des gestrigen Einbruchs in die Wohnung einer Praktikantin des GI, mehrere Männer sitzen an einem Konferenztisch. Nachdem wir die Frage unserer Herkunft mit "Almaniya" angeben, geht ein freundlichen Raunen durch die Runde, mehrfache "ahlan wa-sahlan", und einer nuschelt etwas von Oliver Kahn.
Das Polizeirevier ist heruntergekommen, das Treppenhaus voller Schimmel und die Stufen zum Teil kaputt. Trotzdem verrichten hier einige Dutzend Polizisten in Uniform oder zivil ihren Dienst. Wir werden ins Büro des leitenden Inspektors geführt, der uns mit ernster
Mine versichert, man werde die Sachen finden,
die Diebe zur Rechenschaft ziehen und sie, um den Schaden zu begleichen, notfalls enteignen.
In der Tat geben sich die Polizisten große Mühe, fragen genau nach. Doch die Aussichten, hier Diebesgut wieder zu finden sind eher bescheiden. Gleich mit 15 zum Teil mit Maschinenpistolen bewaffnete Polizisten kamen gestern abend in das betroffene Haus. Einige suchten pflichtbewusst den Vorgarten ab, die anderen untersuchten die aufgebrochene Haustür. Immerhin bekamen wir eine Bestätigung des Diebstahls, so dass man den entstandenen Schaden eventuell noch bei einer deutschen Versicherung geltend machen kann.
Kürzlich unterhielt ich mich mit einem englischen Politik- wissenschaftler, der über die israelisch-palästinensischen Wirtschaftsbeziehungen forscht. Er erzählte mir, dass Steine die Hälfte der palästinensischen Exporte nach Israel ausmachen, womit letztere die Mauer bauen. Um die Ironie zu komplettieren, kommt der notwendige Zement für den israelischen Sicherheitszaun aus Ägypten.
Teil 2, 28.7.2005
"Hello, where are you from?" wird mir des öfteren auf der Straße zugerufen. Wenn ich dann in etwas holprigem Fusha-Arabisch zu erkennen gebe, dass ich aus Deutschland komme, wird aus dem freundlichen Lächeln oft ein breites Grinsen: Autos und Fußball - die Deutschen sind beliebt. Insgesamt ist die Atmosphäre hier weniger angespannt, als man vielleicht annehmen könnte, denn die Palästinenser der Westbank, speziell in Ramallah, gehören zu den Privilegierten ihres Volkes.
Es gibt hier große, stattliche Häuser, fast Paläste. Sie gehören amerikanischen Palästinensern oder hohen Funktionären der regierenden Fatah. Irgendwo müssen die EU-Gelder schließlich hin. Anders sieht es da im Gaza-Streifen aus. Vorhin erzählte mir jemand, der gestern von dort zurück kam, von der Trostlosigkeit: Deprimierte Menschen auf den Straßen, die Stadt Gaza ein einziger grauer Berg. Viele dort haben keinen Ausweis, können also nicht aus dem Streifen heraus.
Davon ist hier nichts zu spüren. Hier gibt es Läden, in denen man so ziemlich alles bekommt,
was es auch im "Westen" gibt. Das Problem ist nur, dass die Sachen recht teuer sind. Hier wird halt relativ wenig produziert, alles muss importiert werden, hauptsächlich aus Israel. Aber man kann auch das eine oder andere Schnäppchen machen, ich suche gleich mal nach einer Wasserpfeife.
Teil 1, 26.7.2005
Der Checkpoint Kalandia liegt zwischen Jerusalem und Ramallah. Er wird von einigen israelischen "Teenager"-Soldaten bewacht. So werden die zumeist wehrpflichtigen Soldaten der Zahal hier genannt. Direkt an dem Checkpoint beginnt ein Abschnitt des israelischen Sicherheitszauns. Der Wachturm ist von Farbbeutelattacken gezeichnet. Auf der anderen Seite steigt man in ein Taxi nach Ramallah. Nach der Fahrt durch einige ernüchternde Orte und Vorstädte Ramallahs, in denen halbfertige oder halbzerstörte Häuser aus Bergen von Bauschutt und Müll herausragen, wirkt der Stadtkern selbst angenehm unaufgeregt. Das Leben in den Straßen ist qurilig, überall bieten Händler ihre Waren an, Menschen gehen ihren Geschäften nach. Man könnte fast meinen, es wäre eine normale Stadt, wenn da nicht die Eindrücke von dem Weg hierher wären und die Plakate des islamischen Dschihads, der zum Niederreissen der Mauer aufruft.
Das Goethe-Institut befindet sich in einem neuen, großen Gebäude. Hier gibt es eine Kooperation zwischen dem Französischen Kulturzentrum und dem GI, beide arbeiten gemeinsam unter einem Dach. Innendrin ist alles
neu und sehr sauber. Das liegt daran, dass die deutsche Kulturvertretung hier erst vor einem Jahr eingezogen ist, nachdem die israelische Armee das alte Gebäude des Instituts zerstört hatte.
Ich habe hier noch keine feste Wohnung, erst Ende der Woche werde ich eine beziehen können. Deswegen bin ich für ein paar Tage in der WG einer anderen Mitarbeiterin des Instituts untergekommen. Auf einem Berg gegenüber liegt eine israelische Siedlung, man kommt sich beobachtet vor. Vor ein paar Jahren wurde von da oben auf Ramallah geschossen. Es gab einige Tote unter den Palästinensern. So beschleicht mich auch jedesmal ein mulmiges Gefühl, wenn ich auf die Terasse trete, weil ich die Vorstellung nicht loswerde, von einem Siedler durch das Objektiv eines Gewehrs beobachtet zu werden. Hier ist allerdings seitdem nichts mehr passiert.
