Teach First Deutschland: Tagebuch von Christina
Wie eine Achterbahnfahrt
Teil 2: In ihrer zweiten Woche an einer Berliner Hauptschule schlägt sich Christina mit unmotivierten Schülern herum. Bio? Nein danke! Sport? Keinen Bock! Aber zum Glück gibt es da ein paar Lichtblicke.
e-fellows.net-Stipendiatin Christina (25) hat gerade ihr Masterstudium in Molecular Medicine an der Humboldt-Universität in Berlin beendet. Doch bevor sie Molekular-
medizinerin wird, stürzt sie sich voller Motivation in einen anderen Job: als "Fellow" bei Teach First Deutschland.
Montag, 7. September
Die Woche beginnt mit einem langen Tag: Acht Stunden liegen vor mir. Sporthalle, Bioraum, Hausaufgaben-Club und wieder Sporthalle. Im Sportunterricht mache ich die Übungen mit – zur Freude der Schülerinnen und Schüler. Erst die Siebener und dann die Neuner, dazwischen gefühlte Lichtjahre. Die Siebener sind zwar quirlig und ein wenig überdreht, zeigen sich aber beeindruckt von den sehr deutlichen Ansagen zur Bestrafung beim Vergessen der Sportsachen und zum Benotungssystem. Die Neuner hingegen, die die Belehrung nun schon zum dritten Mal hören, sind genervt: "Boah, nicht schon wieder dieser Dreck!" Ungefähr die Hälfte hat Sportsachen dabei, alle anderen bekommen eine Sechs. Einziger Kommentar: "Ist mir scheißegal!" Mir wird etwas flau in der Magengegend. Irgendwas zwischen Respekt und Panik. In der fünften Stunde soll ich dieser Neunten etwas über die Schweinegrippe beibringen – aber wie?! Ich ahne, dass es für dieses Vorhaben mehr Hürden zu überwinden gilt als in meiner anderen Neunten von letzter Woche...
Nach zwei reibungslos verlaufenden Biostunden schlurft der besagte Kurs in den Raum, Käppis tief ins Gesicht gezogen, Kopfhörer im Ohr. Einer cooler als der Andere. "Bitte setzt euch einzeln hin, das ist hier die Regel im Bioraum!" Kommentar: "Ist mir scheißegal!". Ja, weiß ich, denke ich. Mein Puls geht merklich in die Höhe. Ich versuche, die Situation mit deutlichen Ansagen in den Griff zu bekommen. Aber meine Arbeitsblätter werden einfach zerknüllt und in die Ecke geworfen, Androhungen von Bestrafungen mit "Ist mir scheißegal!" oder "Sie reden zu viel!" heruntergespielt. Auch der Zweitlehrer guckt ratlos. Die Stunde ist nach einer scheinbaren Ewigkeit vorbei, ich habe das Gefühl, von einem Lastwagen überrollt worden zu sein. Wie schaffe ich es nur, an Schüler heranzukommen, denen einfach alles egal ist? Der Begriff Herausforderung füllt sich weiter mit Leben. Diese Neunte hat es auf Platz eins der Prioritätenliste geschafft. Aber keine Zeit zum Nachdenken. Weiter geht es zum Hausaufgaben-Club, meinem ersten außerunterrichtlichen Angebot.
Ich freue mich, dass tatsächlich Schüler zur Hausaufgaben-
betreuung erscheinen. Ich verteile Kekse und Getränke, stelle mich vor und erkläre, wie ich den Ablauf geplant habe. Da meint Pete* aus der ersten Reihe auf einmal: "Hört sich gut an, aber was schreien Sie denn so?" Irritiert merke ich, dass die Anspannung von eben noch voll da ist. Mist, runterkommen, und zwar schnell! Danach läuft alles nach Plan. Einige bedanken sich beim Rausgehen bei mir. Ein gutes Gefühl.
Jetzt noch die Neuner-Mädels in Sport. Ich versuche, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Im Sportunterricht mit den Jungs trauten sie sich nicht, mitzumachen, und schwänzten. Ich nehme mir vor die Aussage "Wir können das doch eh nicht!" noch hier und heute zu entkräften und zeige ihnen ganz einfache Basketball-Übungen – zum Erstaunen aller trifft jede von ihnen mindestens einmal den Korb. Strahlende Gesichter und "Wie cool, das macht ja total Spaß! Spielen wir jetzt öfter Basketball?"
Nebenbei erfahre ich noch, dass Nick* jeden Tag "auf Bewährung" die ersten drei Stunden in den Unterricht darf. Die endgültige Entscheidung wird erst in zwei Wochen fallen. Ich freue mich, dass er noch eine Chance bekommt! Ein Tag voller Höhen und Tiefen. Lieber wäre mir ein gleich bleibendes Niveau: plus minus Null. Aber so fahre ich gerade Achterbahn und lasse mich zuhause erschöpft auf mein Sofa fallen - bevor ich die Stunden für morgen ausarbeite.
Dienstag, 8. September
Gegen 6.20 Uhr sitze ich mit gemischten Gefühlen in der Bahn. Ich hoffe sehr, dass mein heutiger Neuner-Kurs genau wie in der letzten Woche wieder gut mitarbeitet und ich die Schülerinnen und Schüler mit dem Stoff erreiche. Aufgeregt betrete ich den Bio-Raum, installiere Laptop und Beamer. Zum Glück funktioniert alles. Jetzt noch schnell die wichtigsten Fakten der letzten Stunde für die Wiederholung auf gelben Pappkarton schreiben, mit Klebeband versehen und gut greifbar auf dem Pult platzieren. Ein roter Pfeil liegt daneben. Aber da fehlt doch etwas: Schnell sortiere ich die vorbereiteten Arbeitsblätter. Jetzt noch den Sitzplan holen. Bloß alle mit richtigem Namen ansprechen! Es klingelt und los geht es.
Alle sind pünktlich und schauen mich erwartungsvoll an. Kurze Wiederholung der letzten Stunde, dabei nacheinander die Pappkartons aufhängen und mit dem Pfeil auf das Wort Tröpfcheninfektion hinweisen. Was ist denn in den Tröpfchen? Ist es die Flüssigkeit, die krank macht? Ach so, da sind Viren drin? Aber: Virus, was ist das eigentlich? Das Stichwort ist gefallen. Ich schalte den Beamer an und beginne die Präsentation. Ein Virus fliegt ins Bild. Staunen, große Augen, Stille. Wie geht die Infektions-Story weiter? Ich verteile kurze Arbeitsblätter und anschließend erscheinen die Antworten auf der Leinwand. Als ich dann auch noch mit einem Laserpointer auf Details hinweise, kommentiert auch der coolste Schüler des Kurses das Ganze mit "wie geil!" und schaut gebannt nach vorne. Am Ende der Stunde füllen wir das Merkblatt aus und machen ein kurzes Quiz. Alle geben die richtigen Antworten und scheinen den Stoff tatsächlich verstanden zu haben. Okay, so erreiche ich die Schüler also! Das begeisterte Feedback des Zweitlehrers macht mir Mut für die nächste Zeit – und besonders für die Konfrontation zwischen mir und meiner anderen Neunten am nächsten Montag!
Jetzt noch Sportunterricht. Nur wenige haben Sportsachen dabei. Der Lehrer ruft zur "körperlichen Ertüchtigung" auf und wir begeben uns zum nahegelegenen Trimm-Dich-Pfad. Klimmzüge, Liegestütz und böse Gesichter. Eigenartige Stimmung. Keiner hat so richtig Lust.
Mittwoch, 9. September
Zunächst steht ein Treffen mit meinem Mentor im Bio-Vorbereitungsraum auf dem Programm. Inmitten uralter Wandtafeln, Tierpräparaten und Regalen mit verstaubten Videokassetten gehen wir die nächste Unterrichtsreihe durch: die Atmung. Wie ist der Aufbau der Atmungsorgane? Wie kommt die Luft in die Lunge? Und was passiert eigentlich beim Gasaustausch? Ich muss kurz schlucken und denke: "Wow, wie kann ich es nur schaffen, den Kids diesen komplexen Stoff anschaulich und verständlich zu vermitteln, ohne auf wichtige Details zu verzichten?" In Gedanken sammle ich sofort erste Ideen: Ich brauche unbedingt Animationen, Modelle und am besten sollten die Schüler Experimente durchführen – alles muss so erfahrbar wie möglich sein! Ich möchte am liebsten sofort loslegen und geeignetes Material zusammenstellen. Mein Mentor ist wie immer sehr hilfsbereit und übergibt mir noch seine Unterrichtsmaterialien zu dem Thema - denen sieht man ihr Alter allerdings schon deutlich an. Vielleicht kann ich trotzdem einige Ideen übernehmen.
Der Wahlpflichtbereich der Achter startet erst in der nächsten Woche. Am Rande bekomme ich aber mit, dass mein Basketball-Angebot heißbegehrt ist. Ich freue mich sehr und gehe zum Hausaufgaben-Club.
Auch heute sind wieder drei Schüler gekommen. Schon im Gang erzählen sie mir von ihrem Tag und von dem, was sie aufhaben: Mathe, schriftliches Addieren und Subtrahieren. Es ist unruhig, die drei sind total aufgedreht und lenken sich gegenseitig ab. Sie erzählen mir fast beiläufig von ihrer Lese- und Rechtschreibschwäche und der Schwierigkeit, sich auf bestimmte Dinge zu konzentrieren. Was nun? Wie reagiere ich jetzt? Ich stelle meinen Wecker aufs Pult und gebe 10 Minuten absolute Stillarbeit vor. Belohnung: ein Pluspunkt und ein kleines Rätsel an der Tafel. Es klappt! Absolute Ruhe und hochrote Köpfe. Ich sitze am Pult und beobachte leise. Auf Wunsch der Schüler überziehen wir sogar noch ein paar Minuten. Mit einem "Es hat Spaß gemacht!" werde ich per Handschlag verabschiedet. Wow!
Donnerstag, 3. September
Nachdem ich zuhause ein wenig an der Planung der nächsten Stunden gearbeitet habe, mache ich mich auf den Weg zur Schule. Sportunterricht der Siebener. Auf dem Weg zur Halle kommt mir direkt eines der Mädchen entgegengelaufen. Sie scheint ganz aufgeregt und redet wild auf mich ein. Ob sie kurz mit mir alleine sprechen könnte, Herr T. dürfe auf keinen Fall etwas mitbekommen, streng geheim. Sie könne heute kein Sport mitmachen, Bauchschmerzen, Schwindel, Übelkeit - seit gestern zum ersten Mal "Mädchenprobleme". Ich versuche sie zu beruhigen, alles ganz normal, keine Panik! Sie scheint erleichtert und irgendwie stolz. Heute teile ich sie als Stationshelferin beim Zirkeltraining ein. Herr K. kommt später auf mich zu und schmunzelt nur: "Es ist gut, dass wir endlich auch eine weibliche Sportlehrerin haben!" Ich freue mich über das Vertrauen der Schülerin und schon beginnt die nächste Stunde.
Heute soll Ausdauer trainiert werden. Einen Sportplatz gibt es nicht. So drehe ich mit den Schülern kleine Runden auf dem trostlosen Ascheplatz hinter dem Schulgebäude. Zum Glück scheint wenigstens die Sonne. Einige sind nicht zum Laufen zu motivieren. Sie trotten hinterher. Zwei I-Schüler (Integrationsschüler mit besonderem Förderbedarf) laufen entgegengesetzt und sind auch nicht davon abzubringen. Ben* klettert den Zaun hoch, Tobi* und Marcel* bewerfen sich mit Steinchen. Wie kann ich die Kids fürs Ausdauertraining motivieren? Könnte ein Laufpass und Stempel nach jeder erfolgreichen Einheit helfen?
Diese Fragen nehme ich mit in zwei Freistunden, in denen ich mich weiter in Literatur für den Sportunterricht einarbeite. Anschließend stelle ich auch bei den Siebenern mein Wahlpflichtangebot Basketball vor und warte jetzt gespannt auf das Wahlergebnis.
14 Uhr, Fachkonferenz Bio. Problem: Umwandlung zur Sekundarschule im nächsten Schuljahr. Zentrale Frage: Wie können Schüler unterschiedlicher Leistungsniveaus differenziert im Klassenverband gefördert werden? Wie sehen mögliche Unterrichtsformen aus? Es wird kontrovers diskutiert. Ich erinnere mich an einige Seminare der Sommerakademie zu diesem Thema und nehme mir vor, die entsprechenden Materialien noch mal durchzugehen. Für die Woche vor Weihnachten ist eine Projektwoche geplant. Schwerpunkt: Naturwissenschaften. Vielleicht könnte man auch kleine, einfache Experimente in meinem alten Labor im Virchow-Klinikum durchführen? Die Idee kommt gut an. Es wäre toll, wenn die Schülerinnen und Schüler einen Einblick in den realen Laboralltag gewinnen könnten! Meine To-do-Liste wächst.
Freitag, 4.September
Heute habe ich keinen Unterricht und besuche stattdessen die Schulbuchverlage in Berlin. Ideen sammeln. Wie sind die für mich und meinen Unterricht relevanten Themen aufgearbeitet? Danach ein zweistündiges Seminar mit den Berliner Fellows und Trainern. Auch morgen werden wir auf einem gemeinsamen Fortbildungstag weiter geschult. Ich freue mich auf wertvollen Input und einen regen Erfahrungsaustausch mit den anderen.
* Die Namen wurden von der Autorin geändert.
