e-fellows Blog

Utopien

e-fellow Isabel (21) studiert Politikwissenschaft und Afrikanistik in Leipzig. Sie hat eine Vision: Männer und Arbeitgeber fühlen sich künftig mit verantwortlich für die Kinder in Deutschland

Isabel

26.4.2006

Perspektivenwechsel gewünscht
Tja, die Akademikerinnen. Die sind so mit Studium und Karriere beschäftigt, dass sie keine Lust mehr auf Kinder haben, Kinder sowieso als Bremse betrachten und einfach Spaß, Geld und Champagner haben wollen. Um männliche Studierende oder Absolventen geht es in dieser Debatte nicht, denn kinderwillige AkademikER finden sich ja angeblich wie Sand am Meer. Meinen indirekt jedenfalls die großen - meist männlichen - Feuilletonisten wie Frank Schirrmacher. Die haben ja den Durchblick – und eine Frau mit Kind, die ihnen den Rücken freihält. Wie es sich gehört. Wir Deutschen bekommen zu wenig Kinder, das mag stimmen. Aber wird eine Akademikerin ganz von alleine schwanger? Oder spielt da vielleicht auch der Partner eine Rolle, der sie unterstützt oder eben nicht? Der sich ein Kind wünscht oder eben nicht? Ich wäre den großen Männern, die derzeit so viel diskutieren, sehr verbunden, wenn sie beim Thema kinderlose Akademiker nicht nur von Frauen sprächen. Auch Männer können aktiv kinderlos sein!

Langfristig denken
Wie die meisten unter uns würde auch ich gerne wissen, was die Zukunft bringt. Leider bin ich wohl ein wenig zu pessimistisch, um mir wunderbare Utopien auszumalen. Mir würden eigentlich schon kleine Veränderungen reichen, um mir ein Dasein als "akademische" Mutter vorstellen zu können – aber vielleicht sind schon die für unsere derzeitige Berufswirklichkeit vollkommen utopisch. Aber mal sehen, was sich da für eine Wunschliste aufstellen lässt. Es wäre toll, wenn sich Frauen in naher Zukunft mit gutem Gewissen erst mal über sich selbst, ihren Werdegang und auch über ihren Beruf definieren dürften. Wenn man nicht ab 30 regelmäßig auf die biologische Uhr hingewiesen würde. Wo ist das Problem, wenn Mütter "immer älter" werden? Wenn wir erst mal Frauen sein dürften, und das Muttersein später kommen darf, das wäre schön. Väter, die ein paar Jahre Pause machen für ihre Kinder; Eltern, die sich abwechselnd um die Kinder kümmern. Mir ist bewusst, dass viele diese Wünsche als idealistisch und unangebracht abtun werden, mit dem Verweis auf unser Wirtschaftssystem und die armen Arbeitgeber. Die können angeblich gar nicht anders, als sich gegen Frauen und Männer, die Elternurlaub nehmen, entscheiden. Dann setze ich eben noch eins drauf und wünsche mir, dass die Wirtschaft endlich anfängt, langfristig zu denken und in Kinder zu investieren. Denn wo Wirtschaft und Staat ohne Kinder in ein paar Jahrzehnten stehen werden, davon zeugt die aktuelle Panik um die Folgen des demografischen Wandels.

Gemeinsam stark
Weitere Utopien: Das Verschwinden der berüchtigten Fragen im Vorstellungsgespräch: "Wünschen Sie sich Kinder?" oder "Haben Sie einen Freund?" - das wäre was. Stellt man Männern denn solche Fragen? Vaterschaftsurlaub darf schließlich auch jeder nehmen. Ich wünsche mir, dass Frauen sich klar machen, dass bei der Chancengleichheit noch viel zu tun ist und dass es nicht uncool ist, sich damit auseinander zu setzen. Dass zwischen Frauen nicht sofort ein Konkurrenzverhältnis entstehen muss - ein seltsames Phänomen, mit dem wir unsere Position im Berufsleben schwächen und bei dem auch ich mich oft ertappe. Dass das Thema Elterngeld von CSU-Männern nicht aus lauter Angst um ihre Stellung als verdienende Familienoberhäupter sofort vom Tisch gefegt wird. Dass man als Frau das Gefühl bekommt, das Gleichstellungsgerede von Politikern basiert irgendwie auf echten Einstellungen. Ich glaube, ich wünsche mir am meisten, dass man über solche Themen auch mit Männern ehrlich diskutieren kann. Ohne dass man fürchten muss, dass sie beim nächsten Bier mit den Kumpels alles Gesagte revidieren und die erwähnten Probleme schlicht nicht als Probleme betrachten. Eigentlich gar nicht so schwierig, ein bisschen Utopia zu spielen.

Angelika (20) studiert Psychologie in Freiburg. Sie hat eine Vision: Im Leben ankommen

Angelika

21.4.2006

Die postmoderne Gesellschaft
Knapp 500 Jahre nachdem Thomas Morus in seinem Roman "Utopia" von einer idealen Gesellschaft träumte, scheinen wir uns vom Ideal der Gerechtigkeit, des Gemeinschaftsgefühls und der Friedfertigkeit mit großen Schritten zu entfernen. Individualismus heißt das Zauberwort, mit dem sich die Bürger der postmodernen Freizeitgesellschaft nur zu gerne identifizieren. Tradition – das Wort hat bereits einen negativen Unterton und charakterisiert alles, was "veraltet", "langweilig" und "uncool" ist. Natürlich distanziert sich der gebildetere Weltbürger gerne von dieser oberflächlichen Spiel-und-Spaß-Gesellschaft. Wer möchte nicht als "sophisticated" gelten? Politiker und Arbeitskreise propagieren die Rettung der deutschen Sprache vor "Denglisch", werben für traditionelle Werte und beklagen die schrumpfenden Kinderzahlen.

Auf der Suche nach Utopia
Ich selbst? Nun, natürlich bin ich Individualistin, gebildet und weltoffen – "cosmopolitan" eben. Natürlich will ich Karriere machen, Geld verdienen, die Welt sehen und auch mal entspannen. Familie? Kinder? Selbstverständlich. Was gibt es Schöneres? Aber trotzdem will ich meine Unabhängigkeit bewahren. Mein Selbstbild? Ich bin eine moderne Frau: gleichberechtigt, selbstbewusst, erfolgreich, stark, zielstrebig, dynamisch, unerschütterlich, unverwundbar? Mein Lebensziel? Ankommen! Wo? Vielleicht in "Utopia", im "Niemandsland", an einem "Nicht-Ort", zu dem selbst der "most sophisticated" Weltbürger nur selten den Weg kennt.

e-fellow David (21) studiert Chemie in Stuttgart. Er hat eine Vision: Gemeinsam mit seinen europäischen Nachbarn wird Deutschland die Herausforderungen der Zukunft meistern.

David

20.4.2006

Quo vadis, Deutschland?
Europa steht vor weitreichenden Veränderungen: Sowohl die Auswirkungen der wirtschaftlichen Globalisierung als auch der demographische Wandel zwingen die Regierungen zum Handeln. Doch keine Partei scheint eine große Vision für die Zukunft zu haben. Doch diese ist dringend notwendig.

Auch ohne Arbeit glücklich
Entscheidend für die Zukunft ist die Bewertung von Arbeit, die immer noch eine zentrale Bedeutung im Leben der Menschen hat: Arbeit ist Ansehen, Selbstbewusstsein, Selbstverwirklichung, Identität und Existenz. Doch derzeit sind fünf Millionen Menschen in Deutschland ohne Arbeit und die Vollbeschäftigung erscheint mehr denn je utopisch. Anstelle von Versprechen auf Arbeit muss ein schlüssiges Konzept erarbeitet werden, wie Menschen Ansehen, Selbstbewusstsein, Selbstverwirklichung, Identität und Existenz auch ohne Arbeit erhalten und erlangen können. Es darf nicht sein, dass Arbeitslose an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden und sich als nutzlos und ihre Existenz als sinnlos empfinden.

Die Zukunft selbst in die Hand nehmen
Der demographische Wandel verlangt nach einer Überprüfung des Generationenvertrags: Wenn es nicht gelingt, seine Auswirkungen durch eine familienfreundlichere Politik abzufedern, dann kann der Generationenvertrag nicht mehr funktionieren. Schon jetzt muss den Bürgern vermittelt werden, dass sie mehr Eigenverantwortung übernehmen müssen. Dies gilt besonders für die private Altersvorsorge. Diese Tatsache müsste durch die Politik positiver vermarktet werden, denn schließlich bedeutet mehr Eigenverantwortung auch mehr Entscheidungsfreiheit für jeden Einzelnen.

Vision Europa – Gemeinsam sind wir stark
Die Globalisierung dient mittlerweile als Sündenbock für nahezu jede nationale Misere. Abgesehen davon, stellt sich der Politik wirklich die Herausforderung, einer rigorosen Liberalisierung der Märkte entgegenzuwirken. Doch wie soll eine nationale Regierung auf die internationalisierte Wirtschaft Einfluss nehmen? Dies ist nur im kleinen Rahmen möglich. Deshalb muss ein grundsätzliches Umdenken innerhalb der Politik stattfinden: Um mit den Auswirkungen der Globalisierung fertig zu werden, muss nationale Politik internationaler werden. Mit der Europäischen Union haben wir dafür bereits ein geeignetes Instrument. Doch Europapolitik bleibt stets von untergeordnetem Interesse und die Europawahlen glänzen vor allem durch niedrige Wahlbeteiligungen. Nur selten wirft man in Deutschland einen Blick auf die Probleme der Nachbarn, obwohl deren Lösungen vielleicht hilfreich wären. Eine stärker transnational ausgerichtete Wirtschafts- und Sozialpolitik könnte der internationalen Wirtschaft entgegentreten und Arbeitsplätze in Europa erhalten. Schon eine Vision für die Zukunft würde den Menschen wieder zu einer positiven Einstellung verhelfen und ihre Motivation stärken. Dies muss das Ziel zukünftiger Politik sein! Mehr Blogs von David findest du in der Rubrik "Netzwerke" >> oder unter www.farbe-bekennen.net

 

 

 

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