Kultur pur in Krakau
e-fellow Axel (24) studiert Medienwissenschaften an der TU Ilmenau. Von Oktober 2002 bis Februar 2003 tauschte er seine Heimatuni gegen die Uniwersytet Jagiellonski im polnischen Krakau. Eine Entscheidung, die er nicht bereut hat: Krakau lockt mit einer sensationellen historischen Altstadt, einer Universität aus dem 14. Jahrhundert, einer lebendigen Kultur-Szene und der höchsten Kneipendichte in ganz Europa.
Polen ist sicherlich kein Traumreiseland für Westeuropäer und Krakau als Stadt weitgehend unbekannt. Zu tief sitzen die Klischees und Vorurteile in unseren Köpfen. Ich habe über vier Monate als Erasmus-Student in dieser Stadt verbracht - und will heute gar nicht daran denken, was ich verpasst hätte, wenn ich nicht diese für viele unverständliche Entscheidung getroffen hätte.
Die Stadt in Zahlen
Krakau - kulturelles Zentrum Polens, 750 000 Einwohner, davon 120 000 Studenten an 13 Hochschulen. 13 Theater, 38 Museen, 160 katholische Kirchen, 7 Synagogen, 3 buddhistische Gemeinden. 350 Restaurants alleine in der Altstadt, die höchste Dichte an Bars und Clubs in Europa. Das ist Krakau.
Studieren
Zugegebenermaßen steht das Studium bei einem Erasmus-Semester nicht unbedingt im Vordergrund. Aber die "Uniwersytet Jagiellonski" ist nicht nur groß und schön, sondern hier wird auch schon seit 1364 ohne Unterbrechung gelehrt. Zum Semesterbeginn am 1. Oktober erweist sogar der polnische Staatspräsident dieser Tradition die Ehre und besucht Krakau. Für Erasmus-Studenten bietet die Uni inzwischen ein interdisziplinäres Programm auf Englisch an. Außerdem gibt es an den verschiedenen Instituten auch häufig Gastdozenten, die englischsprachige Vorlesungen halten. Und dann hat man noch das Vergnügen eines kostenlosen Intensiv-Kurses der polnischen Sprache (die zugegebenermaßen höllisch schwer ist).
Wohnen
Wenn man sich gegen die Möglichkeit entscheidet, privat eine Wohnung zu mieten, lernt man polnisches Studentenleben von seiner abenteuerlichsten Seite kennen. Im Studentenwohnheim. Für umgerechnet 50 Euro im Monat wohnt man in Zimmern für zwei bis vier Personen, meistens immerhin mit eigenem Bad, die Küche ist auf dem Gang. Kein Privatleben, nie Ruhe, harte Betten, einfachste Tische und Stühle, Ausblick auf den Wohnheimblock nebenan. Dafür findet man Freunde, Hilfe, Parties - und man erlebt die einzigartige Atmosphäre langer Nächte auf dem Korridor, mit Wodka, Bier und Wein, Leuten aus aller Welt und niemandem, der sich beschwert.
Sightseeing
So ungern man sich selber so sieht: In Krakau ist man immer auch Tourist. Es gibt einfach zuviel zu sehen, alleine schon in der traumhaft schönen Altstadt. Klar abgegrenzt durch einen Parkgürtel reihen sich hier wundervolle alte Häuser aneinander, nur unterbrochen von den unzähligen Kirchen, in der Mitte der Marktplatz mit den Tuchhallen, wo man den ganzen Tag nur sitzen und die Atmosphäre genießen möchte, und am südlichen Ende mit dem Wawel, dem früheren Sitz der Könige mit seiner außergewöhnlichen Kathedrale und dem lichtdurchfluteten Innenhof.
Nachhaltige Eindrücke
Aber auch außerhalb der Stadt finden sich genug Ziele für kurze und lange Besichtigungen. Am beeindruckendsten ist wohl ein Besuch in den ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslagern von Auschwitz und Birkenau. Man hat alles schon gesehen, in Filmen, Dokumentationen und auf Fotos. Aber was man mit eigenen Augen sieht, geht weit über diese Erfahrung hinaus.
Umgebung
Und dann ist da noch das Salzbergwerk von Wieliczka, eine Wunderwelt unter Tage. Und die Arbeitervorstadt Nowa Huta, ein Denkmal des Sozialismus. Und im Süden Zakopane, das Zentrum des polnischen Wintersports am Rande der Hohen Tatra, des kleinsten Hochgebirges der Welt. Und wer ein bisschen mehr Zeit hat, der kann in die zweitschönste Stadt Polens fahren, nach Danzig, wo die ersten Schüsse des zweiten Weltkriegs abgefeuert wurden. Oder nach Budapest, in die schöne ungarische Hauptstadt an der Donau. Langweilig jedenfalls muss es einem nie werden.
Ausgehen
Das Nachtleben von Krakau lässt garantiert für niemanden Wünsche offen. Sieben Nächte die Woche bevölkern die unzähligen Studenten der Stadt die Altstadt mit ihren zauberhaften kleinen Cafés, außergewöhnlichen Bars in jedem Keller und Clubs für jeden Geschmack. Und all das findet sich dichtgedrängt in der Altstadt Krakaus oder im ehemaligen jüdischen Viertel Kazimierz, alles leicht zu Fuß zu erreichen. Die Preise sind für deutsche Verhältnisse lächerlich gering, die Atmosphäre locker und die Lokalitäten versuchen sich gegenseitig zu übertreffen. Da gibt es ungewöhnliche Foto-Ausstellungen in Bars, Figuren und Statuen an den Wänden, witzige Einrichtungen, verwinkelte Gewölbe, Sitzreihen aus Kinos und sogar Betten.
Essen und Trinken
Selber kochen ist schwierig, wenn man in einem Wohnheimzimmer ohne Kühlschrank wohnt. Aber das ist bei dem Angebot und den Preisen auch nicht nötig. Eine zentrale Mensa gibt es nicht, aber die Wohnheime haben meist eigene Studentenrestaurants, Qualität eher fragwürdig. Viel lieber setzt man sich in eine der zahlreichen "bar mleczny", eine typisch polnische Einrichtung. Diese so genannten "Milchbars" sind ein Überbleibsel des Sozialismus, staatlich finanzierte Küchen mit polnischen Gerichten zu Spottpreisen. Hier treffen sich vom Obdachlosen über Studenten bis zum Geschäftsmann alle und essen ihre "pierogi" oder "nalesniki".
Polnische Trinksitten
Aber auch für das gepflegte Abendessen gibt es ausreichend Alternativen, ob indisch, italienisch, chinesisch, griechisch, mexikanisch oder australisch. Und dazu eine der guten lokalen Biersorten und im Anschluss Zubrówka, den besten polnischen Wodka mit dem charakteristischen Grashalm in der Flasche. Zubrówka trinkt man meistens mit Apfelsaft.
