von Carolin Metz

Frühere Stipendiaten des Monats heute: Linda

China im Zeitraffer

Architektur-Studentin Linda (31) war im Oktober 2004 Stipendiatin des Monats - und schon damals vom China-Virus erfasst. Kein Wunder, dass wir sie in Peking wiedergefunden haben. Mittlerweile ist Linda Design Director und überzeugt davon, dass sie nichts mehr vom Hocker haut: "Wer ein paar Jahre in China gearbeitet hat, ist auf alles im Leben vorbereitet."

Was ist passiert, seitdem du Stipendiatin des Monats warst?
Ich habe in Berlin meinen Abschluss in Architektur gemacht und bin mit einem Stipendium nach China gegangen, um dort Chinesisch zu studieren. Seitdem lebe ich in Peking. Ich arbeite als Design Director für MetaDesign, eine internationale Design-Agentur mit Hauptsitz in Berlin. Seit Februar 2008 betreue ich verschiedene Branding-Projekte für globale Unternehmen wie Volkswagen sowie chinesische Kunden. Mein Aufgabengebiet hat sich also in Hinblick auf meine Ausbildung zur Architektin sehr erweitert.

Was genau machst du in deinem Job?
Ich arbeite in verschiedenen Design-Bereichen - nicht nur im Dreidimensionalen, sondern auch in der Grafik, der Fotografie und anderen Disziplinen. Zusätzlich leite ich seit Januar 2009 bis voraussichtlich Februar 2010 vorübergehend als Managing Director das Büro in Peking. Das bedeutet viele Aufgaben wie Accounting, Akquise, viel Kundenkontakt, Personal-Angelegenheiten und Verwaltung. Das ist für mich ein Management-Crash-Kurs und eine riesige Herausforderung. Wir sind ein kleines wachsendes Büro, da müssen alle mit anpacken. Das ist eine tolle Erfahrung.

Wie kamst du auf die Idee, nach China zu gehen?
Während meines Urlaubssemesters 2003 in Shanghai habe ich mir überlegt, dass ich nach meinem Abschluss gerne in China arbeiten würde. Der allgemeine Aufschwung und die enorm schnellen Veränderungen in China bieten ungeahnte Möglichkeiten. Gerade in der Kreativbranche sind gut ausgebildete Leute sehr gefragt und haben einen Marktvorteil. Die Projekte sind größer als in Deutschland, genauso die Verantwortung und die Freiheit. Das war für mich Grund, nach China zu gehen.

Ich habe mich noch vor meinem Abschluss auf ein Postgraduierten-Stipendium beim DAAD beworben. Das Programm "Sprache und Praxis in China" ist eine gute Grundlage für den Berufsstart in China: Ich habe einen einjährigen Sprach-Intensivkurs an einer Universität in Peking gemacht und ein sechsmonatiges Praktikum in einem Architekturbüro. Danach habe ich ein Jahr als Architektin gearbeitet und bin dann zu MetaDesign gewechselt, hauptsächlich, weil mich die Multidimensionalität der Design-Aufgaben reizte.

Was begeistert dich an deiner neuen Heimat?
An China begeistert mich die total fremde Kultur, die tagein tagaus Herausforderungen birgt - im Privaten wie im Beruflichen. Das bestätigt mich immer wieder aufs Neue in meiner Entscheidung für China, ebenso wie meine tolle berufliche Entwicklung, spannende Reisen und die freundliche und offene Art der Menschen hier.

Sieht es so aus, als ob deine Prognosen ("In zehn Jahren...") eintreffen könnten?
Was die Karriere, meine berufliche Entwicklung und Zufriedenheit angeht, bin ich viel schneller vorangekommen, als ich es je zu träumen gewagt hätte. In China passiert alles im Zeitraffer und ist sehr intensiv. So intensiv, dass die privaten Ziele manchmal ein wenig leiden. Deshalb muss ich an den privaten Prognosen noch ein wenig arbeiten...

Wie lief dein Berufseinstieg?
Ich war von meinem ersten Job an stets eine Position über meinen tatsächlichen Berufserfahrungen eingesetzt. Das mag komisch klingen, aber hier sind Ausländer mit Chinesisch-Kenntnissen und einem Ausbildungsvorsprung gefragt. Der Nachteil: Ich bringe wenig Erfahrungen mit für die Dinge, die hier von mir verlangt werden. Vieles ist mehr ein "learning by doing" ohne Zeit für Trainings oder Nachdenken. Der Vorteil: rasante Weiterentwicklung und Verantwortung, so viel ich tragen kann oder bereit bin, zu übernehmen. Ich bin fest davon überzeugt: Wer ein paar Jahre in China gearbeitet hat, ist auf alles im Leben vorbereitet. Mich haut so leicht nichts mehr vom Hocker.

Und noch mal eine Prognose: Was machst du in zehn Jahren?
Wenn ich in dem Tempo weitermache, muss und kann ich in zehn Jahren aussteigen und mache vielleicht etwas ganz anderes. Vielleicht habe ich dann ein kleines Hotel irgendwo an einer Küste. Ich sehe mich mit vierzig irgendwo in der Welt sitzen und denken: Es war doch alles gut so, wie es war.

Welchen Karrieretipp hast du für die e-fellows?
Geht raus in die Welt, lernt Sprachen und steht Andersartigem neugierig und respektvoll gegenüber. Globalisierung ist nicht nur ein Wort, nur wer global denkt und handelt, wird in Zukunft noch mithalten können.

Und so sah der "Stipendiat des Monats"-Artikel über Linda im Oktober 2004 aus, als sie noch Architektur an der Kunsthochschule Berlin-Weissensee studierte:

In ihrem konzeptionell und künstlerisch angelegten Studium kann Linda viele ihrer Ideen auf das Reißbrett bringen. Zurzeit entwirft sie für eine Baulücke in Berlin ein Gebäude für einen Bühnenbildner. Damit ihre Entwürfe nicht nur theoretisch bleiben, hat Linda auch schon ein Jahr in einem Architekturbüro gearbeitet. Ihr Traumjob wäre es, auch weiterhin Entwürfe zu entwickeln, zum Beispiel für Architekturwettbewerbe.

Interkulturelle Wege
Zusammen mit Freundinnen arbeitet sie außerdem an einem Buch. Der Arbeitstitel: "Woanders - sechs Frauen, sechs Wege". Es beschreibt die Biografien und interkulturellen Erfahrungen von sechs Frauen aus unterschiedlichen Kulturkreisen. Wenn sie damit fertig ist, wird sie sich nach einem Verlag umsehen.

Chinesisch essen und fotografieren
Linda interessiert sich sehr für den fernöstlichen Kulturkreis. Nach einem Semester Architektur in Shanghai hat sie gerade auch die Insel Taiwan für sich entdeckt: "Ich liebe chinesisches Essen und fahre den ganzen Tag durch Taiwan, um zu fotografieren." Denn auch das ist eines von Lindas Hobbys. In ihren Fotoarbeiten möchte sie den Unterschied im Lebensalltag zwischen China und Taiwan herausstellen, zwei Länder, mit einer ähnlichen Kultur, die politisch aber doch ganz verschieden sind.

Experte bin ich im...
... ordnen von Dingen. Ich bin geradezu perfektionistisch in meiner Datenverwaltung, in Terminplänen von Projekten und meiner Pünktlichkeit (ich bin immer zu früh da!). Und auch mit der Einhaltung meiner von mir selbst sehr hoch gesetzten Maßstäbe.
... Vergessen von Namen! Ich wusste in der 13. Klasse immer noch nicht alle Namen meiner Mitschüler!
... Preisvergleich all der geliebten technischen Innovationen, die ich so gerne hätte - mir aber selten kaufe.
... Computer reparieren - zur Freude vieler Bekannter, Freundinnen und Verwandter.
... Haare schneiden - ebenfalls zur Freude vieler Bekannter, Freundinnen und Verwandter.

Gar nicht geeignet bin ich für...
... Promotion- oder Verkaufstätigkeiten - ich habe während meines Abis meinen Lebensunterhalt zum Teil mit Promotion-Jobs finanziert. Ich bin nicht gut darin, Leute zu beschwatzen, Sachen zu kaufen, von denen ich selbst wenig halte.
... Extrembergtouren, die meine liebe Freundin nur zu gern in unserer Freizeitplanung vorsieht.
... jegliche Tätigkeiten, die von mir verlangen, zu früh (vor 8 oder 9 Uhr) anzufangen oder sich weit in die Nacht ziehen. Ich wäre als Schichtarbeiterin schlichtweg verloren.
... Kneipen- oder Clubtouren - ich werde zu früh müde, trinke keinen Alkohol und ärgere mich deswegen immer über betrunkene und daher sabbernde Leute. Ich rege mich über Raucher auf - irgendwann bilde ich mir ein, vom Rauch Bauchschmerzen zu bekommen und dann muss ich nach Hause. Nachtleben ade.

Wenn ich nicht studiere, dann...
... probiere ich neue Software aus, baue an den Webseiten von Freunden rum, bespiele mit Vorliebe mal eben meinen Rechner neu, entwickle neue Projekte. Eigentlich hat alles meistens leider zuviel mit meinem Studium oder meinen Jobs zu tun - ich bin ein Arbeitstier.
... lade ich auch gerne zu einem mehrgängigen Menü ein. Ich finde es toll, einen ganzen Tag damit zu verbringen, Lebensmittel einzukaufen und damit verschiedene Leckereinen herzustellen.
... fliege ich mal eben irgendwohin, um dort mit meiner Fotokamera die Gegend zu erkunden.
... gehe ich mit Freundinnen brunchen.

Wenn ich etwas Grundlegendes ändern könnte in Deutschland, dann...
... würde ich alle missmutigen, schlechtgelaunten, unzufriedenen, politikverdrossenen und arbeitsunwilligen Leute ohne Geld für ein halbes Jahr in Asien aussetzen.
.. wäre das Bildungssystem besser finanziert und ausgebaut – statt gekürzt und abgebaut.
.. bekämen alle Lügner lange rote Pinocchio-Nasen – wie lustig wären politische Debatten und Werbesendungen.
.. wäre das öffentliche Verkehrsnetz wesentlich günstiger und elektronische Fahrscheine hätten auch endlich ihren Weg nach Deutschland gefunden.

Mein größter Traum ist es,...
... meine Freizeit auch ohne Computer, Handy und Internet genießen zu können.
... einen Job zu finden, der mich mit meinen vielseitigen Interessen vereinnahmt und fördert.

In zehn Jahren...
... habe ich neben meiner erfolgreichen Karriere eine erfüllende Beziehung und vielleicht ein, zwei, drei Schreihälse.

 


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