Erfahrungsbericht (Freshfields)

Großkanzlei der offenen Türen

Auch in einer Großkanzlei wird nicht so heiß gegessen wie gekocht. Gehetzte Anwälte, die ihr eigenes Süppchen kochen, suchte e-fellow Alexander beim Workshop "Gesellschaftsrecht" von Freshfields Bruckhaus Deringer jedenfalls vergeblich. Dafür fand er unter den potenziellen Kollegen interessante Persönlichkeiten, die lieber mit juristischem Erfindergeist als nach Rezept arbeiten.

Nach seinem Jura-Studium an der Uni Köln und der Duquesne University in Pittsburgh hat e-fellow Alexander (25) sein erstes Staatsexamen abgelegt. Im Januar beginnt er sein Referendariat. Beim Freshfields-Workshop "Gesellschaftsrecht" konnte er testen, ob seine bisherige Meinung über Großkanzleien der Realität entsprach.

Titel der Veranstaltung

Workshop "Gesellschaftsrecht" bei Freshfields Bruckhaus Deringer

Zeit und Ort

28. Oktober 2010 in Frankfurt am Main

Teilnehmerzahl und Unternehmensvertreter

20 Teilnehmer; Vertreter von Freshfields Bruckhaus Deringer: die Partner Dr. Thomas Bücker, Dr. Christian Decher, Dr. Andreas König, Dr. Markus Paul und Dr. Matthias-Gabriel Kremer sowie die Associates Dr. Sabrina Kulenkamp, Dr. Sabastian Füg, Dr. Ulrich Korth und Silvia Wenzel (Human Resources)

Warum ich an der Veranstaltung teilgenommen habe

"Großkanzlei" – wenn dieses Stichwort fällt, kommen den meisten Jurastudenten ganz bestimmte Assoziationen: positive - fantastische Einstiegsgehälter, Mandate, über die in den Medien gesprochen wird und Arbeit in einem weltweiten Netzwerk, aber auch weniger positive - endlose Arbeitszeiten, unüberschaubare Größe und hoher Erfolgsdruck. Dabei gibt es in den üblichen Gesprächen an der Universität nur "die" Großkanzlei – die Unterschiede zwischen den mittlerweile zahlreichen Vertretern am deutschen Markt kennen die wenigsten Studenten.

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Auch sind die Arbeitsfelder dieser Kanzleien für die meisten Studenten kaum mehr als Schlagworte. Was sich tatsächlich hinter Begriffen wie "M&A", "Core Corporate" oder "Transaktionsbegleitung" im Arbeitsalltag verbirgt, dürfte wohl den wenigsten Absolventen bekannt sein.

Nach meinem ersten Staatsexamen suchte ich nach einer Möglichkeit, eine solche Großkanzlei und ihre Arbeit einmal unverbindlich kennenzulernen. Freshfields Bruckhaus Deringer kannte ich von Veranstaltungen an meiner Heimatuniversität Köln. Als ich dann noch über mein e-fellows.net-Stipendium auf den Workshop "Gesellschaftsrecht" in Frankfurt aufmerksam wurde, stand mein Entschluss fest, diese Chance zu nutzen.

Vielfältige Einstiegsmöglichkeiten

In der Empfangshalle des Frankfurter Büros begrüßte uns Frau Wenzel und begleitete uns in den 20. Stock des Gebäudes. Dort erwartete uns bereits ein Frühstücksbuffet, an dem wir uns stärken und die anderen Teilnehmer kennenlernen konnten, bevor das offizielle Programm startete.

Das begann mit einer Vorstellung der Sozietät und der Praxisgruppe "Gesellschaftsrecht / M&A" durch die Partner Dr. Andreas König und Dr. Markus Paul. Im Anschluss standen beide den Teilnehmern bei ihren zahlreichen Nachfragen Rede und Antwort. Dabei wurde deutlich, dass es nicht "die eine" Karriere als Wirtschaftsanwalt gibt, sondern viele verschiedene Karrieremöglichkeiten: über den Einstieg als wissenschaftlicher Mitarbeiter neben der Promotion, als Referendar oder "fertiger Anwalt" bis hin zu Teilzeit-Modellen oder der Position "Counsel" als Alternative zum klassischen Partner-Track. Die Karrierewege sind so vielfältig wie die Persönlichkeiten, die für Freshfields arbeiten.

Soziale Events statt Leistungsdruck

Besonders interessant war der Vortrag über "die ersten 100 Tage als Freshfields-Anwältin" von Dr. Sabrina Kulenkamp. Spätestens da musste ich meine Vorurteile über Großkanzleien überdenken: Stand da doch eine junge Anwältin, die nicht vom großen Geld, sondern vom guten Teamwork schwärmte, deren Wochenenden üblicherweise frei sind und die von "offenen Bürotüren" und diversen Social Events von Freshfields berichtete. Frau Kulenkamp wurde fast "als eine von uns" wahrgenommen – lag doch ihr eigenes Studium noch nicht allzu lange zurück.

Büro der offenen Türen

Nach einer kurzen Kaffeepause führte uns Dr. Ulrich Korth durch das Frankfurter Büro. Neben dem Ausblick auf die Frankfurter Skyline und der gut ausgestatteten Bibliothek (die sich manch ein Student an seiner Uni ebenfalls gewünscht hätte) fielen in der Tat die meist offenen Türen der Büros auf. Die Suche nach den "typischen" übernächtigen und gestressten Großkanzlei-Anwälten blieb erfolglos.

Die Büroführung endete in der Mitarbeiterlounge im 27. Stock. Hier konnten wir beim MIttagessen in lockerer Atmosphäre zusammen mit diversen Partnern und Associates von Freshfields weitere Fragen bezüglich Karriere, Kanzleikultur & Co. diskutieren.

Erfindergeist statt Fleißarbeit

Am Nachmittag folgten dann die Workshops. Zuerst erläuterte uns Partner Dr. Christian Decher den Begriff "Business Combination Agreement", den wohl maximal zwei bis drei Teilnehmer zuvor jemals gehört hatten. Danach wurden wir in zwei Teams aufgeteilt – also zwei Parteien eines fiktiven Falls. Dabei sollten wir ein eben solches Business Combination Agreement aushandeln, das im Vorfeld einer Unternehmensübernahme geschlossenen wurde. So lernten wir die praktische Bedeutung dieser Vereinbarungen aus Sicht der beratenden Anwälte kennen.

Nach einer Kaffeepause stellte uns Partner Dr. Matthias-Gabriel Kremer dann die nächste Aufgabe: Eine Bank will ihr Privatkundengeschäft verkaufen: Wie soll dieser Vertrag vollzogen werden? Die Vorschläge von uns Teilnehmern erwiesen sich allesamt als nicht empfehlenswert. Die Lösung des Falls bestand schließlich in einer Kombination aus Umwandlungsrecht und M&A. Spätestens hier wurde mir klar, wie interessant die Arbeit als Wirtschaftsanwalt bei Freshfields ist, da sie sich keineswegs in bloßer Fleißarbeit erschöpft, sondern täglich neuen "juristischen Erfindergeist" fordert.

Eine Hauptversammlung aus Anwaltssicht

Schließlich erlebten wir im letzten Workshop des Tages die Vorbereitung und Begleitung der Hauptversammlung einer börsennotierten Gesellschaft. Was ich bisher aus Sicht eines Kleinaktionärs erlebt hatte als ein Event, bei dem es freie Verpflegung und diverse Geschenke gab, stellte sich aus Sicht eines Anwalts als sehr anspruchsvoll dar. So erfuhren wir zum Beispiel von den Methoden sogenannter "professioneller Aktionäre", die bewusst fehlerhafte Beschlüsse provozieren und dann versuchen, Hauptversammlungsbeschlüsse mittels Anfechtungsklagen zu blockieren.

Nach der Großkanzlei in die Genussakademie

Im Anschluss daran wurden wir mit einem Bus in unser Hotel gebracht, um uns "frisch zu machen" für den gemütlichen Teil des Abends, der in der Genussakademie stattfand, einer Kochschule in der Frankfurter Innenstadt.

Dort bereiteten wir, gemeinsam mit diversen Anwälten von Freshfields, selbst unser Drei-Gänge-Menü zu. Nachdem Krawatten und Sakkos abgelegt und die Ärmel hochgekrempelt waren, entstand schnell eine lockere Atmosphäre, und bei Rindergeschnetzeltem und Rotwein diskutierten wir letzte Fragen zu Referendariat, Karriereperspektiven, Vereinbarkeit von Beruf und Familie oder der vielzitierten Work-Life-Balance.

Mein persönliches Fazit

Auch bei Großkanzleien wird nichts so heiß gegessen wie gekocht: Die Anwälte dort sind auch "nur" Menschen, die ein Privatleben und Interessen jenseits der Arbeit haben. Ein Berufseinsteiger wird dort grundsätzlich nicht alleingelassen und den klassischen Einzelkämpfer, der nur mit Ellenbogen im Haifischbecken Großkanzlei überlebt, wird man vergeblich suchen.

Wem ich die Veranstaltung weiterempfehle

Empfehlenswert ist die Teilnahme sicherlich für all jene, die mit den gängigen Vorurteilen über Großkanzleien aufräumen und sich lieber selbst ein Bild machen wollen. Zudem ist der Workshop eine wertvolle Orientierungshilfe hinsichtlich des Referendariats oder des Berufseinstiegs, da man viele potenzielle Kollegen kennenlernt.

Alumni-Porträt Stephanie Haarmann von Bosch, Bildquelle: sxc.hu, User: clix

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