Teach First Deutschland: Tagebuch von Christina

Basteln und Beach-Wrestling

Teil 4: Was kann man mit etwas Knete, Gummibändern, Luftballon, Plastikflasche, Tüte und Schlauch anstellen? Zum Beispiel eine Lunge basteln. Da ist Christinas Bio-Neunte voll bei der Sache. Und einen Wunsch haben die Schüler: eine Handball-AG!

Christina Tagebuch Teach First (Quelle: www.e-fellows.net)

e-fellows.net-Stipendiatin Christina (25) hat gerade ihr Masterstudium in Molecular Medicine an der Humboldt-Universität in Berlin beendet. Doch bevor sie Molekular-
medizinerin wird, stürzt sie sich voller Motivation in einen anderen Job: als "Fellow" bei Teach First Deutschland.

Montag, 28. September

7 Uhr, Bio-Raum. Ich stehe hinterm Pult, baue Laptop und Beamer auf, sortiere Arbeitsblätter und verschiedene Utensilien für die Versuche in der dritten und vierten Stunde. Noch kurz zum Kopierer und wieder zurück. Nach dem Sportunterricht habe ich nur eine kleine Pause lang Zeit, deshalb muss schon vorher alles stehen. Schnell in die Halle, umziehen, Bänke aufstellen. Gegen 7.50 Uhr nehme ich die ersten Schüler in Empfang. Viele sind erkältet und schlapp, Grippewelle und Magen-Darm-Verstimmung schlagen um sich. Gut, dass ich Obst dabei habe. An apple a day keeps the doctor away – hoffentlich! Ein paar Sprints und Ausdauertraining. Es läuft gut.

Anschließend lasse ich die Neuner in Bio ein Modell der Atmungsorgane bauen. Wie kommt eigentlich die Luft in die Lunge? Mir war nicht klar, was man mit etwas Knete, Gummibändern, Luftballon, Plastikflasche, Tüte und Schlauch alles so anstellen kann – jetzt weiß ich es. Nach einem chaotischen Stundeneinstieg konzentrieren sich dann doch alle auf die Aufgabe und bauen das Modell mit etwas Hilfe zusammen. Eines nehme ich zur Demonstration nach vorne, ziehe an der Tüte und der Ballon bläst sich mit Luft auf. "Ist ja mal krass!" Ja, das ist es, denn genauso funktioniert die Atmung! Erstaunte Gesichter, alle sind voll bei der Sache. Die neuen Erkenntnisse werden auf dem Merkzettel festgehalten. Ich gehe durch die Reihen und sehe fast nur richtige Lösungen. Super!

Danach mein anderer Neuner-Kurs – kaum betritt er den Raum, steigt der Lautstärkepegel und ich komme mir vor wie im Fußballstadion. Zwischen Musik, einer Rangelei und lautstarkem Gegröle geht das Klingeln vollkommen unter. Ich stelle mich vor die Klasse ohne ein Wort zu sagen. "Ey, haltet doch mal die Fresse!" - oh, wenigstens Nils hat bemerkt, dass der Unterricht angefangen hat. Langsam wird es ruhiger und ich starte die Powerpoint-Präsentation. Aber ich komme nur schleppend voran. Mitch boykottiert den Unterricht vollkommen, und zwischen "Mitch, setz dich bitte wieder hin! Mitch, hör bitte auf mit Papierkügelchen zu werfen! Mitch, hör endlich auf zu quatschen!" versuche ich, irgendwie auch hier das Prinzip der Atmung zu vermitteln. Die Distanz zwischen guten und schlechten Schülern ist in dieser Klasse besonders hoch. Dany murmelt beim Ausfüllen des Arbeitsblattes: "Mann, ist ja voll easy! Aber klar, wir sind ja auch die dummen Hauptschüler!" Nein, seid ihr nicht, denke ich fast schon ein wenig wütend und kontere mit einem zweiten Arbeitsblatt mit einer Knobelaufgabe. "Cool!" Ja, ich finde es auch cool und beeindruckend, was du drauf hast!

Dienstag, 29. September

Bio in diesem Neuner-Kurs verläuft wie üblich recht unproblematisch. Allerdings ist ein kleiner Wettkampf zwischen David und Tom ausgebrochen. David ist der mit Abstand leistungsstärkste Schüler der Klasse, während Tom schwach gestartet ist, so dass ich in der letzten Stunde versucht habe, ihn auch bei Kleinigkeiten zu loben und mit positivem Feedback darin zu bestärken, mitzumachen. Das hat gefruchtet und ich freue mich, heute bei jeder Frage seinen Finger oben zu sehen. Allerdings ist er enttäuscht, dass ich ihn nicht auch jedes Mal drannehmen kann, was er mich auch lautstark wissen lässt: "Boah, dann zeig ich eben nicht mehr auf!", meint er trotzig. Ich hole ihn am Ende der Stunde zu mir, erkläre ihm, warum ich ihn trotz seines großen Engagements nicht jedes Mal drannehmen kann und trage mit ihm zusammen eine positive Beurteilung für diese Stunde ein. Er grinst: "Okay!" Ja, das ist es! Klasse mitgemacht! Weiter so!

In Sport steht heute Völkerball auf dem Plan und ich fühle mich wie in meine eigene Schulzeit versetzt. Es macht Spaß und auch die sonst eher ruhigeren Schüler sind voll dabei.

Nach der Stunde sprechen mich Martin und Flo darauf an, ob ich vielleicht auch eine Handball-AG anbieten könnte. Oh, denke ich, von Handball habe ich nun wirklich nicht viel Ahnung – und außerdem denke ich immer, dass die Spieler ständig Schrittfehler machen, da hier drei Schritte ohne Dribbeln erlaubt sind, während man beim Basketball maximal zwei Schritte machen darf. Aber gut, warum nicht?

Ehe ich mich versehe, verteile ich zu Beginn der achten Stunde Handbälle und wir starten kurzerhand die erste Session der Handball-AG. So habe ich die beiden Jungs noch nicht erlebt. Sie sind voll konzentriert bei der Sache. Ich stehe im Tor und habe Mühe die Bälle zu halten – zur Freude der beiden. "Wir könnten doch auch so ein Plakat basteln und Werbung für unsere AG machen?" Klar! Ich verspreche, in der nächsten Woche Pappe und Stifte mitzubringen. Außerdem werde ich den Handballer Chris aus der Neunten fragen, ob er nicht Lust hat, mit mir gemeinsam die AG zu leiten. Ansonsten könnte ich mir vielleicht beim örtlichen Sportverein ein paar Tipps und Tricks holen – vielleicht gibt es ja sogar eine Chance zur Kooperation? Okay, ich lerne jetzt also auch Handball zu spielen, denke ich, während ich die Halle abschließe.

Auf dem Parkplatz treffe ich noch Martins Mutter. Sie bedankt sich bei mir für meinen Einsatz und erzählt, dass sie selber mal Handball gespielt hat. Super, das trifft sich ja gut! Ich lade sie zur nächsten Session ein. Das hätte ich mir heute Morgen auch noch nicht ausgemalt: Eine neue AG und ein erster Anknüpfungspunkt zur Elternarbeit. Mal wieder ein spannender Tag!

Mittwoch, 30. September

Schon als ich den Schulhof betrete, habe ich das Gefühl, dass heute irgendetwas anders ist als sonst. Unruhiger, aufgebrachter. Die Siebener stehen in kleinen Gruppen zusammen und reden wild durcheinander, ich blicke in verstörte Gesichter. "Boah, das kann echt nicht sein!", bekomme ich mit einem Ohr mit und bahne mir mit etwas mulmigem Gefühl im Bauch den Weg zum Lehrerzimmer. Eigentlich habe ich jetzt das wöchentliche Planungsgespräch mit meinem Mentor, doch als dieser mir mit ernster Miene entgegenkommt, ahne ich, dass es heute nicht dazu kommen wird. Was ist hier los?! Anspannung, irgendwas ist passiert!

"So was habe ich in meiner ganzen Schullaufbahn noch nicht erlebt!", meint er und unterstreicht seine Fassungslosigkeit mit wildem Kopfschütteln. Nach mehrmaliger Aufforderung, das Werfen von Papierkügelchen zu unterlassen, ist Mike wohl wutentbrannt aufgesprungen, hat die anwesende Lehrerin aufs Übelste beschimpft und ihr beim Verlassen der Klasse in den Nacken gespuckt! Unfassbar! Keine Hemmschwelle, null Respekt! Das I-Tüpfelchen nach mehreren "kleinen Vergehen" in den letzten Tagen. Folge: Suspendierung. Mist, denke ich, schon wieder einer, der vorerst die Schule verlassen muss. Das kann doch echt nicht wahr sein! Was haben diese Kinder nur erlebt, das sie zu so einem Verhalten veranlasst?! Ratlosigkeit, Wut, Enttäuschung – auf jeden Fall ein ungutes Gefühl.

Doch dann Wahlpflicht mit den Achtern. Sie haben von alledem nichts mitbekommen und brennen darauf, Basketball zu spielen. Okay, Schalter umlegen, alles andere ausblenden. Los geht’s! Danach direkt weiter zum Hausaufgaben-Club. Vor der Halle warten schon ein paar Kids: "Dürfen wir auch mitmachen?" Klar, sage ich und nehme sie mit in den Klassenraum. Ich traue meinen Augen kaum: 14 Schüler sind heute da. Für mich heißt das Rotieren zwischen Oberflächenreibung, simple past und schriftlichem Dividieren. Noch schnell ein Rätsel aus dem Ärmel schütteln für die, die schon fertig sind. Ich beschließe, eine Obergrenze von 15 festzulegen und dann gegebenenfalls noch einen Zusatztermin anzubieten.

Auch zur (freiwilligen!) Basketball-AG kommen heute zwölf Kids – darunter auch vier Mädchen. Klasse! Ich freue mich wie ein Schneekönig! Schnell die wichtigsten Regeln festlegen, ein paar Übungen und dann ein Spiel. Ich bin erstaunt, wie gut einige sind und welchen Ehrgeiz sie beim Spielen entwickeln. Zum Schluss hole ich sie alle am Mittelkreis zusammen, lasse sie alle ihre Hände aufeinanderlegen und gemeinsam "Teamwork" rufen. "Krass, ich war noch nie in einem Team!" Das habe ich mir gedacht – und genau das soll sich jetzt ändern! "Wir könnten ja auch mal gegen andere Schulen spielen?" Noch ein weiter Weg, aber bestimmt! Und auf einmal gibt es die Basketball-Schulmannschaft. Hausaufgabe: einen coolen Namen fürs Team finden!

Donnerstag, 1. Oktober

Sportunterricht nach Plan. Dann Schülerversammlung und Wahl der Schülervertreter. Anschließend begleite ich die Siebener in die Schulstation, wo sie mit dem Sozialarbeiter einen kleinen Workshop bestreiten. Der Raum ist sehr hell und freundlich eingerichtet. Sofas stehen in der Ecke. Ein Ort, an dem man sich sicher und wohl fühlen kann.

Normalerweise werden hier die Schüler hingeschickt, die den Unterricht sabotieren – vielfach wegen Überfüllung geschlossen. Daher steht auch heute das Thema "Wodurch werde ich im Unterricht gestört?". Es dauert geschlagene zehn Minuten, bis tatsächlich alle in einem Stuhlkreis sitzen. Ein Gong ertönt aus der Klangschale. Die Klasse schafft es genau 31 Sekunden lang ruhig zu bleiben, bis Pete das Ganze mit: "Boah, das ist Scheiße!" kommentiert. Der Workshop verläuft ein wenig chaotisch, zum Schluss werden die Ergebnisse der Kleingruppenarbeit präsentiert. Moni meint: "Oh, das mache ich alles. Ich glaube ich mache die meiste Unruhe!" Ich bin erstaunt. Ja, eine sehr gute Erkenntnis. Aber wird sie ihr Verhalten auch ändern? Ich bin gespannt auf die nächste Stunde.

In der Pause beginnt der Verkauf im Café Mahlzeit. Eine kleine Schülergruppe hat Sandwiches, Obstspieße und Fruchtjoghurt vorbereitet und bietet alles günstig an. Wirklich lecker!

Immer mehr Schüler zeigen Interesse an einem Besuch einer englischen Schule und ich treffe mich mit einigen Neunern nach der Schule zum gemeinsamen Brainstorming. Die Ideen sprudeln und ich versuche alles festzuhalten. Ich verspreche das Projekt durchzuplanen, so dass wir nach den Ferien starten können. Am liebsten würden sie sofort loslegen. Und ich auch!

Freitag, 2. Oktober

Tag des Sports. Die gesamte Schule veranstaltet ein Sportfest. Beach-Wrestling ist das Highlight und ich bin überrascht, dass die Mädchen nicht weniger hart zur Sache gehen als die Jungs. Die Stimmung ist gut. Ich radle nach Hause und die Ereignisse dieser Woche rasen in Gedanken an mir vorbei. Ich bin froh, dass die Achterbahn für zwei Tage anhält!

* Die Namen wurden von der Autorin geändert.

 

 

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