Entwicklungsarbeit in Südafrika
Matthias (27) studiert Maschinen- wesen an der TU München. Im Frühjahr 2003 engagierte er sich zwei Monate lang als Entwicklungshelfer in einer Missionsstation in der Nähe von Durban.
umhlaba – the world
Meine Semesterferien nach dem Wintersemester begannen mit einem Flug ins Ungewisse. Nach zahlreichen Praktika im In-und Ausland war die Zeit reif für Arbeit in einer Missionsstation in einem Township in Südafrika. Als einziger Weißer im Umkreis von mehreren Kilometern wartete eine ganz neue Erfahrung auf mich. Eine Erfahrung für alle Sinne....
sondela kimi – come closer
Meine Gastfamilie wohnt im Township der kleinen Stadt Eshowe, nördlich von Durban an der subtropischen Ostküste. Im Ort ist nicht viel los und es gibt nur wenige Weiße. Ich war schneller integriert als ich erwartete – schon nach kurzer Zeit ergab sich ein Freundeskreis. Auch ein guter Zusammenhalt mit Nachbarn und Freunden der Familie entwickelte sich schnell, die mich bald als einen "der ihren" annahmen. "malume Coconut" mein lokaler Spitzname bedeutet "Onkel Kokosnuss" – außen schwarz, innen weiß. Wir wohnten zu neunt auf etwa 80m². Mit den fünf Kindern zwischen zwei und zwölf Jahren verbrachte ich viel Zeit, ob als Schwimmlehrer, Nachhilfe-Tutor oder auch als Spielkamerad. Trotz Platznot hatte ich ein eigenes Zimmer, so dass ich mein Bett lediglich mit einigen Insekten teilen musste (das unverzichtbare Moskitonetz hält die meisten aber auf Distanz). Ich glaube behaupten zu können, eine zweite Familie gefunden zu haben, so gut bin ich aufgenommen worden.
yenza okuqondile – do the right thing
Das Partnerschaftsprojekt vom Kirchenkreis Hannover und dem Eshowe Circuit unterstützt die lokalen Gemeinden punktuell mit Sach- und finanziellen Mitteln. Die Missionsarbeit besteht darin, mit verschiedenen Projekte den Aufbau der Region zu fördern. So werden Selbstfianzierungsprojekte (eine Farm, eine Baumplantage) und soziale Einrichtungen betrieben. Gerade die ländlichen Siedlungsgebiete der Zulu sind besonders von Arbeitslosigkeit, Kriminalität und Aids betroffen. Der Kirchenkreis kümmert sich daher zum Beispiel um Waisenkinder, deren Eltern bei Verkehrsunfällen oder durch Aids umgekommen sind und unterstützt Arbeitslose, eine passende Umschulung zu finden.
Siyafunda – we are learning
Viel Zeit habe ich mit Reparaturen verbracht – Autos, Kühlschränke oder gar Häuser. Die Neuigkeit, dass es jemanden in der Nachbarschaft gibt, der technisch versiert ist, hat im Township schnell die Runde gemacht. Und fast alles ist reparaturbedürftig...
Sehr oft begleitete ich meinen Gastgeber in unserem Kirchkreis zu Gottesdiensten, Hausbesuchen, Jugendversammlungen, organisatorischen und anderen Treffen. Dies ist auch der wirkliche Gewinn meines Aufenthalts: Einen Akzent gegen die schwarz-weiße Trennung gesetzt zu haben, die in den Köpfen immer noch existiert. Die gedankliche Trennung äußert sich in kleinen Dingen, so hatten einige schwarze Jugendliche Angst mir die Hand zu schütteln, wenn ich sie begrüßte.
Zulu-Pünktlichkeit
Bei organisatorischen Dingen war die afrikanische Arbeitsmentalität für mich sehr gewöhnungsbedürftig. Alles wird 'meeting' oder gar 'thinktank' genannt, dabei wird aber mehr über die Nachbarn getratscht. Letztendlich habe ich gelernt, mich in Geduld zu üben... Die Zulu-Pünktlichkeit, wie ich sie getauft habe, tut dazu ihr übriges. Dass alles etwas langsamer läuft macht jedoch den Charme der Gegend aus. (Kultureller Lerneffekt: zwei Stunden zu früh verabreden).
Auch dienstlich war ich viel unterwegs. Je weiter man in die ländlichen Gegenden vordringt, desto spärlicher sind die Zeichen der Zivilisation. Die Menschen dort leben meist noch ohne Strom und mit Wasser aus dem Dorfbrunnen. Für mich war es eine eher romantisch-eindrucksvolle Erfahrung, einige Tage in einer Strohhütte zu übernachten. Nachts diente eine Kerze als einzige Lichtquelle, morgens ein Topf mit heißem Wasser vom Feuer zum Waschen.
ngiyabathanda labafana – I love these guys
Die touristisch interessanten Gegenden vom Zululand lagen alle vor meiner Haustür. Der schönste Tierpark und ein echter Geheimtipp ist für mich ist Mkuze. Auch die Ithala Game Reserve kann ich allen empfehlen, die in aller Ruhe und ohne den üblichen Rush Tiere beobachten wollen. Tauchen in Sodwana Bay ist ein Genuss, genauso wie Schnorcheln an Cape Vidal. Aber auch kleine Parks sind die Reise wert...
Einmal hatte ein "Sangoma" (ein traditioneller Hexenmeister) den Zorn eines Lynchmobs auf sich gezogen. Er hatte das Geld einer Frau entwertet, indem er es mit einer magischen schwarzen Paste beschmiert hatte (keine Sorge, die Polizei kam noch rechtzeitig). Sicherheit ist ein schwieriges Thema und ich habe viel Gewalt miterlebt, fühlte mich aber trotzdem sicher im Land. Ich denke, dass mit etwas Menschenverstand die meisten Probleme vermieden werden können (Achtung, dies ist kein Patentrezept!).
sobonana futhi – see you again
Dieser Aufenthalt war der eindrucksvollste und lehrreichste meines Lebens. Sich zwei Monate auf eine vollständig andere Gesellschaft einzustellen und in dieser einzutauchen, ist ein großartiges Erlebnis. Ich habe durch meinen Aufenthalt ein Zeichen gegen die Apartheid und für ein gleichberechtigtes Miteinander in der Entwicklungspartnerschaft setzen können.
Dieser Besuch hat mir unsagbar viel Freude und Freunde bereitet und ich wäre jederzeit bereit, wieder dorthin aufzubrechen. Ich kann nur jeden ermutigen, ebenfalls eine solche Fahrt ins Ungewisse zu unternehmen.
Noch Fragen? Dann schreib eine Mail an Matthias.
