Erfahrungsbericht: Trainee bei Bosch
Japanische Zwischentöne
Mentorin Stephanie Haarmann (26) ist Trainee bei Bosch in Japan. Sie hat schon während ihres Maschinenbau-Studiums in Schweden Auslandsluft geschnuppert und wollte unbedingt wieder in die Ferne, um Neues kennen zu lernen. Bei ihrer Auslandsstation im Trainee-Programm in Yokohama lernte sie auf Zwischentöne zu hören.
Für meine Auslandsstation in meinem Trainee-Programm bei Bosch boten sich für mich zwei Alternativen an: die USA oder Japan. Das Land sollte in das Gesamtkonzept des Programms passen. Die Wahl fiel letztendlich auf Yokohama in Japan. Ich war vorher noch nie dort. Aber ich habe mich richtig darauf gefreut, in eine andere Kultur einzutauchen und sie über sechs Monate kennen zu lernen und nicht nur in ein paar Tagen Urlaub. Bis zu meinem Abflug verging dann aber fast noch ein Jahr. Deswegen hatte ich genügend Zeit, um mich auf das neue Land vorzubereiten. Organisatorisch gab es glücklicherweise nicht allzu viele Hürden, denn die Wohnung wurde von der japanischen Personalabteilung organisiert. Ich fing bereits in Deutschland an, Japanisch zu lernen. Meine Lehrerin brachte mich schon zu Hause auf den Geschmack - im wahrsten Sinne des Wortes: Mit Grünem-Tee-Kuchen und Chilikeksen.
Als Mentorin könnte Stephanie Haarmann dir den Einstieg ins Berufsleben erleichtern.
Japanische Nachteulen
Das Arbeitsleben gestaltet sich in Japan anders als in Deutschland. Das Land ist ja bekannt für seine langen Arbeitszeiten. Auch ich war häufiger bis zehn Uhr im Büro. Aber wegen einer neuen Regelung in meiner Abteilung muss man spätestens um 22 Uhr nach Hause gehen. Mit einer Sondergenehmigung darf man länger bleiben. Im Gegensatz zu Deutschland fängt hier der Arbeitstag aber erst deutlich später an. Während bei uns schon morgens um sieben richtig was los ist, trudeln hier bis elf Uhr die Kollegen ein. In Japan ist es unhöflich, andere Leute zu stören, aus diesem Grund telefoniert und unterhält man sich hier sehr leise. Das gilt auch für die U-Bahn.
Dreimal "Ja" vom Chef
Spricht man einen Kollegen an seinem Schreibtisch an, so geht zuerst ein "Sumimasen" (Entschuldigung) mit einer leichten Verbeugung voraus, weil man den Kollegen vermutlich gerade bei seinem Gedankengang unterbricht. Allerdings bekommt man wegen der ausgeprägten Höflichkeit auch nie eine direkte Absage oder Kritik, auch nicht von Vorgesetzten. Die offene Art, alles ehrlich anzusprechen, wie sie in Deutschland gewünscht und erwartet wird, gibt es hier nicht. Man muss sehr auf Zwischentöne achten, um zu verstehen, ob das Gegenüber einem zustimmt, nicht ganz einverstanden ist oder gar nicht überzeugt wurde - ein "hai" (ja) kann alles drei bedeuten.
Die Allzweckwaffe E-Mail
Wenn ich mit einem japanischen Kollegen auf Englisch spreche, wird mir häufig bewusst, dass wir beide nicht in unserer Muttersprache reden. Damit sind Missverständnisse vorprogrammiert. Ein Kollege hat mir einen guten Tipp gegeben: Sobald man sich mit jemandem abgestimmt hat, schickt man ihm eine Mail mit dem Besprochenen. Trotzdem ist man jeden Tag mit der Sprachbarriere konfrontiert. In einer japanischen Abteilung laufen die Schreibtischgespräche auf Japanisch - wer das nicht kann, bekommt so manche Info nicht mit.
Kundendienst japanischer Art
Meine Hauptaufgabe ist es, japanische Kunden zu betreuen. Obwohl ich einmal pro Woche Japanischunterricht habe, sind meine Sprachkenntnisse viel zu gering, um mit Kunden zu sprechen. Sie reichen maximal für ein wenig Smalltalk. Deswegen bin ich im Wesentlichen für die Kommunikation mit Deutschland verantwortlich. Besonders hilfreich ist dabei, dass ich in meinem ersten Jahr als Trainee sehr viele Ansprechpartner aus Deutschland kennen gelernt habe und ich dieses Netzwerk hier sehr gut nutzen kann. Ich finde es besonders spannend, zu sehen, welche Ansprüche japanische Kunden haben im Gegensatz zu europäischen.
Details und Hintergründe - das A und O bei der Arbeit
In Japan hinterfragen die Menschen viel mehr und fordern sehr viel mehr Detailinformationen als ich das bisher gewohnt war. Der Kundenkontakt ist hier sehr eng. Die Anfragen werden in einem internen wöchentlichen Meeting gemeinsam mit dem Projektleiter aus Deutschland besprochen und das weitere Vorgehen festgelegt: Wer übernimmt welche Aufgaben? Was hat welche Priorität? Bis wann müssen die Aufgaben erledigt sein? Meine Aufgabe besteht dann darin, Informationen von Kollegen in Deutschland einzuholen und nach dem Status verschiedener Tests zu fragen.
Internationale Projekte
Neben dem "Customer Support" habe ich aus einer vorhergehenden Trainee-Station die Aufgabe mitgenommen, einen Messtechnikabgleich durchzuführen. Darunter versteht man einen Abgleich der vorhandenen Prüfstände einer Sondermesstechnik, um die Korrelationen der Messeinrichtungen untereinander festzulegen und regelmäßig zu überprüfen. Mit meinem Stationswechsel nach Japan ging dieser Abgleich auf internationale Ebene über. Meine Aufgabe besteht darin, zusammen mit zwei deutschen und einem japanischen Kollegen eine neue Strategie für diesen Abgleich durchzuführen.
Meeting zwischen zwei Welten
Dazu leite ich zweimal im Monat von Yokohama aus ein Meeting, bei dem wir den Status überprüfen, die nächsten Schritte definieren und den Zeitplan kontrollieren. Ich bin dafür verantwortlich, diesen Abgleich durchzuführen und muss daher Kollegen aus Deutschland und Japan aus Fertigung und Entwicklung zur Mitarbeit motivieren. Durch das Ende meiner Arbeit in Yokohama gibt es einen festen Termin, bis wann der Abgleich stattgefunden haben muss. Eine Herausforderung ist es, die Meetings zu organisieren. Die Zeitverschiebung ist dabei ein kleines Problem. Aber auch die verschiedenen Arbeits- und Meeting-Kulturen sowie die Sprache erschweren die Kommunikation manchmal.
Urlaubsgeschenke für die Kollegen
Das Thema Urlaub und Feiertage wird in Japan auch anders gehandhabt als in Deutschland. In Japan gibt es zwar Feiertage, aber es wird vom Arbeitgeber geregelt, ob diese Tage wirklich frei sind oder nicht. Bei Bosch in Yokohama werden sie "gesammelt". Anstatt hin und wieder einen Tag frei zu bekommen, hat man dreimal im Jahr eine ganze Woche frei, ohne Urlaub nehmen zu müssen. Das heißt aber nicht, dass Japaner mehr Urlaub hätten: Wird man krank und bleibt deswegen zu Hause, muss man für diese Zeit Urlaub nehmen. Krankschreiben wie in Deutschland gibt es nicht. Auch aus diesem Grund ist man hier mit der Urlaubsplanung sehr sorgfältig und sparsam. Fährt man mal weg, wird nach der Rückkehr den Kollegen ein "omiyage" mitgebracht - ein kleines Geschenk, meist Süßigkeiten. Damit zeigt man, dass man im Urlaub an sie gedacht hat, und sie bekommen eine Entschädigung dafür, dass man sie alleine hat arbeiten lassen. Ungewohnt, aber doch eigentlich eine hübscher Brauch.
